Mobil ist das neue Normal

Tablets zu groß, „normale“ Handys zu klein – doch jetzt hat sich eine Gerätegröße durchgesetzt , die für die mobile Mediennutzung wie geschaffen scheint…

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Vor ungefähr zehn Jahren gab es eine Medienstudie aus Großbritannien. Damals stellte man dort etwas fest, was man aus damaliger Sicht wahlweise für erstaunlich oder einfach nur bekloppt halten konnte: Die meiste, längste und intensivste Nutzung von Inhalten für Mobilgeräten registrierte man damals – zuhause. Soll heißen: Menschen nutzten ihr Mobilgerät am meisten in Situationen, in denen sie dieses Mobilgerät gar nicht brauchte. Wenn Sie unter, sagen wir, 25 sind, wird Sie das nicht wundern, weil man ja heutzutage ohnehin ungefähr alles am Smartphone macht. Aber damals…?

Weil wir gerade von „alles auf dem Smartphone machen“ reden: Inzwischen ist die nächste Stufe der medialen Nutzungsevolution erreicht. Und die hat sehr viel mit einer Gerätegattung zu tun, von der man ja anfangs nicht so recht wusste, was man davon halten sollte. Will man ein „Phablet“ ernsthaft mit sich rumschleppen? Passt so was überhaupt in eine Hosen- oder Jackentasche? Und ist das zum Telefonieren nicht viel zu sperrig? Weil man ja heute mit dem Handy alles mögliche macht, nur nicht telefonieren, hatte sich zumindest dieses Bedenken schnell erledigt. Alle anderen allerdings auch. Inzwischen ist das Phablet ein echtes Schwergewicht in der Mediennutzung geworden, wie eine neue Studie jetzt belegt.

Ein paar Erkenntnisse – zusammengefasst:

App-Nutzung wächst weiter schnell, aber langsamer…

Es ist wie immer, wenn es um Zahlen geht: Erstens ist alles relativ, zweitens kann man jeder Zahl eine andere gegenüberstellen. Das gilt auch im Fall der App-Nutzung auf Smartphones.  Erst einmal: Die Nutzung von Apps steigt sich weiterhin an. Und das – ebenfalls weiterhin – in großen Sprüngen. Im Vergleich zum Vorjahr ist sie 2015 um 58 Prozent gestiegen. Was sich nach ungebremsten Wachstum anhört, relativiert sich leicht, wenn man einen Blick auf die Jahre davor wirft. 2014 lag das Wachstum noch bei 76 Prozent, im Jahr davor sogar noch bei sagenhaften 103 Prozent.

Daraus lässt sich laut Flurry-Studie allerdings nicht ablesen, dass jedes Jahr in einem solchen Umfang Nutzer hinzukämen. Wie auch? Die Märkte für Smartphones und Apps sind vielleicht noch nicht gerade gesättigt. Aber so neu, dass es laufend zu explosionsartigen Steigerungen kommt, sind sie dann auch wieder nicht mehr. Es sind also eher diejenigen, die schon länger Geräte wie Apps nutzen. Woraus sich zwei Rückschlüsse ziehen lassen.

Zum einen: Die Nutzung von Apps ist allen Unkenrufen zum Trotz auf Smartphones immer noch Standard – auch wenn es nicht ganz wenige Insider der Szene gab und gibt, die Apps als ein Übergangsphänomen betrachteten. Deren Theorie: Die Zukunft liegt im Browser, spätestens dann, wenn Breitband-Nutzung der Standard. Wenn man allerdings ab und an außerhalb von Ballungszentren unterwegs ist und sieht, wie oft ein frustrierendes „E“ im Display auftaucht, dann hat man eine Ahnung, dass es Apps noch eine ganze Zeit geben wird (und nicht ganz umsonst ist beispielsweise in der BR24-App eine Offline-Lesefunktion integriert).

Zum anderen: Natürlich müssen Medienanbieter zusehen, dass sie ihre Apps unters Volk bringen. Und dass es möglichst viele Downloads gibt. Mindestens genauso wichtig ist es allerdings, das „Bestandspublikum“ im Auge zu behalten. Wenn von ihnen die größten Zuwächse ausgehen und zudem App-Nutzung ebenso gelerntes wie populäres Verhalten ist, dann macht es natürlich Sinn, auch für dieses Publikum ausreichend zu sorgen. Noch dazu, wo man ja auch anderes weiß: Geladen und mal eben ausprobiert ist eine App schnell. Dass man allerdings aus dem neugierigen Tester einen dauerhaften User macht, ist nochmal eine ganz andere Geschichte.

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Mobil wird zunehmend die selbstverständliche Nutzungsform

Lange dachte man ja, mobile Geräte seien Geräte für unterwegs – und dass man dann naturgemäß zuhause andere Geräte verwenden würde. Dem ist inzwischen aber nicht mehr so. Insbesondere, seit „Phablets“ mit vergleichsweise großen Displays auch einen ordentlichen Lesekomfort bieten, legen Nutzer das Smartphone auch zuhause immer weniger aus der Hand. Smartphones sind inzwischen demnach auch gern genutzte Lesegeräte für Zeitungen, Bücher oder Medien-Apps. Was im Übrigen auch eine Erklärung dafür wäre, warum der Ansatz von E-Book-Readern nicht mehr so vorwärts geht, wie man sich das mal vorgestellt hatte. Wenn man auf dem Smartphone inzwischen auch ganz gut Bücher lesen kann – warum sollte man dann noch mal eigens zu einem Reader greifen?

Das alles zeigt sich auch in Zahlen. Die Zeit, die Nutzer laut Flurry-Studie mit dem mobilen Device ihrer Wahl verbracht haben, ist 2015 nochmals um stolze 117 Prozent gestiegen. Am eindeutig stärksten ist dieser Abstieg bei Phablets auszumachen: 334 Prozent beträgt hier der Anstieg. Ebenfalls starkes Wachstum verzeichnen mittelgroße Smartphones und kleine Tablets. Am Ende der Skala liegen die Tablets mit „normaler“ Größe und kleine Handys. Woraus sich vergleichsweise einfach ein Trend ablesen lässt: Tablets im 10-Zoll-Bereich sind vielen Usern zu sperrig, kleine Handys zu klein. Was man kaum für möglich gehalten hätte, ist also gerade zur Realität geworden: „Phablets“ sind insbesondere für Medien und der Nutzung ein echter Wachstumstreiber geworden.

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Geräte und ihre Größe beeinflussen die Nutzung

Es kommt dann also manchmal tatsächlich doch auf die Größe an. Darauf, dass ein Gerät im wahrsten Sinne des Wortes gut in der Hand liegt, mobil ist – und man dennoch halbwegs gut darauf lesen kann. Phablets scheinen nach Stand der Dinge aktuell am besten diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Zumal, wenn man es genau nimmt, Tablets eigentlich nie wirklich mobile Geräte waren. Sieht man sich heute moderne und leistungsfähige Notebooks an, dann sind die auch nicht mehr schwerer und sperriger als Tablets. Auf die Idee, ein Notebook als Lesegerät beispielsweise im Bus oder in der U-Bahn zu verwenden, kommt trotzdem niemand.

Kein Wunder also, dass es vor allem Medien waren, die im vergangenen Jahr von den neuen Gerätegrößen profitiert haben. Woraus sich tatsächlich ablesen lässt: Geräte, Displays und ihre Größe beeinflussen inzwischen auch die Art und Weise, wie wir Medien und ihre Inhalte konsumieren.

Von Christian Jakubetz am 10. Januar 2016 um 7:14 Uhr

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