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Das Twitter-Paradox

Es gibt Dinge, die man selbst als Journalist macht, ohne lange darüber nachzudenken. Das ist zwar paradox, weil es ja eigentlich im Wesen von Journalisten liegen sollte, Dinge eher in Frage zu stellen als sie einfach zu machen. Aber trotzdem: Wenn es beispielsweise um Twitter geht, jenen hübschen Kurznachrichtendienst, den vor allem wir Medienmenschen sehr lieben, dann benehmen wir uns auffällig paradox.

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Erst mal die ungeschriebenen Gesetze der Branche: Natürlich MUSS man bei Twitter vertreten sein. Natürlich muss man dort nicht nur Links auf Beiträge veröffentlichen, sondern am besten rund um die Uhr Präsenz zeigen. Und nicht nur das: Als Redaktion hat man gefälligst auch dafür zu sorgen, dass die Beiträge so leicht wie möglich auf Twitter geteilt werden können. Wir machen da beim BR keine große Ausnahme. Sie wollen einen Beitrag aus der BR24-App auf Twitter teilen? Beinahe nichts einfacher als das: entsprechenden Share-Button wählen, klicken – und ab dafür.

Und natürlich hat Twitter auch im Fernsehen eine gewaltige Präsenz: Tweets einblenden oder sogar im TV vorlesen? Das ist inzwischen nichtmehr Innovation, sondern redaktioneller Standard. Wäre man böse, man könnte behaupten: Es gibt kaum eine bessere Gelegenheit für Nicht-Journalisten, mal ins Fernsehen zu kommen.

Dagegen gibt es prinzipiell natürlich auch nicht viel zu sagen. Außer – einer kleinen Statistik:

Infografik: Twitter schrumpft im 4. Quartal | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Langer Zahlen-Rede kurzer Sinn: Twitter schrumpft. Zugegeben, nur im letzten Quartal, wofür man vermutlich sogar noch plausible Gründe finden kann. Trotzdem ist das bemerkenswert in einer Zeit, in der Wachstum in der digitalen Szene nicht als eine Besonderheit, sondern als eine Grundvoraussetzung gilt. Analysten und Marktbeobachter haben sich in den letzten beiden Jahren ja schon gesorgt, dass Twitter kaum mehr wächst. Schrumpfen ist in einem solchen Plan nicht vorgesehen.

Das ist allerdings auch aus anderen Gründen bemerkenswert. Weil Marktsättigung als Grund schon mal ausscheidet, andere Netzwerke wachsen weiter, sogar Facebook, das mit seinen rund 1,4 Milliarden Nutzern tatsächlich mal in absehbarer Zeit an eine Grenze stoßen dürfte. Twitter dürfte an anderem leiden. Daran beispielsweise, dass sich weder der Umgang noch der Nutzen des Dienstes dem Nicht-Medienmenschen sofort erschließt. Daran, dass er kein klassisches soziales Netzwerk ist, der vor allem auf wie auch immer gearteten „Freundschaften“ basiert. Und das, was vor allem wir Journalisten sehr an Twitter schätzen, ist für Normal-User von eher eingeschränktem Wert: Wer muss als Privatmann schon unbedingt einen „Nachrichten-Ticker“ haben?

Woher kommt dann dieser groteske Umgang mit einem Netzwerk, dessen letzte richtig gute Nachricht der Börsengang 2013 war? Vermutlich ein klassisches Filter-Bubble-Phänomen: Medienmenschen (und keineswegs nur wir Journalisten) sind überproportional hoch dort vertreten – weswegen wir vermutlich zu der Ansicht neigen, dass Twitter für andere genauso wichtig ist wie für uns.

Trotzdem ist Twitter ein schöner Beleg dafür, wie das alles in dieser neuen, digitalen Welt funktioniert. Es geht eben nicht nur um die nackten Zahlen, nach denen eben beispielsweise Twitter Facebook hoffnungslos unterlegen ist. Sondern darum, dass man Menschen in einer bestimmten Zielgruppe, auf einem bestimmten Endgerät und zu bestimmten Nutzungssituationen optimal erreicht. Da gibt es einige (Live-)Situationen, bei denen Twitter bis auf weiteres unschlagbar bleiben wird. 140 Zeichen – und weg damit.

So, und jetzt? Erstmal diesen Beitrag bei Twitter posten…

Von Christian Jakubetz am 13. Februar 2016 um 9:21 Uhr

10 KOMMENTARE

  1. avatar Volker Thies sagt:

    Die Kritik geht meiner Meinung nach am Einsatzgebiet von Twitter für Journalisten vorbei – zumindest was meine Einschätzung von Twitter betrifft. Als Kanal zum Breitenpublikum ist Twitter meiner Meinung nach nicht die beste Wahl. Da greift man besser auf Facebook zurück.

