Was wir alles nicht übers Netz wissen

Es gehört zu den Dingen, auf die sich Kritiker der Digitalisierung am ehesten einigen können: Wer permanent mit Rechnern, Smartphones und Tablets unterwegs ist, der setzt sich einer Reizüberflutung aus. Wer zu viel Information konsumiert, der ist am Ende dümmer als vorher. Und dass unsere Kinder alle nicht mehr wirklich kommunikationsfähig sind und bestenfalls noch über Messenger und Chats miteinander ins Gespräch kommen, ist für viele auch ausgemacht.

Hat sich also was mit der großen Freiheit und den Unmengen an Wissen, die das Internet nach der landläufigen Auffassung digitalfreundlicher Menschen zwangsläufig mit sich bringt. Oder?

Es war 2014, nach Online-Maßstäben also ungefähr vor ungefähr einer halben Ewigkeit, als der Berliner Arzt Dr. Jan Kalbitzer eine heftige Debatte auslöste.  Im Rahmen einer Studie hatte er Ergebnisse entdeckt, die – auch das ist ja im Netzzeitalter irgendwie typisch – einigermaßen verkürzt wiedergegeben wurden: Twitter beispielsweise, so konnte man lesen, könne bei Menschen, die ohnehin eine Neigung dazu hätten, zu Psychosen führen. Was irgendwann dann mal bei der nur halbherzig gestellten Frage führte, ob uns das Internet nicht generell ein bisschen bekloppt mache.

Diejenigen, die es ja schon immer gewusst hatten, sahen sich bestätigt. Die Netz-Euphoriker hielten das ganze für ausgemachten Quatsch, weswegen am Ende das stand, was gerne am Ende von Debatten über das Netz und seine Inhalte steht: Die Euphoriker halten es für eine der größten Erfindungen der Menschheit und die Skeptiker für den Untergang der Zivilisation. Mindestens.

Eher weniger vorgesehen in diesen Debatten ist die Haltung, dass man es schlichtweg noch nicht so genau wisse. Dass sie ausgerechnet von einem der Verursacher der Debatte vertreten wird, ist eine hübsche Ironie, macht aber irgendwie auch deutlich, dass dieses Thema mehr Schattierungen als nur schwarz oder weiß hat. Und dass es gar nicht so einfach ist, darüber ernsthafte Prognosen abzuliefern. „Kurz zusammengefasst“, sagt er deshalb gegenüber dem BR, „wissen wir es nicht genau, was da passiert.“

Das ist möglicherweise die eigentlich interessante Perspektive an den Debatten darüber, was die Unmengen an Informationen bewirken könnten, die jeden Tag im Netz auf uns einprasseln. Dass man nämlich natürlich die Entwicklungen sehr genau im Auge behalten sollte, es allerdings weder für Kulturpessimismus noch für unreflektierte digitale Euphorie Anlass besteht. Dass wir zwar wissen, dass der Wandel nicht aufzuhalten sein wird, dass es aber für endgültige Aussagen für die Auswirkungen dieses Wandels noch schlichtweg zu früh ist.

Von Christian Jakubetz am 16. Juni 2015 um 9:08 Uhr

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