Von der Wochenschau zum Handy

Ich würde Ihnen gerne zu Beginn dieses Beitrags eine kleine Geschichte erzählen, die schon einigermaßen lange her ist. 17 Jahre, um genau zu sein. Damals war ich beim ZDF und wir debattierten in der heute-Redaktion, ob wir wohl ein Interview mit Bundeskanzler Schröder (die Älteren erinnern sich vielleicht noch) online stellen sollen. Vor, ich wiederhole, VOR der Ausstrahlung im TV. Und, hoho, als VIDEO! Im Internet!

Es gab, wie Sie sich denken können, heftige Debatten zu diesem Thema. Zum einen natürlich darüber, ob es nicht Harakiri sei, Interviews VOR der Sendung ins Netz zu stellen. Und zum anderen darüber, ob es wirklich denn gleich ein Video sein müsse. Das sei ja immerhin mit unfassbaren 6 MB de facto kaum zu gebrauchen.

Das sind Debatten, über die wir heute nur schmunzeln können (um es aufzulösen, wir haben uns dann tatsächlich getraut und haben das ins Netz gestellt. VOR der Sendung! 6 MB!). Heute sind Videos im Netz so selbstverständlich, dass es müßig ist, darüber auch nur ein einziges Wort zu verlieren. Würde man einem Digital Native erzählen, dass Videos im Netz früher mal eine ganz besonders gewagte Idee waren – man könnte ihn nur noch damit schockieren, wenn man ihm berichtet, dass es mal eine Zeit ohne Handys gab.

Weil wir gerade von Handys sprechen: Inzwischen also gilt es als ausgemacht, dass Videos der große Wachstums- und auch Traffictreiber im Netz sind. Der höchste Anteil von Traffic im mobilen Netz kommt schon heute von Videos. Dass sich die Entwicklung fortsetzen wird, gilt als ausgemacht.

Infografik: Mobile Traffic ist vor allem visuell | Statista
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Es ist also nicht sonderlich überraschend, wenn die App von BR24 schon jetzt massiv auf das Thema Videos setzt. Das liegt schon alleine deshalb nahe, weil BR auf die Kollegen der „Rundschau“ zurückgreifen kann – und innerhalb des BR so viel ausgezeichnetes Video-Material gibt, dass es albern wäre, es nicht zu einem massiven Schwerpunkt der App zu machen. Zum anderen aber eben auch: siehe oben. Videos sind der Stoff, der das mobile Nachrichtengeschäft weiter antreibt und es mithin auf eine neue Stufe hebt.

Neue Stufe? Natürlich. Weil sich im Netz, im mobilen und sozialen Netz zudem , gerade eine ganze Menge neuer Formate und Idee für Bewegtbild entwickeln. Das hat ausnahmsweise mal nichts damit zu tun, dass in diesem Netz ja unbedingt alles zwanghaft neu sein muss. Sondern eher damit, dass das schon immer so war: Eine etablierte Darstellungsform entwickelt sich auf einem neuen Kanal weiter. Als die ersten Tagesschau-Ausgaben an den Start gingen, da sahen die Berichte und Beiträge dort gerne noch so aus wie die „Wochenschau“ im Kino. Wie hätte man es auch besser wissen respektive anders machen sollen? Das, was sich heute „TV-Beitrag“ nennt, schälte sich erst nach vielen Jahren aus unzählig vielen Versuchen und Evolutionen heraus.

Das ist heute nicht anders. Natürlich gibt es in der App nach wie vor viele TV-Beiträge zu sehen, an denen per se ja auch nichts auszusetzen ist. Aber das ändert sich langsam und es wird sich weiter ändern. Weil ein Smartphone kein Fernsehen ist, weil wir uns langsam an neue Ideen und neues Storytelling gewöhnen und weil wir vermutlich erst zehn schlechte Ideen verwerfen müssen, bis die elfte dann brauchbar ist.

Trotzdem gilt die Prognose: Wer in 17 weiteren Jahren dann mal die Schwänke aus der eigenen digitalen Jugend erzählt und dann App-Videos aus dem Jahr 2016 zeigt, der hat die Lacher sicher.

Bis dahin haben wir ja aber Gottseidank noch ein bisschen Zeit zum Experimentieren.

Von Christian Jakubetz am 10. Februar 2016 um 7:32 Uhr

6 KOMMENTARE

  1. avatar HeyPhan sagt:

    Ich bin da skeptisch (tja, und jenseits der 40, wer hätts gedacht 🙂

    Die technischen Beschränkungen mögen sich in den nächsten Jahren zunehmend erledigen. Aktuell hat man typisch 150MB bis 500MB Datenvolumen (wenns hoch kommt 1GB). Würde man alles in Form von Videos konsumieren, ist das ganz schnell weg. Dazu kommt der abseits der Ballungsräume oft extrem schlechte Ausbau des Datenfunks (GSM mag ja gut ausgebaut sein, aber auf dem Land hat man bzgl. Daten meist ein „E“(dge) in der Leiste, wo mit Glück ein paar Daten tröpfeln).

