Wir und das Krümelmonster

Die Kollegen vom Springer-Verlag werden demnächst dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg irgendwas Ehrenhaftes überreichen. Das ist schon alleine deshalb lustig, weil diese digitale Welt sich so irre schnell dreht, dass man mittlerweile Männern Anfang 30 bereits zum Lebenswerk gratulieren darf. Tatsächlich wirkt Zuckerberg mit Frau und Kind und Fantastilliarden an Vermögen inzwischen auch schon eher wie ein Valley-Opa; zumindest gemessen an der zwanghaften Hoodie-Haftigkeit des kalifornischen Zentrums für angewendete Digitalwissenschaft.

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(Live-)Videos im Netz: Spätestens jetzt, wo Facebook auf den Zug aufspringt, ist der Weg zum Massen-Phänomen frei. (Foto: Facebook)

Lustig ist das allerdings auch deswegen, weil diese Idee das etwas komplizierte Verhältnis kennzeichnet, das wir Medienmenschen zu Mark Zuckerberg und seinem Imperium haben. Richtig gelesen, Imperium. Man redet ja im Zusammenhang mit Zuckerberg gerne mal von Facebook. Dabei geht das Reich des Mark Z. ja noch viel weiter. Es umfasst mit WhatsApp und seiner Milliarde Nutzer den auf unabsehbare Zeit größten und wichtigsten Messenger und mit Instagram eine schnell wachsende Plattform, der nicht ganz wenige Kenner der Materie eine künftige Bedeutung voraussagen, die nicht weit entfernt von Facebook ist. Es ist also keineswegs übertrieben, wenn man festhält, dass ein beträchtlicher Teil menschlicher Kommunikation heute und in näherer Zukunft über Plattformen läuft, die dem Z-Imperium gehören. Dass darüber auch zunehmend mehr klassische Medien-Inhalte gehören, sei nur der Ordnung halber nochmal festgestellt.

Es geht also durchaus beides: Die Leistung von Mr. Zuckerberg zu würdigen und sie gleichzeitig nicht so dolle zu finden, weil sie das Modell, mit dem Journalismus und Medien bisher funktioniert haben, einigermaßen auf den Kopf stellt.  Man sollte da auch gar nicht lange drum rum reden: Klar war das schöner, als Medien noch so waren wie früher! Also, für uns zumindest. Die Welt war einfach und überschaubar und sie hat wenigstens teilweise nach unseren Regeln gespielt. Mittlerweile gehört es zu den eisernen und obersten Regeln, dass alles irgendwie auch kompatibel sein muss für Facebook und WhatsApp und Instagram (von Google und all den anderen reden wir hier erst gar nicht).

Wenn wir von Bewegtbild reden, müssen wir auch von sozialen Medien reden

Das hat sich vielfach und lange Zeit in unserer eigenen Wahrnehmung darauf reduziert, dass wir einfach in den Zuckerberg-Kanälen und in ein paar anderen auch freundliche Hinweise gepostet haben, in denen wir darauf hinwiesen, was es bei uns jetzt wieder zu sehen, zu hören, zu lesen gibt. Facebook als eine Art Programmzeitschrift, so hätten wir das möglicherweise sogar gerne gehabt. Ein Trugschluss, wie wir heute wissen. Facebook ist zum kleinen Inhalte-Krümelmonster geworden, das mal mit Keksen angefangen hat und inzwischen alles an sich saugt, was  irgendwie halbwegs Sinn zu machen scheint (dass da neuerdings auch ein paar sehr unappetitliche und schwer verdauliche Sachen dabei sind, stört das Krümelmonster nicht so sehr).

Bewegtes Bild – das wird von Facebook (und den anderen irgendwie auch) mehr und mehr zur Strategie erklärt. Bewegtes Bild ist inzwischen nicht nur auch im Netz zum potenziell attraktivsten Inhalt geworden. Für die einstmaligen Zuschauer, die man heute besser „User“ nennt,  gehört das „fernsehen“ im Netz schon lange zum Alltag. Man muss also aus Sicht des Fernsehens festhalten, dass Meldungen über unseren Tod zwar wirklich stark übertrieben sind, trotzdem aber kein Weg daran vorbei führt sich zu überlegen, wo wir denn künftig überall mit unserem „Fernsehen“ vertreten sein wollen oder müssen. Mit „Fernsehen“ und dem, was man im digitalen Zeitalter darunter verstehen muss. Was naturgemäß etwas völlig anderes ist als die bisherige Definition, nach der in einem analogen Endgerät ein lineares Programm abgespielt wird, das man mögen kann oder eben auch nicht.

Dazu kommen eine ganze Menge von großen und kleinen technologischen Neuerungen, die uns das Thema „Fernsehen“ völlig neu denken lassen müssen. Beispielsweise das „Livestreaming“, was bis vor rund einem Jahr noch als eine hübsche Spielerei für Nerds galt. Mittlerweile haben Dienste wie „Periscope“ einer etwas breiteren Masse zugänglich gemacht. Und spätestens in diesem Jahr, wenn Facebook dieses LIve-TV fürs Netz flächendeckend ausrollt, wird Livestreaming zum Massenphänomen werden. Man braucht wirklich kein Prophet zu sein, um sich das vorstellen zu können. Was wiederum bedeutet: Kann man als jemand, der mit bewegtem (Live-)Bild am Markt operiert, ernsthaft nicht über diese Kanäle nachdenken? Sie merken, die Frage ist natürlich rein rhetorisch gemeint…

Erste Ansätze dazu kommen bereits aus den USA, wo es für Kollegen insbesondere bei den vielen Lokal-Stationen zunehmend mehr zum guten Ton und zum journalistischen Alltag gehört, sich über Facebook Live sich mit den Zuschauern zu vernetzen. Präsenz zu zeigen, wenn man nicht gerade im TV „on air“ ist; sich dann einzuloggen, wenn es auch die Zuschauer tun, das klingt zwar alles irgendwie noch sehr gewöhnungsbedürftig. Aber vernünftige Zweifel daran, dass dies mittelfristig die Zukunft des (Fernseh-)Journalisten ausmacht, gibt es nicht.

Von Christian Jakubetz am 5. Februar 2016 um 3:06 Uhr

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