Zahlen lügen doch

Eine kleine Rechnerei zu Beginn: Was wiegt mehr, ein paar Millionen Zuschauer bei der „Tagesschau“ oder ein paar tausend Follower bei „Twitter“? Die Frage mag Ihnen erst einmal eher verwegen vorkommen, weil die Antwort bei diesen Größenordnungen auf der Hand liegt. Zumindest vordergründig. Dabei ist die Sache mit den Zahlen in der Medien-Branche in den Zeiten des Umbruchs so eine Sache, wie wir gleich sehen werden…

Statistik: Fernsehkonsum: Tägliche Sehdauer der Deutschen in Minuten nach Altersgruppen (16. Dezember 2015) | Statista
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Erstmal die nackten Zahlen (und über die freut sich – ebenfalls vordergründig – jede Sendeanstalt in Deutschland): Es wird nach wie vor geschaut, als gäbe es kein Morgen. Statistisch gesehen schaut jeder Deutsche am Tag über drei Stunden in die Röhre, die inzwischen meistens eher Plasma oder LED ist. Am 16. Dezember beispielsweise waren es genau 222 Minuten, die im Gesamtpublikum (ab 3 Jahre) geschaut wurde.

Das klingt erstmal nach einem fröhlichen „Weiter so“, weil solche Zahlen vordergründig nahelegen: Ganz egal, was passiert, ferngesehen wird immer. Schaut man sich diese Zahlen aber genauer an, dann kann man schnell und unschwer herauslesen, dass das ein Trugschluss ist. Oder besser gesagt: in dieser Form nicht so ganz richtig.

Weil sich eines aus diesem mehr oder weniger typischen Fernsehtag herauslesen lässt: Fernsehen ist – wie alle anderen „alten“ Medien auch – eines, das mittlerweile eines für ein älteres Publikum ist. Nein, natürlich verfällt der BR ganz gewiss nicht dem, was man inzwischen so abfällig „Jugendwahn“ nennt. Das Fernsehen konventioneller Prägung hat also weiterhin seine Berechtigung, schon alleine deswegen weil ein öffentlich-rechtlicher Sender so etwas wie einen Grundversorgungsauftrag hat.

Der Auftrag gilt für alle, selbst für die, die nicht mehr fernsehen

Dieser Auftrag gilt allerdings für alle und somit auch für das andere Ende der Skala. Für ein jüngeres Publikum, das wir (und alle anderen auch) mit klassischem Fernsehen immer weniger erreichen. Schon jetzt, siehe Statistik, schauen 14-29Jährige nur noch halb so lang fern wie der Durchschnittsdeutsche. Über die Gründe mag man spekulieren und ganz sicher gibt es mehr als einen. Trotzdem ist unbestritten: Fernsehen im herkömmlichen Sinne ist schlicht und ergreifend nicht mehr das Medium, mit dem Menschen dieser Altersklasse sich bevorzugt informieren. Das gar vermutlich weniger mit den Inhalten als mit der technischen Spezifikationen dieses Mediums zu tun. Warten, bis es mal im Programm ein Sendefenster für Nachrichten gibt? Mit dieser Vorstellung bringt man den Durchschnitts-Zwanziger des Jahres 2016 vermutlich nicht mal mehr zu einem ironischen Lächeln.

Was wiederum bedeutet: Wenn wir es wirklich erst meinen mit diesem öffentlich-rechtlichen Grundversorgungsauftrag, dann müssen wir das eine tun, ohne das andere zu lassen. Konkret: Natürlich weiterhin gute, lineare TV- und Radioprogramm anbieten, gleichzeitig aber auch dort vertreten zu sein, wo sich ein immer größer werdender Anteil von Menschen bevorzugt seine Informationen herholt. Und das ist nunmal eindeutig das Netz, wobei wir auch hier schon wieder von neuen Entwicklungen überrollt werden: Eine klassische Webseite? Das ist so 2009, irgendwie. Dass die Zukunft im Netz sehr viel mit mobilen Endgeräten und mit sozialen Netzwerken zu tun haben wird, ist mittlerweile unbestritten. Ob uns das jetzt passt oder vielleicht auch nicht…

Klar, das Publikum zersplittert. In Zeiten eines gigantisch großen Angebots wäre es naiv zu glauben, dass im Zuge dessen nicht auch die Zielgruppen kleiner würden. Jede dieser Gruppen ist allerdings auch Beitragszahler und deshalb sind die vergleichsweise wenigen Twitter-Follower genau wichtig und ernst zu nehmen wie die abendlichen Fernseh-Millionen.

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Natürlich wird Fernsehen nicht sterben. So wie überhaupt die „alten“ Medien nicht sterben werden, auch wenn ihnen der mehr oder weniger schleichende Tod schon lange vorausgesagt wird. Wohl aber werden sie sich in mehr oder weniger große Nischen verabschieden, weil das neue Massenmedium am besten wohl einfach nur „Digital“ genannt wird (falls zufällig Medienwissenschaftler unter Ihnen sein sollten: schon klar, „Digital“ist natürlich kein Medium im klassischen Sinne, aber es fasst als Begriff das alles, was es inzwischen gibt, bestens zusammen).

(Foto: Alexander Svensson, Lizenz: CC BY 2.0)
(Foto: Alexander Svensson, Lizenz: CC BY 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode)

Natürlich wird Fernsehen nicht sterben. Weil man damit immer noch wunderbar Zeit verbringen kann, weil man es in Situationen nutzen kann, die On-Demand-Medien einfach nicht abbilden können. Natürlich ist es hübsch, sich immer alles auf Abruf und womöglich auch noch personalisiert beschaffen zu können. Aber ab und an ist es ja auch mal ganz schön, sich einfach treiben und sich schon etwas Konfektioniertes vorsetzen zu lassen. Und dass 20-Uhr-Nachrichten auch im digitalen Zeitalter noch ihre Berechtigung haben, belegen ja die Millionen Menschen, die jeden Tag einschalten, wenn der Gong der „Tagesschau“ oder das Intro der „Rundschau“ ertönt.

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In diesem Sinne: Danke dafür, dass Sie in diesem Jahr hier mitgelesen haben. Ohne Sie gäbe es BR24 nicht. Weil diese Idee, diese App sehr stark von dem Gedanken geprägt war und ist, sie auch von den Usern mit entwickeln zu lassen. Es gab im Laufe des letzten Jahres enorm viel Feedback und eigentlich nie eines, aus dem man nicht Schlüsse ziehen hätte können – sogar aus der Kritik, die es natürlich auch gegeben hat.

Wir haben aber gerade erst angefangen. Die Veränderung ist die einzige Konstante, die es gibt, nicht nur im richtigen Leben, sondern sogar im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Von Christian Jakubetz am 27. Dezember 2015 um 8:54 Uhr

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