Journalismus in Zahlen

Wenn man im Jahr 2015 über Journalismus spricht, dann denkt man immer noch in traditionellen Kategorien. Egal, ob als Produzenten oder als Konsumenten: Unsere Flexibilität ist in den vergangenen Jahren ja ohnedies schon reichlich strapaziert worden. Reicht es dann nicht, wenn wir sagen: ok, es gibt dieses Internet jetzt auch noch. Sogar mobil. Sogar in Größenordnungen, die wir kaum für möglich gehalten haben. Und damit ist es dann auch mal wieder gut…

Die total vernetzte Gesellschaft - was bedeutet das eigentlich für den Journalismus? Und für die Definition von "Rundfunk"? (Foto: Jakubetz)
Die total vernetzte Gesellschaft – was bedeutet das eigentlich für den Journalismus? Und für die Definition von „Rundfunk“? (Foto: Jakubetz)

Man ahnt: Nein, das alles wird leider mal wieder nicht ausreichen. Die nächsten große Veränderungen sind schon wieder im Anmarsch. Das Verrückte ist: Wir wissen nicht mal genau, wie sie aussehen werden, nur dass sie vermutlich wieder groß und umfassend sein werden – das ahnen oder befürchten wir, ganz nach individueller Sichtweise.

Einer, der sich schon geraume Zeit mit diesen auf den ersten Blick eher abseitigen Themen beschäftigt, ist Marco Maas. Der Spezialist für Datenjournalismus hat mit seinem Projekt „Open Data City“ schon einige Dinge gemacht, die man noch vor einigen Jahren eher ausgeschlossen hätte. Doch Maas hat natürlich nicht nur Zahlen im Kopf – sondern auch das „Internet der Dinge“.

Das Internet der Dinge? Kühlschränke und Heizthermostate sollen jetzt also auch noch die Art beeinflussen, wie wir Medien konsumieren? Was erst einmal etwas weit hergeholt klingt, wird klarer, wenn man den Gedanken der Vernetzung sehr konsequent zu Ende denkt. Eine „smarte“ Wohnung könnte, genug Intelligenz vorausgesetzt, nicht nur die aktuellen Bedürfnisse, sondern auch das momentane Zeitbudget eines Users quasi in Echtzeit ermitteln – und gleichzeitig versuchen, Angebot und potentielle (Medien-)Nachfrage zu matchen. Punktgenaue Information, sowohl was die inhaltlichen Bedürfnisse als auch den gerade passenden Ausspielkanal angeht – Zukunftsmusik? Nein, sagt Marco Maas. Journalisten müssten darüber nachdenken, dass gerade wieder neue Plattformen entstünden, auf denen Medien ausgespielt werden können.

Unbeantwortet bleibt bei einem solchen Thema naturgemäß allerdings die Frage, ob User das auch wollen. Schließlich gibt es zumindest gefühlte Grenzen, die man nicht überschreiten sollte. „Google Glass“ ist u.a. vermutlich auch daran vorläufig gescheitert, dass Menschen nicht wussten, was da hinter scheinbar so harmlosen Brillengläsern passiert. Eine „intelligente“ Wohnung, die sogar den aktuellen „Medienbedarf“ ermittelt, das kann einem schon ein bisschen gruselig vorkommen. Obwohl es auf der anderen Seite ja heutzutage genügend Dinge gibt, die man vor wenigen Jahren noch als weitgehend unvorstellbar bezeichnet hätte…

Das große Zahlenspiel

Wie dem auch sein, in der digitalen Welt nicht erst von morgen dreht sich sehr vieles um Zahlen und Daten. Wie nahezu immer bei allen Technologien gilt: Zahlen, Big Data, sind erst einmal weder gut noch böse. Es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Aus Sicht von Marco Maas haben die Potentiale von „Big Data“ eine Komponente, die man erst auf den zweiten Blick sieht: Sie erschließen Themen. Auch das wird also vermutlich bald zum Alltag für Journalisten und User gehören: Zahlen aufzubereiten, sie als Information zu begreifen, sie inhaltlich zu verstehen.

Ein weiterer Faktor für Marco Maas: der Gebrauch von Sensoren. Sensoren messen heute schon alles mögliche. Vom Grad der aktuellen Luftverschmutzung bis hin zur momentanen Verkehrslage. Würde man es schaffen, sich aus diesen vielen Einzelsensoren und den damit verbundenen singulären Informationen ein echtes Netzwerk zu schaffen, das Informationspotential wäre gewaltig.

