Das Facebook-Missverständnis…

Es gibt Neuigkeiten aus dem Hause Facebook. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, weil es dort dauernd irgendwas Neues zu erzählen gibt. Aber diese Meldung hier ist wirklich bemerkenswert:

Facebook schraubt ein bisschen an seinem Algorithmus rum.

Dem Netzwerk ist nämlich mehr oder weniger spontan eingefallen, was es eigentlich sein will: eine Plattform, über die sich Menschen aus der ganzen Welt vernetzen und sich Dinge erzählen, die man interessant finden kann oder auch nicht. Was bedeutet, dass fortan Postings von Menschen, die miteinander befreundet sind, künftig höher gewichtet werden, als beispielsweise Postings von Verlagen, Unternehmen oder (ja, auch das) des BR.

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Facebook ändert seinen Algorithmus – Postings von Seiten werden dann weniger populär ausgespielt.

Das ist natürlich völlig in Ordnung, weil es erstens die Seite von Facebook ist und die damit machen können, was sie wollen. Wenn die dort künftig Postings mit kopulierenden Fliegen bevorzugen wollen, dann wäre sogar das in Ordnung, weil: siehe oben.

Sogar aus unternehmensstrategischer Sicht ist das ok. Geht man wirklich zu Facebook, weil man sich dort mit einem echt knorke Unternehmenskommunikationspraktikanten von Coca-Cola unterhalten will? Oder weil man dort unbedingt Nachrichten erwartet?

Vielleicht ist diese Sache mit diesem Social Media ja doch nur ein Missverständnis

Jedenfalls ist diese Schrauberei am Algorithmus eine gute Gelegenheit, mal ein paar grundsätzliche Dinge zu überdenken. Weil es zu einer Art medialem Grundgesetz geworden ist, dass Medien und Journalismus zwingend überall dort stattzufinden hätten, wo sich irgendwie ein paar Menschen treffen (Hinweis aus Transparenzgründen: Auch der Autor gehört zu denen, die diesen Grundsatz bisher kaum angezweifelt haben).

Was aber, wenn wir uns getäuscht haben?

Facebook wird, so viel darf man annehmen, diesen Wandel zurück zur großen Freundschaftsmaschine nicht ganz umsonst gemacht haben. Irgendjemand wird bemerkt haben, dass der eigentliche Charakter des Netzwerks untergeht, wenn man von Sponsored Posts, Spieleanfragen und Instant Articles und Statusmeldungen von Seiten zugeschüttet wird. Das ist schon alleine deswegen nachvollziehbar, weil ein Netzwerk nur lebt, wenn es dort Menschen gibt. Also, so echte. Nicht irgendwelche Robots, kein Spam und auch nicht Dinge, die man dort einfach mal eben reinschüttet. Genau das ist bei Facebook aber in den letzten Jahren passiert. Irgendwann war diese Spirale nicht mehr aufzuhalten: Alle rannten zu Facebook und präsentierten dort Neuigkeiten, meistens aus dem Grund, weil es eben alle machen und weil man das jetzt eben so hat. Ein Social-Media-Exzess, dessen Sinn zusehends weniger hinterfragt wird.

Und klar, auch soviel ist sicher: Facebook ist auf unabsehbare Zeit die zentrale Sammelstelle im Netz. Nicht hübsch, aber praktisch, weil eben alle da sind. Und da, wo viele Menschen sind, müssen auch Medien sein. Unbestritten ist auch, dass Facebook immer noch in der Lage ist, jede Menge Traffic zu erzeugen.

Trotzdem könnte es sein, dass Facebook in eine Falle getappt ist, in die vorher schon andere getappt sind: Wenn es von allem zu viel und davon reichlich ist? Wenn man als User, der einfach nur mit seinen Freunden kommunizieren will, inzwischen absäuft in Spieleanfragen, in Aufforderungen, eine Seite zu liken, in Einladungen zu irgendwelchen Veranstaltungen und in Livestreams von Menschen, die sich selbst dabei filmen, wie sie beim Bäcker eine Semmel holen?

Facebook geht also ein wenig back to the roots und irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass das grundsätzlich keine gar nicht so schlechte Idee ist.

Die Sache mit der unbegrenzten Facebook-Macht

Trotzdem darf man sich, wenn man am Thema Medien und digitale Gesellschaft interessiert ist, noch ein paar andere Gedanken zum Thema machen. Beispielsweise darüber, wie sehr diese digitale Welt aus den Fugen geraten ist, wenn Veränderungen an einem einzigen (!) Algorithmus enorme Auswirkungen haben.

