364962528_9a9f50898b_o

Video 2022: Hoch, hoch, hoch!

Nur mal kurz und theoretisch angenommen, dass die Nutzung von Medien sehr viel mit Sozialisierung zu tun hat. Mit dem, was man gelernt hat, gewohnt ist und was man deshalb wie selbstverständlich als richtig annimmt. Müsste man dann nicht doch davon ausgehen, dass man sich mit dem Thema „Vertikale Videos“ zumindest auseinandersetzen sollte? Schon klar, das Thema ruft leidenschaftliche Debatten hervor, der letzte Beitrag hier ist auf den diversen Kanälen im Netz ziemlich diskutiert worden – und das immer mit einem Tenor: Hochformatige Videos widersprechen allen ästhetischen und auch sonstigen Grundsätzen und solange Menschen zwei nebeneinander- und  nicht etwas übereinanderliegende Augen haben, müsste man Videos eben querformatig drehen. Schluss, aus. (Hinweis: Der Autor dieses Beitrags hängt selber dieser Theorie nach).

Passauer Altstadt: Müssen wir uns solche hochformatigen Perspektiven verstärkt gewöhnen? (Foto: Jakubetz)
Passauer Altstadt: Müssen wir uns solche hochformatigen Perspektiven verstärkt gewöhnen? (Foto: Jakubetz)

Aber mal anders gedacht. Nämlich so rum, dass gerade Millionen junger Menschen auf der ganzen Welt sich für diesen Gedanken nicht im Geringsten interessieren, weil vertikale Videos schon lange Einzug in ihren digitalen Alltag gehalten haben. Weswegen es für sie das Normalste auf der Welt ist, ein Smartphone vertikal zu halten, hochformatige oder quadratische Fotos anzusehen und das 9:16-Format, das sich aus Sicht von uns älteren Menschen liest wie ein obskurer Tippfehler, als gottgegeben oder wenigstens zuckerberggegeben hinzunehmen.

Ein paar Zahlen dazu: Bei Snapchat werden Tag für Tag rund 7 Milliarden Videos abgerufen; das sind nahezu genauso viele wie beim ungleich größeren Konkurrenten Facebook. Mit dem Unterschied, dass bei Snapchat nur die Höhe zählt. Man kann sich also leicht ausrechnen, was es bedeutet, wenn zig Millionen User jeden Tag vertikal gedrehte Videos anschauen. Will man denen dann ersthaft erzählen, dass es bäh und pfui ist, was sie da tun? Oder darauf hoffen, dass sich das legt, wenn sie mal groß und erwachsen sind?

Eine andere Zahl: Inzwischen nutzen – zumindest in den USA – rund 30 Prozent der User Endgeräte, die überwiegend im Hochformat gedacht sind. Eine exorbitante Steigerung in den letzten fünf Jahren, wie diese Grafik zeigt:

screen-shot-2015-05-27-at-7-48-59-am

Natürlich, das Argument zählt, dass man Handys und Phablets mühelos drehen kann. Bleibt die Frage: Macht man das auch, wenn man möglicherweise vertikale Videos gar nicht so schlimm findet?

Immerhin, es gibt mittlerweile sogar ein „Vertical Film Festival“, was zumindest ein Beleg dafür ist, dass es inzwischen eine ganze Reihe von Menschen gibt, die anfangen, dem Thema Relevanz zuzugestehen.

Und was wiederum bedeutet das für einen Sender wie den BR und insbesondere seine digitalen Angebote wie die BR24-App, die sich in erster Linie über das Thema Bewegtbild definiert?  Ganz sicher nicht, dass es ab sofort eine Rundschau oder einen Brennpunkt in Hochformat gibt.

Aber nachdenken über das Thema „Hochformat“ wird man wohl nicht nur dürfen. Sondern sogar müssen.

Von Christian Jakubetz am 3. März 2016 um 10:56 Uhr

2 KOMMENTARE

  1. avatar Jens Twiehaus sagt:

    Ein guter Gedankenanstoß. Nur: Warum nicht einfach mal machen, statt zu beschließen, man müsse darüber nachdenken? Die Kollegen im Norden können es ja auch: https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1061128100595635&id=201887793186341&_rdr

Kommentieren:

Kommentare werden vor der Freischaltung geprüft. Links sind nicht gestattet.
Mehr in den Kommentarrichtlinien.