Fernbedienung des Lebens

Die Deutschen sind das konservativste Volk in Europa. Zumindest, wenn es um die Mediennutzung geht.  Nirgendwo ist der Anteil derer geringer, die von sich sagen, dass das Netz ihre wichtigste Informationsquelle ist. Das ist eine ziemlich gute Nachricht für all diejenigen, die ihr Geschäft hauptsächlich mit Medien betreiben, die eben kein Internet sind (und ja, der BR gehört natürlich irgendwie auch dazu).

Uff, und jetzt erstmal: zurücklehnen?

Nein, natürlich nicht. Dieser eine Wert (51 Prozent bevorzugen das Fernsehen, „nur“ 26 Prozent das Internet) stammt zwar aus dem neuesten Digital News Report des „Reuters Institute“ – aber er bildet, wie das mit Statistiken manchmal so ist, nur einen Teil, einen Ausschnitt der Wahrheit ab.

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Der andere Teil der Wahrheit lautet: Schon jetzt ist absehbar, dass sich diese Verhältnisse in den kommenden Jahren umdrehen werden. Weil vor allem die jüngeren User-Generationen vollständig anders ticken. Für sie sind – das muss man so deutlich sehen, ob uns das passt oder nicht – Medien, die analog und linear ticken, schlimmstenfalls sogar beides, vollständig irrelevant geworden. Zum ersten Mal bekommen wir es mit einer Generation zu tun, die sich mit einem Satz charakterisieren lässt:

Was sich nicht auf dem Smartphone finden lässt, existiert nicht.

Das lässt sich vergleichsweise einfach mit den Reuters-Zahlen belegen: Demnach nutzen fast 70 Prozent der 18-24 jährigen bevorzugt ihr Smartphone, wenn sie Online-Nachrichten lesen wollen.  Das ist auf den ersten Blick wenig überraschend, es reicht ein Blick in jede durchschnittliche Ansammlung von Menschen dieses Alters, denen man vermutlich alles wegnehmen darf, nur ihr Smartphone nicht. Trotzdem hilft es, wenn man sich die Dimension des Ganzen nochmal klarmacht: Das Smartphone ist die Fernbedienung des digitalen Lebens geworden, wer da nicht stattfindet, der kann es genauso gut bleiben lassen.

In Zahlen sieht das dann so aus:

Reuters-Geräteverwendung-nach-Alter

Und dann bitte noch in sozialen Netzwerken…

Als wäre das alles nicht ohnehin schon radikal und eindeutig genug, gibt es diesen Zahlen zufolge auch noch eine zweite Bedingung, die diese vielzitierte „Generation Y“ an uns Medienmenschen stellt:  Nicht nur, dass die Inhalte bitteschön auf dem Smartphone erhältlich sein sollen, zudem müssen sie zunehmend mehr auch in ungefähr allen sozialen Netzwerken auffindbar sein, die man sich nur vorstellen kann. Rund ein Drittel der 18-24Jährigen gibt an, dass soziale Netzwerke inzwischen zu ihren festen Informationsquellen gehören. Und für immerhin 8 Prozent sind sie sogar die einzige Nachrichtenquelle.

Das hat vermutlich sehr viel mit einer inzwischen fest verankerten Gewissheit zu tun: Es kann passieren was will, man wird es nicht versäumen – weil es irgendjemand im Netz dann doch erzählen wird.

Von Christian Jakubetz am 21. Juni 2016 um 7:22 Uhr

1 KOMMENTAR

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