Was wirklich zählt…

Liebe Mit-Bayern, ihr müsst jetzt sehr tapfer sein – aber es ist Zeit für harte Wahrheiten: Ich bin ein Niederbayer, geboren in Straubing, aufgewachsen teilweise in Dingolfing und später auch nochmal kurzzeitig dortselbst als sehr junger Journalist tätig.  Wenn ich Nachrichten und Geschichten aus Niederbayern höre, dann achte ich auf sie mindestens genauso wie auf Geschichten aus meiner Wahlheimat München. Das muss irgendwas mit Nostalgie zu tun haben, weil ich schon lange nicht mehr dort lebe – erstaunlich also, was so uralte Erinnerungen an früher mit einem machen können.

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Wissen, was wirklich wichtig ist. Und vor allem relevant. Das kann mit Regionen, aber natürlich auch mit Ressorts und Themen zu tun haben. (Foto: BR/Lea Hinder)

Ich erzähle diese Geschichte deshalb hier, weil ich angesichts dieser kleinen Macke immer auch etwas anderes feststelle. Nämlich, dass sich mein persönliches Interesse für, sagen wir, Oberfranken in ziemlichen Grenzen hält. Ich habe dabei nicht mal ein schlechtes Gewissen, weil ich umgekehrt davon ausgehe, dass ich einen Oberfranken mit Geschichten aus Niederbayern nur sehr mäßig beglücken würde. So ist das nunmal in einem Flächenland wie dem Freistaat Bayern. Von Passau nach Aschaffenburg beispielsweise fährt man um die 400 Kilometer – nach Frankfurt oder Darmstadt ist es von da aus sehr viel näher als nach Niederbayern oder in die Alpen.

Das geht uns nicht nur beim Thema Bayern sei, sondern bei allem. Bei jedem Thema. Es gibt niemanden, der sich für alles gleichermaßen interessiert.  Ich glaube sogar: Im Zeitalter des digitalen Overkills, in denen wir potentiell zu jeder Sekunde und an jeder Stelle Informationen aufnehmen können, kommt es sehr darauf an, genau das nicht zu tun. Man kann durchaus mit zu vielen Informationen verblöden. Weil man irgendwann nicht mehr in der Lage ist, Dinge einzuordnen und zu verstehen. Und das Netz kann eh schon lange niemand mehr leer lesen.

Wir müssen also Filter setzen. Uns sehr genau überlegen, was wir noch wissen wollen. Und was eben nicht. Man kann, gerade als jemand, der noch in analogen Zeiten aufgewachsen ist, als eine Art Sünde empfinden. Man wirft Informationen nicht weg. Vermutlich ist das immer so, wenn man nicht aus den Zeiten des Überflusses kommt. Trotzdem führt kein Weg daran vorbei:  Weg mit dem, was uns überfordert und was für uns persönlich nicht von Relevanz ist.

Wir müssen immer öfter auch wissen, was wir nicht wissen wollen

Das ist eine Aufgabe, die früher wir Journalisten versucht haben zu erledigen. Wir mussten in diesen analogen Zeiten der Filter sein, der wichtiges und unwichtiges voneinander trennt und der letztendlich auch entscheidet, wie relevant Dinge für eine vergleichsweise große Menge von Menschen sind. Natürlich müssen wir das auch heute noch, aber so ganz alleine bekommen wir das nicht mehr hin (falls das nicht schon immer ein sehr verwegener Anspruch gewesen sein sollte).

Dafür gibt es mittlerweile eine ganze Reihe Technologien, die schon jetzt unseren Alltag entscheidend mitbestimmen. Neben den allgegenwärtigen und überall mitlaufenden Algorithmen spielt das Thema Personalisierung eine zunehmend wichtigere Rolle. Für Nutzer genauso wie für Journalisten. Diese Rolle ist sogar so groß, dass sie bei den Entwicklung der BR24-App in den Vordergrund aller Überlegungen gestellt wurde. Nicht als Gimmick, nicht als nette technische Spielerei, die man mal macht, weil man es eben kann. Sondern tatsächlich aus genau diesen Überlegungen heraus: Brauchen wir überhaupt noch einen Journalismus, in dem eine mehr oder weniger kleine Menge an Menschen entscheidet, was für den einzelnen wichtig sein könnte? Dass es das weiter geben wird und muss, das ist unbestritten, wir machen das im Fernsehen oder im Radio bei der „Rundschau“ oder B5aktuell jeden Tag noch so.

Die Bedeutung dessen aber, was Personalisierung ausmacht, steigt im Netz und auf mobilen Plattformen jeden Tag massiv an. Niemand braucht ausgerechnet auf dem Smartphone noch eine App, die Unmengen an Informationen raushaut. Siehe das Beispiel oben: Es ist niemandem wirklich geholfen, wenn er jetzt plötzlich alle Informationen aus Bayern bekommt (es sei denn, er will das unbedingt). Tatsächlich also bedeudet Mediennutzung heute vor allem eines. Reduzierung. Auf das, was wirklich zählt.

Von Christian Jakubetz am 21. Dezember 2015 um 7:53 Uhr

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