Boombox: Das neue TV…

Es mag ja auf den ersten Blick ein wenig komisch klingen – aber ganz ehrlich, so gut wie heute ging es dem Fernsehen noch nie. Das darf man zumindest dann behaupten, wenn man Fernsehen nicht für gleichbedeutend mit dem guten, alten Fernseher hält und sich stattdessen klar macht: „Fernsehen“, das kann heute alles sein, was mit bewegtem Bild auf irgendeinem Kanal zu tun hat.

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Fernsehen ist immer noch Fernsehen: Über zwei Stunden pro Tag schaut der Durchschnittsdeutsche. (Foto: Jakubetz)

Fernsehen in seiner ursprünglichen Form (nämlich im Fernseher) und in seinen vielen neuen neuen und zumeist digitalen Ausprägungen: das ist so eine Art friedliche Koexistenz. Was damit zu tun hat, dass diese beiden Dinge vom Zuschauer schon lange nicht mehr als Gegensatz empfunden werden. Zwei Drittel aller Online-Nutzer in Deutschland schauen mittlerweile mindestens einmal im Monat Videos im Netz an. Was nebenher übrigens auch die These widerlegt, dass diese Sache mit dem Netz und den Videos nur was für diese Digital Natives sei. Warum auch? Bewegtes Bild gibt es inzwischen seit über 100 Jahren. Da kann man leicht mal den Kanal wechseln, bewegtes Bild ist und bleibt es trotzdem.

Online wächst, TV bleibt trotzdem stabil

Es klingt auf den ersten Blick ja ein bisschen nach Marketing-Gedöns: Die eine Seite wächst, ohne dass die andere Verluste hinnehmen müsste. Kann nach allen Regeln der Kunst eigentlich nicht sein. Nur bei einer Ausnahme: wenn ein Markt insgesamt wächst. Bei der Gattung Bewegtbild kann man das mit sehr gutem Gewissen behaupten. Was vor allem damit zu tun hat, dass sich Videos explosionsartig überall verbreiten. Und weil, zugegeben, vieles unter den Begriff „Videos“ fallen kann. Dazu zählt letztendlich auch der 10-Sekunden-Schnipsel bei Twitter oder Snapchat.

Es ist also genau besehen überhaupt kein Widerspruch, wenn die Videonutzung im Netz enorm steigt und gleichzeitig das klassische Fernsehen keine dramatischen Einbrüche hinnehmen muss. Gut, richtiges Wachstum sieht das Linear-TV auch nicht mehr. Was aber auch daran liegt, dass die natürliche Grenze nach oben erreicht ist. Rund zweieinhalb Stunden schaut der Durchschnittsdeutsche am Tag fern. Ein Wert, der sich schon seit geraumer Zeit kaum mehr verändert.

Gleichzeitig zeigt sich aber auch anderes. Zwar ist der Fernseher aktuell immer noch das bevorzugte Endgerät, wenn es darum geht, Bewegtbilder zu nutzen. Aber der Vorsprung wird knapper. Von der Selbstverständlichkeit, wie sie noch vor ein paar Jahren bestand, ist diese Aussage inzwischen weit entfernt.

Eine aktuelle GfK-Studie zeigt, wie stark die die Dominanz des klassischen TV-Geräts schon abgebröckelt ist.

Demnach konsumieren nur noch 60 Prozent der Deutschen Bewegtbild am Fernsehbildschirm. Jeder Zweite nutzt tragbare Computer, jeder Dritte sein Smartphone. Tablets kommen auf 30 Prozent (Mehrfachnennungen waren möglich). Laut GfK summieren sich die Nutzer portabler Geräte – also Notebook, Smartphone, Tablet und Bildschirme im Auto – auf 65 Prozent. Bei den 14- bis 19-Jährigen sind es sogar 91 Prozent.

Bewegbild im Netz: So selbstverständlich, dass es eigentlich keiner Rede mehr wert ist. (TNS/Infratest).
Bewegbild im Netz: So selbstverständlich, dass es eigentlich keiner Rede mehr wert ist. (TNS/Infratest).

Und überhaupt, was ist noch „Fernsehen“? Die Mediatheken, die natürlich auch vom BR und der ARD betrieben werden, sind nichts anderes als zeitversetztes Fernsehen. Wenn man dann noch bedenkt, dass rund 20 Prozent aller Web-Nutzer regelmäßig in die Mediatheken und es beispielsweise ein „Tatort“ schon mal auf mehrere hunderttausend Abrufe bringt, dann hat man eine leise Ahnung davon, wie wichtig das Fernsehen immer noch ist.

Der Gegensatz zwischen Web und TV, der da manchmal konstruiert wird, ist ohnehin ein künstlicher. Schließlich ist nicht nur jeder Computer inzwischen latent fernsehfähig, sondern umgeht auch eine ständig wachsende Zahl von Fernsehern irgendwie auch Internet. Wenn also, nur mal angenommen, jemand auf seinem Smart-TV, einen Beitrag aus der Mediathek abruft – was genau soll das dann sein? Und, womöglich nicht wichtiger: Spielt das überhaupt eine Rolle, ob wir da von einem Fernsehzuschauer oder doch eher einem Online-User reden? Ist es ein essentieller Unterschied, ob jemand die „Rundschau“ im TV schaut oder in abgewandelter Form via BR24-App?

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Aber klar, eindeutig ist: Die Bewegung führt eher hin zu Computern und mobilen Endgeräten als umgekehrt. Zwar weiß die Mehrheit der Deutschen inzwischen, was so ein Smart-TV ist und was er alles kann. Immerhin 36 Prozent haben auch einen solchen. Aber danach geht es dann auch schon erstaunlich bergab: Nur 21 Prozent haben ihn auch ans Netz angedockt und gerade mal 16 Prozent nutzen die Online-Möglichkeiten wenigstens ab und zu. Vorläufig darf mal also davon ausgehen, dass  es im Bewusstsein der Zuschauer verankert ist, dass man einen Fernseher dann eben doch hauptsächlich zum fernsehen verwendet.

 „Fernsehen“ wird zur Boombox für Bewegtbild

Das alles hat – zwangsweise – auch Auswirkungen auf die Rolle von Fernsehsendern (der BR macht da keine Ausnahme). Es wäre ein absurder Gedanke, würde man im Zeitalter der Vielkanaligkeit und der nahezu unbegrenzten Nutzungsmöglichkeiten im Netz darauf beharren, Bewegbild nach wie vor nur über den Kanal Fernsehen zu vertreiben. Fernsehsender digitaler Prägung werden mehr und mehr zu Umschlagplätzen für Bewegtbild. Zu Plätzen, in denen der Fernseher immer noch eine sehr zentrale Rolle spielt. Mindestens genauso zentral wie dieses ganze andere Zeug, von dem wir heute noch nicht mal wissen, dass es morgen existieren wird.

 

Von Christian Jakubetz am 14. September 2016 um 9:36 Uhr

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