Was das alles mit BR24 zu tun hat? Auf den ersten Blick nicht so rasend viel. Weil wir uns jetzt gerade, kurz vor dem Start der App und des gesamten Projekts, nicht ernsthaft mit vernetzten Wohnungen beschäftigen (was auch daran liegt, dass es sie in dieser Form bisher auch noch gar nicht gibt). Trotzdem steht natürlich auch für uns die Frage im Raum: Wie definieren wir künftig Journalismus, welche Information bereite wir wie auf? Natürlich wäre der Zusammenschuss eines bayerischen Sensorennetzes irgendwann eine echte Option, gerade für eine App, die man ja immer bei sich trägt. Und natürlich müssen auch wir über „Big Data“ nachdenken und die grundsätzliche Frage, ob Rundfunk wirklich per Definition immer nur bedeutet, dass ein Sender für sehr viele Empfänger  das immer gleiche Programm abstrahlt.

Meinungen dazu, was Rundfunk der Neuzeit eigentlich bedeutet? Wir freuen uns über Anregungen in den Kommentaren.

 

Von Christian Jakubetz am 18. Mai 2015 um 11:13 Uhr

3 KOMMENTARE

  1. avatar Julius Kolb sagt:

    Hallo – hier kommt meine Lieblingsfrage: wird es die App auch für windowsphone geben? So wie ich euch kenne ist die Antwort: nein.
    Und drum mein eindringlicher Kommentar: DOCH! Es muss sie geben. Es reicht eh schon, dass sich öffentlich-rechtliche Sender von börsenorientierten global playern wie youtube, apple, google, twitter und co an die Kette nehmen lassen. Ist das überhaupt zulässig, dass ÖR-Sender mit ihren strengen Werbe – und Product-Placement – Auflagen alle paar Minuten schöne Werbesätze fallen lassen wie: „Schreiben Sie uns via facebook.“
    Drum: macht das auch für windows-Leute zugänglich. W10 kommt – es gibt viele Geräte – und Ausgrenzung macht angreifbar, siehe oben… in diesem Sinne: Packt es an!

    • avatar hindlr sagt:

      Lieber Julius Kolb, voll erwischt. Wie im Blog an der ein oder anderen Stelle bereits erwähnt, gehen wir zunächst mit einer Beta-Version an den Start. Diese leider erst einmal für Android und iOS. Unsere Entwickler haben aber Windows-Nutzer auch auf dem Schirm. Deshalb geben wir Dein Feedback gerne weiter. Zu Deiner Kritik am Umgang von uns Öffentlich-Rechtlichen mit Social-Media-Kanälen, die zwar hier nicht zum Thema passt, die aber nicht ungehört verhallen soll. In der Regel geben die Kollegen unseren Hörern oder Zuschauern mehrere Kanäle an, über die sie die jeweiligen Redaktionen kontaktieren können. Also: Telefon, E-Mail, Kommentar-Bereich auf unseren Homepages sowie auch Facebook, Twitter und Co (sofern letztere Kanäle von den einzelnen Sendern/Sendungen bespielt werden). Du hast recht, als Öffentlich-Rechtliche müssen wir nicht nur, sondern wollen wir uns auch strikt an die Regeln halten. Deshalb prüfen unsere Juristen ständig, in welchem Rahmen wir uns auf sozialen Netzwerken bewegen dürfen. Allerdings wäre es auch an der Realität vorbei, unserem Publikum seine Nachrichten nicht dort zu liefern, wo es diese bekommen möchte. Übrigens: Ist Microsoft das weiße unter den schwarzen Global-Player-Schafen? 😉

  2. avatar Julius Kolb sagt:

    Nö – ist es sicher nicht. Aber wie es die von hindlr beschriebene Taktik des BR sein mag: am besten alles anbieten/bespielen – da wird schon was Legales drunter sein… So wird das auch was mit den Betriebssystemen. In diesem Sinne: nehme ich euch beim Wort. Übrigens: versucht doch mal im meinetwegen Radioprogramm folgenden Satz zu senden: „Wenn ihnen unsere Sendung gefallen hat, schreiben sie uns. Per Post, oder Hermes-Briefversand, oder DHL oder fedex-Brief oder ups.post oder pin oder city mail oderoderoder…“ – tja, da habt ihr am nächsten Tag nene Juristen am Telefon. Allein schon: weil ihr nicht alle genannt habt und somit Wettbewerbsverzerrung entsteht. Nix falsch verstehen: wir werden schärfstens beäugt – drum: obacht!

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