Wie das Bild das Netz bewegt

Würde man Studenten der Wirtschaftswissenschaften zeigen wollen, wie das so ist mit diesem sogenannten „Produktlebenszyklus“ – man könnte ihm das Fernsehen (und andere klassische Medien) als ein Musterbeispiel vorführen. Und man könnte ihm gleichzeitig auch noch ein Proseminar über die Gefahren von Managementfehlern geben, die dann auftreten, wenn man sich seiner Sache doch eigentlich ziemlich sein könnte…

Produktlebenszyklus2
Grafik: Wikipedia

Tatsächlich aber lauert diese potentielle Falle auf uns alle, die wir noch irgendwas mit diesen analog-linearen Medien zu tun haben. Wir könnten uns nach hinten lehnen, zufrieden auf unser Tagwerk verweisen – und auf die absoluten Zahlen. Demnach ist Fernsehen immer noch das populärste Medium in Deutschland. Dass sich das ändert, ist nicht abzusehen. Zumindest für eine bestimmte Zeit nicht.

Diese Sache mit dem „Produktlebenszyklus“ ist allerdings ein bisschen wie beim Bergsteigen. Wenn man den Gipfel erst einmal erreicht hat, muss man zwangsweise den Weg nach unten antreten. Was man sich vermutlich gar nicht vorstellen kann, wenn man irgendwo da oben steht, die unversperrte Aussicht genießt und alle anderen (noch) unter und hinter sich weiß. Trotzdem zeigen uns bei genauem Hinschauen die Zahlen jetzt schon anderes. Nämlich, dass dieser Abstieg langsam beginnt und das Produkt Fernsehen den Höhepunkt seines Lebenszyklus bereits erreicht hat. Zumindest dieses Produkt Fernsehen, wie wir es jetzt kennen.

Fernsehen stirbt und ist trotzdem so wichtig wie noch nie

Bevor jetzt irgendjemand erstaunt ausruft, der BR prophezeie hiermit seinen eigenen Untergang: Man muss bei solchen Betrachtungen natürlich immer sehr genau wissen, von was man überhaupt spricht. Mit diesen Betrachtungen zum Produktlebenszyklus ist nur das konventionelle TV gemeint. Dieses Fernsehen, wie es die Älteren unter uns alle von klein auf kennen. Das Fernsehen, das man irgendwann einschaltet und dann mal schaut, ob was kommt. Das verliert schon jetzt allmählich an Bedeutung. Schon alleine deswegen, weil es inzwischen so ein gigantisch großes Angebot an On-Demand-Medien gibt, dass schlichtweg der Bedarf für lineare Programme zurückgeht. Das hat nichts damit zu tun, ob Fernsehen, Radio oder auch Zeitungen gut oder schlecht sind, sondern erst einmal nur mit den veränderten Rahmenbedingungen.

Trotzdem dürfen Fernsehmenschen weiter optimistisch durchs Leben gehen (eine Tatsache, die man in den Zeiten allgegenwärtiger Medienkrisen kaum hoch genug schätzen kann). Das klingt auf den ersten Blick wie ein Widerspruch, erklärt sich aber dann, wenn man einen Blick auf die Entwicklungen der digitalen Medienwelt wirft: Auch im Netz, egal ob mobil oder stationär, ist Bewegtbild der nachgefragteste Inhalt. Und das von mikroskopisch kleinen Formaten wie 15-Sekünder in sozialen Netzwerken bis hin zum Thema Streaming und Video-On-Demand. Möglicherweise also erleben wir zwar gerade, wie das „normale“ Fernsehen an Bedeutung verliert – aber gleichzeitig erleben wir eben auch, wie sich Fernsehen in verblüffend vielen Variationen neu erfindet.

Das bedeutet aber eben auch, dass unsere Entwicklungen hier weitergehen. Dass wir uns auf die Suche nach Ideen und Formaten machen müssen, die den Wünschen der Zuschauer entsprechen. Fernsehen ohne fernzusehen sozusagen. Ein kleiner Blick auf die aktuellen Zahlen der ARD-ZDF-Onlinestudie zeigt, wie viel Potential und Vielfalt zugleich in dem Thema Bewegtbild im Netz steckt. Das kann, muss aber keineswegs nur „normales“ Fernsehen sein:

videonutzung

Gleichzeitig bekommt man aber auch eine andere Ahnung: TV-Sender müssen das, was sie für ihr Publikum künftig sein wollen, vollständig neu definieren. Digitale Transformation bedeutet dann sehr viel mehr als nur das Digitalisieren von ohnehin bereits vorhandenen Inhalten.

Vermutlich muss man all diese Dinge, die gerade beim BR passieren – von BR24 bis hin zum Relaunch der „Rundschau“ unter diesem Aspekt sein: den Wandel hin zu einem zeitgemäßen Medium, bei dem lineares Fernsehen weiter ein wichtiger Bestandteil sein wird. Aber eben nur einer von vielen.

Von Christian Jakubetz am 14. Dezember 2015 um 5:52 Uhr

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