Die digitale Langstrecke

Geht das nicht alles noch ein bisschen schneller? Für Menschen, die ein wenig zur Ungeduld neigen (Offenlegung: Autor zählt sich zu dieser Kategorie) sind die Umstände im digitalen Wandel manchmal nur schwer auszuhalten. Weil so vieles gleichzeitig passiert, weil man dauernd damit beschäftigt ist, irgendwelche Prioritäten zu setzen – und weil dieser Kampf mit dem Wandel auf den ersten und manchmal auch auf den zweiten Blick ein bisschen aussichtslos aussieht…

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Eine von mehreren Varianten von BR-Nachrichten: die „Rundschau in 100 Sekunden“.

Keine Sorge: Jetzt kommt kein Lamento eines frustrierten Journalisten, der ausgiebig darüber jammert, wie schlecht, schlecht, schlecht doch alles in diesem Internet ist. Im Gegenteil: Die Zeiten waren noch nie so spannend wie jetzt. So viel, wie in den letzten Jahren passiert ist, das passt normalerweise in ein ganzes Berufsleben. Was eine ziemlich tolle Sache ist. Weil wir wenigstens nicht über Monotonie in unseren Jobs klagen können. Zugegeben, das bedeutet auf der anderen Seite natürlich auch, dass die ganze Geschichte manchmal schon ganz schön anstrengend sein kann…

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Natürlich, da macht der BR keinen Unterschied zu, sagen wir, einer regionalen Tageszeitung. Jedes Medienhaus muss sich überlegen, wie es halbwegs unfallfrei durch diesen digitalen Wandel kommt. Wie es eine Strategie entwickeln kann und wie man dabei nicht einfach viel Dinge parallel macht, sondern diese Dinge sinnvoll miteinander verknüpft. Und natürlich: wie man Schnelligkeit und Gründlichkeit unter einen Hut bekommt. Gerade das ist ja meistens ein ausgesprochen schwieriges Thema, noch dazu wenn man, wie beim BR, eine gewisse Größe hat, die Strukturen wie in einem hippen Startup halt leider einfach nicht möglich macht.

Trotzdem: Das Thema „Digitaler Wandel“ steht momentan naturgemäß ganz oben in der Agenda. Dazu gehört allerdings auch die Erkenntnis, dass man das Tempo, in dem dieser Wandel vor sich geht, kaum mithalten kann, wenn man nicht gerade eine hübsche kleine Garagenfirma ist.

Unser User Julius Kolb hat deshalb in den Kommentaren ein wenig seinem Unmut Luft gemacht. Darüber beispielsweise, dass es die BR24-App noch nicht für Windows gibt. Und darüber, dass in den Münchner U-Bahnen die 100-Sekunden-Rundschau läuft, nur halt naturgemäß ohne Ton (was zugegebenermaßen eine eher suboptimale, aber momentan nicht anders realisierbare Lösung ist). Und noch ein paar andere Sachen mehr…

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Das alles sieht erst einmal nach Kleinkram aus. Ist es aber nicht. Weil hinter all solchen  Themen nicht nur ein bisschen Handwerk und Arbeit steckt, sondern auch (Vorsicht, jetzt kommt ein ganz großes Wort!) ein paar strategische Überlegungen. Beispielsweise diese Sache mit der 100-Sekunden-Rundschau – die zeigt sehr schön, wie rasant die Entwicklung gerade beim Thema Videos fortgeschritten ist. Die Idee, Nachrichten-Sendungen auf 100 Sekunden zu komprimieren, gibt es schon lange und ist auch keine Eigenheit des BR („Tagesschau“ und die „heute“ der Kollegen des ZDF machen das genau so). Der Gedanke entstand ursprünglich daraus, dass man ein Format für das Web brauchte. Man dachte damals noch in den Kategorien der klassischen Homepage, war sich aber schon zu dieser Zeit darüber im Klaren, dass vermutlich niemand auf die Idee kommt, sich eine komplette Nachrichtensendung im TV anzusehen. Beziehungsweise, dass er dass dann ja auch in einer Mediathek machen kann. 100 Sekunden hingegen, mal eben zwischendurch als schneller Überblick über den Stand der Dinge, das ist bis heute erfahrungsgemäß ein guter Wert.

