Snap, die Wette gilt!

Die Welt wird virtuell realer, ein Trend ist zumindest umstritten – und die Veranstaltung stößt an ihre Grenzen: Beobachtungen von der re:publica 2016.

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Willkommen zum Jubiläum! (Foto: Jakubetz)

Ob man will oder nicht, das Thema Snapchat war auch bei der rp10 allgegenwärtig. Egal, ob in diversen Sessions oder bei inzwischen auffällig vielen Besuchern, die selber snappen: Das Ding mit dem kleinen gelben Geist taucht überall auf. Das Highlight ist trotzdem ein 14jähriger, der eine Session mit dem schönen Titel „Snapchat für Erwachsene“ macht und am Ende sagt: So, liebe Erwachsene, jetzt wisst ihr, wie das geht. Tut uns den Gefallen und nutzt es nicht. Das kann man als, sagen wir, Mensch über 40, mit gutem Gewissen versprechen. Weil wir uns zum einen schwertun, das Ding überhaupt zu begreifen und zum andere, weder thematisch noch kontextual für diese Art des Storytellings gemacht sind.

Keine Ahnung, ob das Gesnappe nicht vielleicht in ein paar Jahren als der journalistische Standard schlechthin gilt. Aber wenn das so ist, dann sollen das doch bitte auch die Leute machen, die die entsprechende Snap-Credibility mitbringen. Sonst wird´s schnell mal peinlich.

Trotzdem kommt Snapchat sogar in der Rede zur Lage der Internet-Nation vor, weil auch Sascha Lobo der Auffassung ist, man müsste ein Snapchat für Erwachsene gründen. Guter Gedanke, das. Solange nicht die Samwer-Brüder das Ding klonen, bleibt zumindest festzuhalten, dass es ja schon das eine oder andere gibt, was für die Snapchat-Logik spricht. Beispielsweise, dass man als Nutzer eines solchen Dienstes nicht noch Jahre später mit dem Unfug konfrontiert wird, den man irgendwann mal geschrieben hat. Die Facebook-Erinnerungen haben jedenfalls ganz schönes Grusel-Potential und in den meisten Fällen, in denen man gefragt wird, ob man eine Erinnerung nochmal teilen möchte, lautet die entrüstete Antwort: Nein, auf gar keinen Fall!

Trotzdem möchte man deswegen ja nicht gleich in die Snapchat-Albernheiten verfallen, die 14jährige irre lustig finden. Und ob das der Kontext ist, in dem Nachrichten des BR gut aufgehoben sind, kann man auch bezweifeln. Aber vielleicht folgen wir ja dem Lobo-Appell und gründen ein eigenes, öffentlich-rechtliches Snapchat.

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Bei einem anderen Trend, der dieses Jahr unübersehbar war, ist mir erstmal ein bisschen schwindlig geworden. Weil ich mich in eine 360-Grad-Virtual-Reality-Landschaft begeben habe, mit einer monströsen, aber dann gar nicht so schweren Brille auf der Nase. Von außen betrachtet sah ich wahrscheinlich leicht bescheuert aus, innen drin aber haben sich erstaunliche Dinge abgespielt. Landschaften, Menschen und Tiere, so real, dass man sich wirklich wie mittendrin fühlte. Danach kann einem schon mal ein bisschen flau im Magen sein, schließlich stand man gerade noch auf einer hohen Klippe und schaute in den Abgrund.

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Außen eine Maske, innen drin Abenteuer: VR auf der re:publica. (Foto: Jakubetz)

Nimmt man die Tatsache als Maßstab, dass die re:publica das Thema Virtual Reality zu einem der Hauptthemen in diesem Jahr gemacht hat, dann müssen sich auch Medien ganz schnell und dringend mit dieser Sache beschäftigen. Ok, die Brillen sind etwas unhandlich, die Auflösung nicht immer zufriedenstellend. Aber alles in allem kann man sich vorstellen, dass VR völlig neue Möglichkeiten des Storytellings eröffnet, auch wenn wir natürlich mal wieder keine Ahnung haben, welche das sein sollen. Es bleibt uns also mal wieder nichts anderes als ausprobieren übrig.

Was war noch? Medien werden heimatlos, hören wir inzwischen immer öfter. Weil sie sich auf Plattformen ausbreiten wollen/müssen/können, die nicht zwangsweise die eigenen sind. Dass man irgendwie bei Facebook und bei Twitter ist, wird ohnehin als selbstverständlich vorausgesetzt, bei Snapchat sollen wir künftig sein und bei den diversen Messengern – und überhaupt: Die eigene Homepage als Idee hat ziemlich ausgedient, hat man mehr als einmal auf dieser re:publica gehört. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Zumal mal mit solchen Prognosen mit der Zeit vorsichtig wird: Vor 15 Jahren hieß es mal, die Menschen würden sich künftig ihre eigene, individuelle Zeitung aus dem Drucker lassen. Kurz darauf wurde uns prophezeit, die Homepage sei erledigt, weil künftig nur noch gebloggt würde. Weitere Ideen der letzten eineinhalb Jahrzehnte: Ohne eine Präsenz in „Second Life“ sei man nicht mehr überlebensfähig, Zeitungen würden künftig auf einrollbaren Folien gedruckt und professionelle Journalisten bräuchte man nicht mehr, weil künftig jeder als Hobbyreporter zur täglichen Information beitrage.

Immer langsam also mit den Abgesängen, den Trend als solchen haben wir allerdings schon beobachtet und hiermit gemäß der Chronistenpflicht auch aufgeschrieben.

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Inzwischen haben übrigens öffentlich-rechtliche Sender  einen nicht zu unterschätzenden Hipness-Faktor. Die Kollegen beim ZDF beispielsweise senden jetzt nachts ihre Nachrichten unter dem Label „heuteplus“ und haben dafür eine eigene Session bekommen. Auf der Bühne sitzen drei hippe, aber sehr nette Kollegen, begleitet vom stellv. Chefredakteur Elmar Thevessen, der ungewollt ein bisschen so wirkt, als müsse er aufpassen, dass die Rasselbande auch nix anstellt.

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Rappelvoll: Die re:publica stößt an Kapazitätsgrenzen. (Foto: Jakubetz)

Man merkt an solchen Tagen allerdings auch ganz gut, wie sehr dieser ganze Digitalkram unseren Medien-Mainstream erreicht hat. Das ZDF isst da, wir vom BR sind da, die Kollegen vom BDZV sogar in Mannschaftsstärke. Das ist prinzipiell zwar schwer in Ordnung, führt aber leider auch dazu, dass die re:publica an ihre Grenzen gerät. So voll war es das letzte Mal zu den seligen Zeiten, als sie noch als „Bloggertreffen“ galt und mit ein paar hundert Gästen in der Kalkscheune in Berlin stattfindet.

Dass die rp in diesem Jahr noch testweise mal für einen Tag nach Dublin expandiert, ist schön für das Team. Aber danach schleunigst Hausaufgaben machen: Wir in München wissen nut zu gut, was es für eine Veranstaltung bedeutet, wenn dort erstmal „wegen Überfüllung geschlossen!“ steht. Am Ende bleibt die Folklore, zu der man geht, weil man halt hingeht.

Von Christian Jakubetz am 4. Mai 2016 um 5:51 Uhr

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