Video kills the video star…

Es sind komische Zeiten, in denen wir leben. Sie gestatten uns bitte den kleinen Stoßseufzer, aber es ist tatsächlich so: Wenn man im Jahr 2016 irgendwas mit Medien macht, muss man sich unbedingt darauf einstellen, Dinge zu tun, die man kurz vorher noch kategorisch ausgeschlossen hätte. Beispielsweise: Videos produzieren, die man ganz toll schauen kann, wenn sie keinen Ton haben…

Videos ohne Ton? Ja, richtig gehört. Was man im Fernsehen vermutlich als eine Art technischen Defekt sehen würde, machen wir mittlerweile mit voller Absicht. Nein, natürlich nicht im Fernsehen, da wäre wirklich etwas kaputt, wenn man da keinen Ton hören würde. Aber im Netz, da machen wir so etwas zwischen schon. Und Videos, die nicht mal eine Minute lang sind. Welche ohne Sprecher, ohne zusätzliche Bilder – kurz gesagt: Lauter Dinge, die man im TV eher nicht zu sehen bekäme.

Das hat in erster Linie damit zu tun, dass man im Netz alles Mögliche machen darf – nur kein Fernsehen. Was irgendwie logisch ist, weil Fernsehen eben Fernsehen und kein Netz ist. Trotzdem: Bewegtes Bild, Videos – das ist auch im Netz der Stoff, aus dem die guten Userquoten sind. Seit sich das Thema Bandbreiten weitgehend zumindest so erledigt hat, dass man fast überall Videos schauen kann, machen Nutzer davon reichlich Gebrauch. Und wir als Anbieter natürlich auch.

Videos also. Es gibt fast keinen Ort im Netz mehr, an dem sie nicht Alltag geworden wären. Bei Video-on-demand-Anbietern wie YouTube sowieso, aber mittlerweile auch in Netzwerken aller Art. Bei Facebook und Twitter gehören sie zum Standard, Instagram hat ebenfalls eine Mini-Video-Funktion – und ob Snapchat ohne Videos funktionieren würde, ist vermutlich nur eine hypothetische Frage. Kurzum, man kann als Medienmensch ohne Videos nicht mehr sehr gut überleben, so viel steht mal fest.

Auf der anderen Seite: Es ist natürlich schon eine Falle, in die man leicht tappt, wenn man meint, man müsste jetzt einfach nur das, was man ohnehin hat, als digitales File in die zahlreichen anderen Kanäle schütten – und dann ist gut. Man kann die Unlogik dieses Gedankens ganz schnell entlarven, wenn man sich vorstellt, es gäbe eine 30-Minuten-Rundschau jetzt künftig auch bei Facebook.

Das funktioniert nicht. Es würde vermutlich nicht mal eine 5-Minuten-Zusammenfassung funktionieren, so wie überhaupt alles, was irgendwie nach Fernsehen aussieht, nicht im Netz funktioniert. Das muss man zwar auch erst einmal begreifen, vor allem dann, wenn man über Jahrzehnte leidlich funktionierendes Fernsehen gemacht hat. Es funktioniert deshalb nicht, weil jedes Medium seine eigenen Kunstformen und Formate entwickelt hat. Die im TV sind andere als im Kino und die im Netz sind andere als im TV. Das war schon immer so: neues Gerät, neuer Kanal – neues Format. Das eine bedingt das andere.

Sieht man man davon ab, dass es auf Plattformen wie Instagram und Twitter ziemlich heftige zeitliche Reglementierungen gibt (15 bzw. 30 Sekunden Maximallänge, wenn man über die jeweils plattform-eigene App geht), hat das alles natürlich auch damit zu tun, in welcher Situation man sich gerade befindet. Wo und wie und warum man gerade ein Video schaut. Das Dumme daran: Allzu viele Erkenntnisse gibt es dazu noch nicht, weil das Thema noch ziemlich neu ist. Man ahnt zwar, warum jemand etwas tut – aber Ahnung ist ja leider noch kein Wissen.

Dazu kommt: Natürlich ist es eine schöne Sache, wenn man mit dem ganzen TV-Gedöns des Weges kommt, mit einigen zentnerschweren Kameras, kilometerlangen Kabeln, mit Mikrofonen und Ü-Wägen und dem ganzen anderen Kram. Für klassisches Fernsehen braucht man das in den meisten Fällen auch weiterhin. Aber die Welt hat sich geändert, gerade im Netz spielen die Gesetzmäßigkeiten des TV so gut wie keine Rolle mehr. Inzwischen können wir Videos problemlos mit dem Smartphone machen, dort dann auch gleich bearbeiten und publizieren. Die Prognose ist nicht sehr gewagt: Es wird nicht sehr lange dauern, bis diese Art der Videoproduktion und ihrer Nutzung die des klassischen TV überholen wird (wenn es nicht schon lange so weit ist).

Also probieren wir gerade aus. Diese neue Art des „Fernsehens“, die ja eigentlich kein Fernsehen ist. Wir machen unsere Inhalte kürzer, länger, interaktiver, netzgerechter, was auch immer. Versuchen kann man es ja. Nein, halt: Man muss es sogar. Weil es anders in diesen Zeiten des Netzes nicht mehr geht.

Von Christian Jakubetz am 24. Januar 2016 um 6:12 Uhr

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