Das alles ist schon wieder furchtbar lange her (heißt in Netz-Kategorien: ein paar Jahre). Inzwischen (heißt in Netz-Kategorien: seit ein paar Monaten) wissen wir, dass das Thema Bewegbild im Netz gerade eine völlig neue Dimension bekommt. Videos  sind zu einem wichtigen und viel nachgefragten Inhalt im Netz geworden, was von dem her kein so großes Wunder ist, weil wir ja schon aus den Zeiten des analog-linearen Fernsehen wissen, dass der Mensch möglicherweise lieber schaut als liest.

Dazu kommt: Wenn man nicht gerade etwas entlegen unterwegs ist, dann reicht die Bandbreite in den meisten Mobilfunknetzen inzwischen locker dazu aus, wenigstens ein paar kurze Videos schauen zu können. Und tatsächlich: genau diese Art der Mediennutzung, nämlich vergleichsweise kurze Videos in sozialen Netzwerken zu schauen, setzt sich aktuell mehr und mehr durch.  Ob bei Facebook, Twitter, Instagram oder im gerade supergehypten Snapchat, Videos sind das Ding, das diesen Netzwerken ganz neue Bedeutung gibt.

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Natürlich gibt es Videos aus der Rundschau auch bei Facebook. Das aber ist dann wieder was anderes als die Bewegtbilder für andere Kanäle…

Blöd nur: In nahezu allen Netzwerken sind die Ansprüche und Spezifikationen unterschiedlich. Und die Nutzer natürlich auch. Es macht also weder theoretisch noch praktisch Sinn, überall die gleichen Videos zu posten. Am Ende kommt das raus, was Julius Kolb in seinem Kommentar bemerkt: Video ohne Ton in der U-Bahn sind nur dann wirklich sinnvoll, wenn man auch etwas inhaltlich versteht. Untertitel beispielsweise, so wie in vielen „tonlosen“ Videos bei Facebook auch (wo wir diese Lösung ja auch zunähend mehr einsetzen). Was also bei der 100-Sekunden-Rundschau zu beweisen war: Wenn etwas auf der einen Plattform wunderbar funktioniert, muss das noch lange nicht bei allen Plattformen der Fall sein.

Weswegen wir uns jetzt gerade ein bisschen was überlegen müssen, was wir übrigens nicht nur theoretisch tun, sondern inzwischen auch ganz praktisch. Im Mittelpunkt dessen steht die Frage, wie wir künftig welche Bewegtbilder für welchen Kanal produzieren wollen. Natürlich, das Fernsehen bleibt unsere Grundlage, daran gibt es nichts zu deuten. Aber ebenso selbstverständlich müssen wir versuchen, dieses „Fernsehen“ für alle Kanäle so zu  konfigurieren, dass es dort „empfangbar“ ist. Das wird dauern, ganz sicher, weil es für komplexe Probleme generell keine einfachen Lösungen gibt.

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Das gilt natürlich auch für das Thema BR24-App für Windows. Das erledigt sich ja nun leider nicht von selbst und ist auch deshalb nicht so ganz einfach zu bewerkstelligen, weil die Kollegen, die sowas können, leider auch noch ganz viele andere Sachen zu tun haben. Wir arbeiten dran, so wie wir momentan an etlichen anderen Sachen noch arbeiten.

Aber wir befinden uns, das müssen wir uns selbst immer wieder vor Augen halten, auf der digitalen Langstrecke.

Von Christian Jakubetz am 22. Februar 2016 um 4:09 Uhr

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