Was wir wem glauben

Wenn man nicht gerade die letzten Monate auf einem entfernten Planeten verbracht hat, dann kennt man diesen Begriff, mit dem gerne alle um sich werfen, der ein (Tot-)Schlagwort geworden ist – und den man aber als Journalist nicht so einfach abtun kann, schon gleich gar nicht in einer digitalen Welt, die sich rasant verändert: Lügenpresse! Was noch vor Jahresfrist ein Krakeel-Begriff aus dem Vokabular von Demonstranten war, die sich spazierengehend über den bevorstehenden Untergang des Abendlandes Sorgen machten, ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nicht, dass er mittlerweile von jedem gebraucht würde, aber die Debatte gibt es zweifelsohne: Was darf man Journalisten noch glauben – und was nicht? Und: Haben wir es in Deutschland mit einer existenziellen Glaubwürdigkeits-Krise zu tun?

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Das ist eine Frage, die sich im digitalen Zeitalter drängender stellt als in den analogen Jahren. Weil mit den vielen Plattformen auch etliche andere Stimmen hinzugekommen sind. Das ist prinzipiell eine feine Sache, wird aber dann problematisch, wenn es verwirrend wird. Während man also früher unter Pluralismus schon verstehen konnte, wenn die „Süddeutsche“ eine Sache eher liberal betrachtete und die FAZ das genaue konservative Gegenteil behauptete, gibt es, Social Media sei Dank, inzwischen nichts mehr, was es nicht gibt. Man findet für jedes Thema eine wunderbare Theorie und zwei Sekunden später eine, die genau das Gegenteil belegt. Man findet im (sozialen) Netz allerhand Großartiges und man findet blühenden Unsinn. Dumm nur, dass man die Einschätzung, was jetzt genau was ist meistens alleine treffen muss.

Klar, dass das verwirrt.  Wenn es zu jedem Thema 30 Meinungen und manchmal auch genauso viele „Wahrheiten“ gibt, dann wird es komplex. Und eine Frage steht über allen anderen: Wem dieser 30 darf man glauben?

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Inzwischen gibt es Zahlen. Darüber, wie sehr man Medien und Journalisten in der klassischen Definition Vertrauen schenkt. Sie sind, wie alle Zahlen, interpretationsfähig. Weswegen hier erst einmal eine ganz nackte Zahl steht:

In Deutschland stimmen 52 Prozent der Befragten der Aussage zu, man könne Medien und ihren Nachrichten in den meisten Fällen vertrauen.

Das ist gut die Hälfte. Und immer dann, wenn sich eine 50:50-Situation ergibt, kann man die Geschichte vom halb vollen oder halb leeren Glas rauskramen. In diesem Fall also:

Hurra, über die Hälfte der Deutschen vertraut uns!

Oder aber:

Fast die Hälfte der Deutschen misstraut Journalisten!

Der Journalismus und die Glaubwürdigkeit

Will man diese Zahl etwas einordnen, hilft eine weitere Zahl: Im internationalen Vergleich liegt Deutschland mit diesem Wert im vorderen Drittel demokratischer und freier Staaten (in Diktaturen stellt man diese Frage besser erst gar nicht). Zum Vergleich: Spitzenreiter Finnland bringt es auf gute 60 Prozent, während man in Griechenland von einer echten Vertrauenskrise sprechen kann. Dort billigt nicht man mehr ein Viertel der Menschen den Medien grundsätzliche Glaubwürdigkeit zu.

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Anders herum: In Ländern wie beispielsweise Italien, der Türkei und den USA liegt diese Glaubwürdigkeitsquote bei teilweise deutlich unter 50 Prozent. In den USA trauen die Menschen den Medien etwas weniger als in der Türkei, was aus deutscher Sicht schon eine besonders Interessante Pointe ist. Auf der anderen Seite zeigt sich: Ob man Medien für glaubwürdig hält oder nicht, hat nicht immer was mit ihrer Menge oder auch mit ihrer Freiheit zu tun.

Zumal – das sei zugegeben – die Fragestellung des Reuters Institute insofern etwas unglücklich ist, weil sie sehr pauschal daherkommt. Fragt man in Deutschland gezielter und differenzierter, dann bekommt man Ergebnisse, die belegen, dass den Menschen schon klar ist, dass es einen erheblichen Unterschied zwischen Yellow-Press-Blätter und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk beispielsweise gibt.

(Die Zahlen stammen aus dem „Digital News Report“ des Reuters Institute.)

Von Christian Jakubetz am 10. Juli 2016 um 8:07 Uhr

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