Fünf Jahre – eine Ewigkeit

Lassen Sie sich doch mal eben bitte mitnehmen. In eine Zeitreise in sehr lang vergangene Tage. Reisen wir doch mal eben gemeinsam – ins Jahr 2010…

Sie erinnern sich vielleicht: Damals war WM in Südafrika, die Welt entdeckte gerade, dass die Deutschen nicht nur bolzen, sondern richtig schön spielen können. In Berlin regierte schwarz-gelb und in den USA stellte ein gewisser Steve Jobs das iPhone 4 vor. Obwohl dieses iPhone 4 für damalige Verhältnisse unerhört viele Dinge konnte, in einem waren seine Nutzer zumindest in Deutschland ausgesprochen zurückhaltend: mobil ins Internet gehen galt damals als exotisch (auch wenn es lustig ist, eine Zeitspanne von gut fünf Jahren als „damals“ zu bezeichnen, aber so ist das nun mal im digitalen Zeitalter). Gerade mal 13 Prozent der Smartphone-Besitzer gingen damals mobil ins Netz – aus welchen Gründen auch immer, darüber zu spekulieren, wäre müßig.

7385179150_90e2ef2152_z-2
Es ist gerade mal 5 Jahre er, da galt das iPhone 4 als das Maß aller Handy-Dinge. Damals war mobile Internetnutzung noch eine eher exotische Sache – inzwischen gehört sie zu den selbstverständlichen Dingen der Welt. (Foto: Jakubetz)
Vom exotischen Nutzerverhalten zum Mainstream in nur 5 Jahren – das ist das Tempo der Digitalisierung

Gemessen an heutigem Nutzerverhalten kommen einem diese Zahl wie ein schlechter Witz aus lang vergangenen Tagen vor. Man hat also ein ganz chices Smartphone und geht damit NICHT ins Netz? Das ist ungefähr so, als würde man den neuen multimedialen Fernseher nur zum Radiohören verwenden. Was schließlich sollte man sonst mit einem Smartphone machen, wenn nicht ins Netz gehen?

Es sind, wie gesagt, gerade mal alberne fünf Jahre, in denen sich ungefähr alles geändert hat. Wenn wir heute über die Zukunft von Medien sprechen, dann fallen ganz selbstverständlich Begriffe wie „Mobile“. Und nicht nur das: Momentan dürfen wir davon ausgehen, dass mobile Mediennutzung künftig eher der Standard als die Ausnahme sein wird (wenn sich nicht gerade mal wieder alles ändert, weil irgendjemand etwas erfindet).

Das heißt aber auch für Journalisten im Allgemeinen und den BR im Besonderen, dass wir nicht weniger tun müssen, als ungefähr alles neu definieren zu müssen. Sogar Dinge wie das klassische Fernsehen oder Radio. Wenn man mit einem Smartphone oder einem Tablet jedes Medium abbilden kann, wenn also das Handy in der Hosentasche eben auch ein potenzieller Fernseher oder ein Radio ist, ist es dann nicht absurd, weiterhin Radio und Fernsehen so zu machen, als seien der Fernseher im Wohnzimmer und das Radio in der Küche nach wie vor die einzigen Empfangsgeräte?

Müssen wir also nicht noch sehr viel weitergehen, als wir es mit BR24 ohnehin schon gemacht haben? Müsste man nicht auch versuchen, klassische Medien smrtphonegerecht zu übersetzen und zu transformieren? Kann es womöglich nicht sogar sein, dass es in 15 Jahren gar kein Radio als Endgerät mehr gibt, nicht mal mehr in der Küche? Wenn ich mir meine beiden entzückenden Töchter so anschaue (16 und 13 Jahre alt), dann vermute ich, dass sie es als Treppenwitz betrachten würden, wenn ich ihnen zum Einzug in die erste Studentenbude ein Radiogerät schenken würde. Router und WLAN wären deutlich überlebenswichtiger, Smartphone haben sie ja ohnehin schon.

Viele wollen auf das mobile Netz nicht mehr verzichten. Warum sollten sie auch?

Lassen Sie sich nicht irritieren, wenn ich hier von zwei pubertierenden Töchtern erzähle. In dieser Hinsicht sind sie nämlich so normal wie nur was. 55 Prozent der Deutschen gehen inzwischen mobil ins Netz, eine Nutzung im Übrigen, die laut der aktuellen ARD-ZDF-Onlinestudie als „so selbstverständlich wie ohne Kleingeld und der Suche nach einem Apparat zu telefonieren“ bezeichnet wird. Und: Rund ein Viertel der Onliner stimmt inzwischen der Aussage zu, auf das mobile Netz nicht mehr  verzichten zu wollen. Warum sollten sie auch?

Das alles hat natürlich, ob man will oder nicht, Auswirkungen auf die Mediennutzung. Wer unterwegs beim Blick auf das Smartphone Nachrichten lesen/sehen/hören kann, der wird das im Regelfall auch tun. Die Kette der Konsequenzen ist damit noch nicht vorbei: Wer seine Nachrichten zu einem beträchtlichen Teil schon mobil konsumiert, dürfte vermutlich dafür Abstriche bei seiner bisherigen, eher konventionellen Mediennutzung machen. Dass also jemand weiter brav TV schaut, Radio hört, Zeitung liest, wenn er doch mit seinem Smartphone das alles mehr oder weniger gleichzeitig machen kann, muss man bezweifeln.

Das alles steht hier, weil wir das natürlich auch beim BR wissen. Natürlich will niemand Fernsehen und Radio dichtmachen, dazu wird es dann doch zu viel genutzt. Aber der Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders ist eben die Grundversorgung. Und wenn diese Grundversorgung künftig auf anderen Kanälen bzw. Endgeräten stattfindet, dann müssen auch wir uns Gedanken dazu machen. BR24 ist immerhin schon mal ein Anfang. Einer mit ungewissem Ausgang.

So wie momentan ungefähr alles in der digitalen Medienwelt.

 

Von Christian Jakubetz am 11. November 2015 um 8:36 Uhr

Kommentieren:

Kommentare werden vor der Freischaltung geprüft. Links sind nicht gestattet.
Mehr in den Kommentarrichtlinien.