Glauben Sie nicht? Ist aber so.

Wenn Facebook künftig also Posts von Seiten etwas weniger bevorzugt ausspielen will, dann stehen all diejenigen vor einem kleinen Dilemma, die bisher ihre Strategie danach ausgerichtet haben, mit ihren Seiten Posts bei Facebook auszuspielen. Es gibt ja durchaus Fälle, wo man das ganz und gar nicht bedauern muss, aber trotzdem zeigt sich deutlich: Die Macht von Facebook ist groß. Bedenklich groß. So groß, dass ein veränderter Algorithmus heute in nicht ganz wenigen Social-Media-Abteilungen für Schnappatmung sorgt.

 

Sollten Sie jetzt User sein und im Hinterkopf ein leicht spöttisches „selber schuld!“ vernehmen, bitte mal kurz nachdenken: Wissen Sie eigentlich, wie sehr auch Ihr Nachrichtenkonsum und Ihre Beziehungen zu anderen Menschen von einem Algorithmus gesteuert werden, von dem sie keine Ahnung haben, wie er funktioniert? Und der jederzeit von ein paar Entwicklern geändert werden kann?

Und schließlich: In Deutschland gibt es nicht ganz grundlos eine Gesetzgebung, die verhindert, dass sich zuviel (Medien-)Macht in einer Hand konzentriert. Und die sogar bei geplanten Fusionen von zwei mittelgroßen Verlagen sehr genau hinschaut.

Und wenn User einfach nur mal ihre Ruhe vor uns haben wollen?

Möglicherweise ist es ja auch, ganz ohne Algorithmen, einfach so: Vielleicht will der User einfach mal seine Ruhe vor uns. Vielleicht findet er es gar nicht so prall wie wir denken, wenn wir ihn in seinen WhatsApp-Gruppen, bei Facebook, bei Instagram und neuerdings auch bei Snapchat damit behelligen, was gerade los. Vielleicht ist er schlau und selbständig genug, sich selbst ein Bild zu machen, ohne dass er mit Breaking und Breakingbreaking drangsaliert wird. Vielleicht ist es jetzt auch einfach mal wieder gut mit dem Social-Media-Dauerpräsenzwahn und vielleicht war das alles ja auch einfach nur ein Missverständnis.

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Nein, natürlich können, wollen und sollen sich Medien jetzt nicht komplett aus den Netzwerken zurückziehen, das wäre absurd. Aber mal zurück ins stille Kämmerlein gehen und darüber sinnieren, ob man dauerhaftes Posten nicht einfach auch als penetrant empfinden kann, wäre ja schon mal ein Anfang. Nachrichten und Medien gehören zwingend dazu, aber dominieren dürfen sie ein Unterhaltungsprogramm nie und nirgends.

Davon abgesehen (Wink mit dem Zaunpfahl!): Es gibt da einige hübsche Apps, die prima Nachrichten abbilden können…

Man wird sich doch noch konzentrieren dürfen!

Möglich auch, dass Medien einfach nur Medien sind und dass man sie genau so nutzen will, wie sie sind. Natürlich haben wir auch im BR mit dem Thema „Second Screen“ experimentiert, vermutlich sogar vor vielen anderen. Aber seither ist das einstmals so wichtige Thema zusehends unwichtiger geworden. Klar kann man das schon machen, dass man Tweets in einer Sendung vorliest und dass man dieses Internet irgendwie in die Sendung integriert.

Und manchmal gehört speziell Twitter dazu: Fußball und Tatort ohne Twitter? Geht gar nicht. Aber das ist ja eher so eine Art Echtzeit-Unterhaltung mit ganz vielen Menschen, eine Art virtuelles Public Viewing.

Trotzdem muss man auf der auf der anderen Seite festhalten, dass es noch nie großartig funktioniert hat, wenn man Zuschauer auffordert, sich interaktiv am Fernsehen zu beteiligen. Wer fern sieht, will fernsehen. Und wer sich zu Wort melden will, der hat inzwischen etliche großartige Möglichkeiten dazu, auch ohne dass man ihn ständig dazu auffordert, sich doch endlich mal zu Wort zu melden.

Und hey, kaum zu glauben, aber: Manchmal hilft es echt weiter, wenn man sich auf eine einzige Sache konzentriert!

 

 

Von Christian Jakubetz am 30. Juni 2016 um 11:22 Uhr

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