    Dazu kommt aber vor allem auch die Art der (mobilen) Nutzung. Zuhause mit dem Tablet gehen Videos gut (auch wenn mir da meist ein kurzer Text lieber ist, als minutenlange Beiträge – dazu fehlt einem angesichts der Fülle der Nachrichten etwa bei Twitter i.a. die Zeit!). Aber ich denke sowas wie 80% von App-Nutzung ist wirklich „mobil“ / mit Smartphones. Und in der Öffentlichkeit verbietet sich Video-gucken mit Lautsprecher-Ton nun wirklich (selbst „Kiddies“ scheinen das zunehmend zu kapieren). Und wer rennt schon mit Knopf-im-Ohr herum, das ist (noch?) wirklich wenig verbreitet.
    Gleiches gilt für die Nutzung etwa im Büro.

    Fazit: mich nervt es, wenn (in meinem Fall bei Twitter) ein Beitrag nur als Video verlinkt ist, und in >95% der Fälle verzichte ich dann drauf. Es sollte mindestens immer wenigstens der vollständige Text des Videos alternativ zu lesen sein.

    Just my 2cent.

    • avatar Christian Jakubetz sagt:

      Die Einwände sind durchaus berechtigt. Ich denke aber, dass auch die Telko-Anbieter ihre Preise ändern bzw, die Daten-Volumina ändern werden und müssen. Mit 500 MB oder 1GB kommt man ja heute nicht mehr so rasend weit Und wenn ich mir die Hardcore-User bei den Digital Natives so anschaue…:-)

      Davon abgesehen: Klar, das mobile Netz ist an manchen Stellen immer nich irre langsam. Aber auch das wird sich ändern, da bin ich sicher.

      Und was die Nutzung angeht: Ich bin auch über 40 und insofern keiner von denen, die sich von ihrem Smartphone nicht trennen können. Trotzdem weisen alle Nutzungsdaten gerade der Generation nach uns deutlich darauf hin, dass Videos das Ding sind, das sie am liebsten nutzen. Wobei wir eben auch ein neues Verständnis von Videos bekommen müssen: In unserem Alter denkt man da vielleicht wirklich noch an den klassischen Beitrag. Aber mobil, sozial oder in einer App – da kann das auch der 15-Sekünder bei Instagram sein.

      Wir werden sehen…(in des Wortes Sinne).

      • avatar HeyPhan sagt:

        Dass die technischen Voraussetzungen sich sicherlich noch bessern werden hatte ich ja schon geschrieben. Und auch Videos der Marke „kurz & knackig“ gehen natürlich in die richtige Richtung, auch bei BR24 glaube ich mich an viele 30sekünder zu erinnern. Das geht ja grundsätzlich auch mal „auf die Schnelle“ ganz gut.

        Aber mein Haupt-Argument war die problematische Nutzung von Video / Audio im wirklich „mobilen“ Umfeld, also unterwegs, in Bus und Bahn oder der Haltestelle. Vor allem wegen des Tons.
        Ich hab _die_ Idee: Untertitel!! 🙂

        • avatar Christian Jakubetz sagt:

          Kein Witz: An dem Thema „Betitelung“ arbeiten wir gerade. Es leuchtet uns schon ein, dass nicht jeder immer Kopfhörer dran hat.

  2. avatar Julius Kolb sagt:

    Mei Freunde – ist schon klar, dass der BR auf videos setzen muss – die Zeitungs-Verleger schauen ganz genau hin und wetzen jetzt schon die Messer. Eine Klage gegen BR24 ist ja schon in Vorbereitung.
    Zudem: ohne Text geht es nicht. Lesetempo, Aufmerksamkeit, individuelle Wahrnehmungsgeschwindigkeit – das bleibt jedem überlassen und darauf sollten Nachrichtenverbreiter Rücksicht nehmen. D.h. – videos mit nur einem Erzähl-und Inhaltsverbreitungstempo rauschen an den Kundenbedürfnissen vorbei. Ganz toll ist in diesem Zusammenhang auch: die 100-Sekunden-Rundschauen, die in den Münchner U-Bahnen stumm laufen – und damit niemanden erreichen resp. die Leute verarschen. Hab ich schon oft gehört. Und noch was: was ist denn nun mit der app für winfone? Hä? Tausend mal gefragt – immer wieder vertagt…

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