Wie wir künftig alles zeigen…

Man muss mit Hypes ja etwas vorsichtig sein, weil es in der digitalen Welt andauernd irgendwelche Hypes gibt. Aber das hier, das ist mehr als ein Hype, es ist vermutlich ein kommender Standard von Bewegtbild im Netz: 360-Grad-Videos bieten schon jetzt so viele grandiose Möglichkeiten, dass man sich kaum ausmalen kann, wie das mal wird, wenn Kameras, Schnittprogramme und Browser bzw. Apps diese Technologie flächendeckend und einfach nutzbar machen.

Wir haben im BR (wie andere Kollegen natürlich auch) in der letzten Zeit ein wenig damit herum experimentiert: Mal schauen, was man damit so anstellen kann. Am Anfang kam es uns wie eine nette Spielerei vor. Toll, wenn man jemanden mal eben so mitnehmen kann an den Schauplatz eines Geschehens, wenn man jemanden buchstäblich nicht nur eine Seite eines Ortes, sondern den kompletten Umfang zeigen kann.  Und weil das so toll ist, haben wir (und andere) und vergleichsweise lange darauf konzentriert, dass man mit 360-Grad-Videos vor allem schöne Panoramen zeigen kann. Berge, Wiesen, Seen, Schlösser, das ganze Bayern-Standardprogramm sozusagen.

Bis uns dann mal dämmerte: Das ist eine arg verkürzte Sichtweise dieses Dings. Und vermutlich auch nicht das, womit man User auf Dauer glücklich macht. Sich einmal im Innenhof von Neuschwanstein zu drehen oder ein Alpenpanorama  in 360 Grad zu genießen, ist langfristig dann eben doch nur ein Gimmick. Was aber, wenn man anfinge, damit richtige Geschichten zu erzählen? Faszinierender Gedanke, mit einem kleinen Haken: Naturgemäß hat niemand so richtig viel Ahnung, wie man eine Geschichte in 360 Grad erzählt.

Ein paar Sachen liegen ja immerhin auf der Hand: Wenn der User tatsächlich zum jeder Zeit die Perspektive nach seinem Gusto wählen kann, woher sollen wir als Autoren dann wissen, wo er sich gerade befindet? Und was erzählen wir ihm dann, wenn wir gar nicht wissen, wo er sich aufhält und was er sieht?  Das alles ist noch offen. Und trotzdem, das intensive Gefühl, „vor Ort“ und mittendrin zu sein, dazu das realistische Raumgefühl, das 360-Grad-Videos ermöglichen, dazu eine inzwischen massentaugliche Technik sowohl auf Seite der Nutzer als auch bei uns, die wir das produzieren, das macht 360 Grad so spannend. Und für den Journalismus zu einer echten Option – sehr viel mehr als eine Spielerei. Was zudem schon verraten sein soll: In der BR24-App wird das Thema 360 Grad künftig eine größere Rolle spielen…

Wird VR jemals zu mehr als einer Spielerei?

Weil wir gerade beim Thema Spielerei sind: Da war doch noch ein anderes Hype-Thema, das von nicht ganz wenigen zum Trend-Thema mindestens dieses Jahres und vermutlich auch der darauffolgenden erklärt wurde. „Virtual Reality“ heißt es – und wenn man eben diesen nicht ganz wenigen Glauben schenken durfte, dann sollte 2016 das Jahr sein, in dem sich VR endgütig zur Massentauglichkeit hin bewegt.

Inzwischen sind die ersten Oculus Rift-Brillen ausgeliefert und seitdem ist es um das große Zukunftsthema wieder etwas ruhiger geworden. Das ist zwar bei Hypes grundsätzlich immer so, aber erstaunlich ist das in diesem Fall schon: Man hat nicht mehr richtig viel davon gehört, ganz im Gegensatz zu anderen Hypes wie beispielsweise vor neun Jahren beim ersten iPhone.

Könnte damit zu tun haben, dass bei allen heißgelaufenen Hypes am Ende doch nur eine simple Frage steht: Bringt mir das für mein tägliches Leben eine echte Verbesserung – oder ist das doch nur ein nettes Gimmick? Bei der Apple Watch beispielsweise hat sich die Frage inzwischen beantwortet (kann man machen, muss man aber nicht), weswegen aus der Uhr nie auch nur im Ansatz ein solches must have wie das Smartphone geworden ist. Ähnlich ist das bei allem, was zumindest bisher der VR bekannt ist: Man kann das schon machen, aber so überragend ist der Nutzen nicht, als dass man sich ab sofort nur noch in virtuellen Räumen aufhalten müsste. Sieht man mal davon ab, dass es vermutlich nicht sehr bequem ist, wenn man stundenlang mit einem monströs großem Ding auf der Nase durch die Gegend laufen soll (und warum muss ich jetzt in diesem Zusammenhang an den durchschlagenden Erfolg von Google Glass denken? Oder an 3-D-Filme?)

Es ist also so wie es immer ist mit neuen Technologien. Machbar ist vieles in der Theorie. In der Praxis zählt trotzdem nur, ob man das, was man machen kann, auch wirklich will und braucht.  Bei virtuellen Lebenswelten darf man momentan getrost vorsichtig sein. Vielleicht sind sie die Zukunft. Aber die Zukunft ist ja noch nicht jetzt.

Von Christian Jakubetz am 3. Juni 2016 um 7:05 Uhr

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