    Auf Twitter sind aber, wie oben korrekt dargestellt wird, überproportional viele Medienleute vertreten. Außerdem möchte ich noch hinzufügen: PR-Leute und Pressesprecher von Unternehmen und Verbänden, viele Manager und Einzelunternehmner auch persönlich, dazu Politiker, Wissenschaftler und ITler. Wenn man beispielsweise Wirtschafts-, Technik- oder Wissenschaftsjournalist ist, kann Twitter damit für diese Zielgruppe ein hoch interessanter Verbreitungsweg sein. Aus dem gleichen Grund ist Twitter auch ein interessantes Recherchemedium, weil man Äußerungen interessanter Quellen oder Kommentatoren zügig auf den Schirm bekommt und mit ihnen in knappen Austausch treten kann.

    In diesem Rahmen ist Twitter hoch spannend. Da spielt es, zumindest für Fachmedien, auch keine Rolle, ob ein paar hunderttausend Privatleute mehr oder weniger (Ohnehin wären die Zahlen für den deutschsprachigen Raum interessanter als Global-Angaben.) vertreten sind.

  2. avatar Thomas Schuster sagt:

    Tja und ich habe von diesem Beitrag, der das ziemlich gut auf den Punkt bringt mit „Twitter“, auf Twitter erfahren. Sowas….
    Werde nun die TL checken, was es noch interessantes gibt.

  3. avatar mainz06 sagt:

    Die Filterblase scheint hier wirklich eine grosse Rolle zu spielen.

    Ich erlebe Twitter eher als Spielwiese für Menschen die gerne Quatsch reden und schreiben. Die, die aus ihrem Leben berichten, von ihren Sorgen oder von was sie genervt sind. Das hat alles nicht viel mit Nachrichten zu tun und ist überwiegend nur Spaß, aber auf jeden Fall ein ganz grosses soziales Netzwerk.

    Ich folge zwar auch Journalisten aber nur wenn sie mehr privates twittern und nicht nur ihre Artikel verlinken, wie es viele machen.

    Twitter als reines Recherchemedium kommt mir absurd vor. Machen aber offensichtlich Journalisten so, der „Normale“ Twitterer aber eher nicht.

    • avatar Christian Jakubetz sagt:

      Ich weiß nicht, ob man das so pauschal sagen kann. Spielwiese ja, aber Quatsch? Nicht unbedingt. Ich glaube, man findet bei Twitter so ungefähr alles, von sehr intelligenten bis zu völlig unsinnigen Dingen. So wie im echten Leben halt auch.

  4. avatar Leander sagt:

    Mal nebenbei: wollt Ihr eigentlich nur noch von Smarthandy-Usern gelesen werden? Am großen Bildschirm ist dieses Layout eine ZUMUTUNG! Elend lange Zeilen, die jedem Standard für gute Lesbarkeit widersprechen!
    Dabei muss das nicht sein. Mit Media Queries lassen sich sehr einfach „engere“ Layouts für große Screens umsetzen – nur ein paar Zeilen Code sind dafür nötig, die wiederum die User kleiner Bildschirme NICHT belasten.

    • avatar Christian Jakubetz sagt:

      Ich geb´s gerne an die Kollegen weiter. Zu einer wirklich guten Antwort fehlt mir bei dem Thema leider die Kompetenz, sorry…

  5. avatar Veikko sagt:

    Guter Artikel! – Genaues Hinschauen zeigt die Chancen für Twitter bzw. die der Twitter-Nutzung. Konkret:
    Wir betreiben mit https://de.induux.com die Industrie-Plattform – quasi das „Facebook der Industrie“ – und sehen, dass der Mittelstand gerade den Zugang zu Twitter findet. Ist einfacher, ermöglicht lokalen Wissenstransfer – z. B. auf einer Messe – und liefert schnell Links zu den wichtigsten Informationen.

    Wir messen jede Woche die Twitter-Nutzung in der Branche, siehe: https://de.induux.com/rankings/social-media-b2b/twitter/c/

    Vor allem der kleinere Mittelstand „steigt in Twitter ein“. Man bedenke: 85% der Unternehmen der Investitionsgüterindustrie haben weniger als 250 Mitarbeiter. Twitter ist am leichtesten integrierbar.

    Vergessen sei auch nicht die Wirkung von Twitter für die Suchmaschinenoptimierung.

  6. avatar Eric Sturm sagt:

    Die Bedeutung eines Mediums allein an seiner Reichweite festzumachen, finde ich etwas kurzsichtig. Die BILD hat eine viel höhere Reichweite als SZ und FAZ zusammen, sind letztere daher irrelevant? Puh.

    Und selbstverständlich ist es sehr gut möglich, dass die Marktsättigung (innerhalb der für Twitter relevanten Zielgruppe) erreicht ist, während eben bei FB anscheinend noch nicht jede Oma dabei ist.

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