Facebook: Geliebter Feind

Der bayerische Finanzminister Markus Söder hat unmittelbar nach den Anschlägen in Paris einige Sätze gesagt, über die es sich kontrovers debattieren lässt. Unter anderem sagte Söder, es müsse Schluss sein damit, dass junge Männer aus Flüchtlingsgebieten nahezu unkontrolliert nach Deutschland kommen und sich dort quasi nach Belieben bewegen könnten. Der BR hat – natürlich – darüber berichtet. Und diese Sätze des Ministers auch zur Debatte gestellt: Ist das eine völlig berechtigte Forderung oder doch eher populistischer Unsinn?

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Wenig überraschend: Die Debatte nahm schnell an Fahrt auf. Und nicht nur diese. Weil in den Tagen des Terrors von Paris viele Menschen sehr viel sagten (und es immer noch tun) und dabei naturgemäß sehr großer Diskussionsbedarf entsteht. Insgesamt sind in den letzten Tagen auf der Facebook-Seite von BR24 hunderte Kommentare aufgelaufen, ebenso oft sind Beiträge geteilt worden. Ausnahmesituationen wie diese zeigen auch uns Journalisten wieder sehr deutlich, wie sehr sich Journalismus gewandelt hat. Wie wichtig es ist, nicht einfach nur zu berichten, zu analysieren, zu kommentieren. Genauso bedeutend ist es geworden, zu kommunizieren, zu interagieren und manchmal auch, wichtige neue Anregungen und Hinweise der Nutzer aufzunehmen und zu verarbeiten.

Wir geben zu, dass wir gerne auch an anderen Orten mit Ihnen debattieren würden

Zugegeben: Man sieht das als Journalist mit gemischten Gefühlen. Natürlich finden wir es großartig, dass die Kommunikation mit unseren Nutzern so einfach geworden ist. Und selbstverständlich wissen wir es zu schätzen, dass Journalismus dadurch eine völlig neue Dimension gewonnen hat. Dass Journalismus inzwischen auch eine Art Dialog ist, dass Journalismus nicht mehr das Produkt von älteren Männern ist, die sich in Einzelbüros verbarrikadieren – alles großartig.

Gleichzeitig aber merken wir – wie ungefähr alle anderen Kollegen auch – dass unsere originären Angebote zunehmend weniger die Orte sind, an denen diese Kommunikation stattfindet, an denen diskutiert und gestritten wird. Diese hunderte Kommentare fanden vor allem bei Facebook statt. Der eine oder andere von Ihnen mag jetzt denken: Ja, wo denn sonst? Stimmt schon, natürlich sind die sozialen Netzwerke, allen voran Facebook, zu einem sehr zentralen Ort geworden, an dem wir alle uns treffen, dort von ganz leichten Themen bis hin zu den zentralen Fragen dieser Welt ungefähr alles debattieren. Was naheliegend ist, weil soziale Netzwerke mit ihren Abermillionen Mitgliedern ein zentraler Treffpunkt sind, von dem man weiß, dass man dort vergleichsweise leicht vergleichsweise viele Menschen erreichen kann.

Aber wir sehen auch die Gefahren. Beispielsweise die, dass da ein einzelner Riesenkonzern wie Facebook alles absorbiert, was es an Information und Kommunikation im Netz gibt. Ein Konzern, der seine sehr eigenen Regeln aufstellt und damit, ob er will oder nicht, die Art und Weise massiv beeinflusst, wie wir miteinander kommunizieren. Um ehrlich zu sein: Diese unzähligen und unsäglichen Hasskommentare, die bei Facebook zu Tausenden herumgeistern, würden wir auf Angeboten des BR nicht zulassen. Bevor jetzt jemand „Zensur“ brüllt:  Schon mal darüber nachgedacht, welchen Sinn solche hasserfüllten Beiträge machen?

Und wir sehen natürlich auch, dass eine Sache wie ein Algorithmus massiv unsere Informationen steuert. Wie er das beeinflusst, was Menschen zu sehen bekommen und was eben nicht. Natürlich, seit Anbeginn der Zeit war es immer so, dass Menschen ihre Informationen filtern mussten, weil niemand in der Lage ist, alles zu verstehen und zu verarbeiten. Es spricht auch erst einmal nichts dagegen, wenn dieser Filter ein Algorithmus ist. Aber diese Konzentration von soviel (Meinungs-)Macht in einer Hand, die sieht man nicht nur als Journalist skeptisch, sondern auch als ganz normaler Privat-User.

Für uns ist das alles also durchaus ein Zwiespalt. Natürlich müssen Journalisten da sein, wo die Nutzer sind, das leuchtet uns ein – und das tun wir auch. Und trotzdem, mit jedem Beitrag, den wir auf Facebook teilen, mit jedem Thema, das wir dort kommentieren, stärken wir die Macht von jemandem, von dem man befürchten muss, dass er ohnehin sehr viel, vielleicht sogar zu viel Macht besitzt.

Wir bleiben da – natürlich, was auch sonst?

Das Dilemma ist aktuell nicht auflösbar für uns (so wie für die meisten anderen Kollegen auch). Natürlich macht das niemand wirklich aus Begeisterung, natürlich hätte jeder sein Publikum lieber für sich.  Trotzdem bleiben wir da. Weil sich der Journalismus auf Dauer nicht seinen Nutzern verweigern kann und will. Weil wir nicht ignorieren wollen und können, wenn sich die virtuelle Welt gerade in diese Richtung verlagert.  Und weil wir nicht mal im Ansatz den Eindruck erwecken wollen, wir könnten ein bisschen beleidigt sein, weil Sie sich zum Debattieren lieber bei Facebook als bei uns tummeln.

Also bleiben wir da. Natürlich. Was auch sonst.

Aber vielleicht denken Sie trotzdem mal dran, wie das inzwischen so ist in der digitalen Welt. Nicht nur bei Medien, nicht nur bei Facebook. Daran, dann wir keineswegs immer nur die geschätzten Kunden der Internet-Riesen sind. Sondern immer auch ihr Produkt.

Von Christian Jakubetz am 16. November 2015 um 2:54 Uhr

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