Urknall für den Journalismus

Die BR24-App geht in ihr zweites Jahr. Mit ein paar Veränderungen, die demnächst kommen. Mit solchen, die die Nutzer schnell erkennen werden.  Aber auch mit Überlegungen, die man irgendwie als das Große und Ganze bezeichnen könnte.  Schließlich leben wir inzwischen im Jahr 2016 und die Erfahrung der letzten 15 Jahre hat uns gezeigt, dass man eigentlich dauernd über das Große und Ganze im Journalismus nachdenken muss. Weil es sich andauernd so heftig verändert wie zuvor in 50 oder 100 Jahren nicht.

Es ist erst einmal nicht sehr viel weniger als unser gesamtes Verständnis vom Journalismus, das sich gerade mal wieder verändert. Falls Ihnen dieser Satz so oder so ähnlich schon mal untergekommen ist: gut möglich.  Weil dieser Satz natürlich schon seit 15 Jahren seine Gültigkeit hat, mittlerweile aber gültiger als je zuvor (falls so etwas möglich sein sollte, die Studienräte unter Ihnen verzeihen mir bitte die unzulässige Steigerung). Journalismus, das war: Inhalte, die gedruckt wurden oder eben auch gesendet. Journalisten, das waren Menschen, die Inhalte für diese Kanäle machten, meistens ohne nach links oder nach rechts zu schauen (warum hätten sie das auch tun sollen?). Und Journalisten waren Menschen, die meistens eher verlautbarten. Kommunikation und Interaktion standen in den meisten Fällen eher nicht auf dem Plan.

Bevor Sie jetzt Journalisten dieser früheren Prägung als eitle Fatzkes beschimpfen: Vermutlich sind früher die Menschen auch kaum auf die Idee gekommen, mit Journalisten reden zu wollen. Schon alleine deswegen, weil früher generell die Möglichkeiten der Interaktion und Kommunikation nicht so sonderlich ausgeprägt waren. Erzählen Sie mal einem heute im Rentenalter lebenden Menschen, man könne sich mittlerweile via Twitter oder Facebook mit der Polizei oder einem echten Regierungssprecher unterhalten – er wird staunen, falls er nicht gerade zur Kategorie sehr rüstiger Rentner gehört. Wie man also sieht, sind Journalisten mit dieser Entwicklung nicht alleine. Auch Regierungssprecher haben früher eher selten mit Lieschen Müller geschrieben.

Einfach Journalist sein und mit allen reden, wenn´s geht…

Der Journalist also solcher soll also künftig so kommunikationsfreudig wie möglich sein. Etwas weniger euphemistisch betrachtet bleibt ihm auch gar nicht viel anderes übrig. Weil wir gerade mittendrin sind in einem neuen Kommunikationszeitalter, dem sich auch Journalisten nicht verschließen können. Aber klar, Kommunikation und Journalismus, das bedeutet mittlerweile eben auch, dass sich das ganze von einem one to many zu einem many to many wandelt. Was wiederum heißt, dass auch der 1:1-Dialog eine Form des Journalismus sein kann.  Und damit wiederum, dass man Journalismus auf nahezu jedem dankbaren Kanal betreiben kann. Sogar auf solchen, von denen wir noch gar nicht wissen, dass es sie mal geben wird. Messenger, soziale Netzwerke, Apps, all das gehört heute wie selbstverständlich zum journalistischen Standard. Auch wenn es, zugegeben, manchmal etwas anstrengend ist und ungewohnt zudem.

Aber machen wir uns nichts vor: Ereignisse wie in Würzburg, Ansbach oder am Münchner OEZ haben uns bei allem Schrecken auch gezeigt, wie diese Sache mit dem digitalen Journalismus inzwischen funktioniert. Man wäre gut geraten sich darauf einzustellen, dass so etwas künftig zum Standard wird. Nicht, weil man jetzt befürchten müsste, dass es jede Woche derart grausige Schlagzeilen wie in diesem Sommer gibt. Sondern weil sich die Art verändert, wie wir mit Aktualität (die ja manchmal auch sehr schöne Ereignisse mit sich bringt) umgehen müssen.

Wenn potentiell überall da, wo irgendwas passiert, sofort die (Handy-)Kameras angehen und die Livestreams starten, dann können wir als Journalisten nicht so tun, als sei nichts geschehen. Man muss sich ganz sicher überlegen, welche Konsequenzen das nach sich zeigen wird. Vor allem dann, wenn es potentiell Bilder gibt, bei denen man sich sehr genau überlegen muss, ob man sie wirklich zeigt. Trotzdem: business as usual, so viel zeigt uns die Entwicklung dieses Jahres, wird es nicht mehr geben können. Schon gar nicht für Nachrichtenredaktionen und erst recht nicht für solche, die bei Fernsehen und Radio angedockt sind.

Wie Journalismus von sozialen Netzwerken inspiriert wird

Klingt alles ein bisschen nach den gerade getypten Trends der Mobilität, der Interaktion und der sozialen Netzwerke? Gut möglich. Möglich auch, dass uns Facebook und andere ganz anders beeinflussen als wir das momentan erwarten. Journalismus, insbesondere der auf digitalen Plattformen, wird sich sehr viel mehr an den Funktionsweisen und Strukturen solcher Netzwerke orientieren müssen, will er zeitgemäß bleiben. Das bedeutet unter dem Strich aber sehr viel mehr als das, was wir momentan nahezu überall als common sense sehen. Nämlich, dass Journalisten irgendwie auch bei Facebook ihre Inhalte posten und ab und an auch mal mit einem paar Leuten reden.

Immer dabei: Journalismus im digitalen Zeitalter. (Foto: BR)
Immer dabei: Journalismus im digitalen Zeitalter. (Foto: BR)

Wenn ein regionales Medium – und nichts anderes ist auch der BR – für ein regionales Publikum arbeitet und sendet – was genau spräche dann dagegen, dieses (bayerische) Publikum auch als eine bayerische Community zu betrachten (auch wenn es den traditionsorientierten bayerischen Heimatforscher bei dem Gedanken gruselt, dass wir unseren wunderbaren Freistaat mit einem solchen Anglizismus belegen)? Zu einer Community, siehe oben, gehört dann aber wieder dazu, dass man miteinander redet. Das ist schwierig, wenn man einkanalige Medien wie Radio oder Fernsehen macht. Das wird schon sehr viel einfacher, wenn sich jeder diese Community in die Hosentasche steckt und ständig bei sich tragen kann.

Es ist ja im Übrigen nicht so, dass da in den letzten Jahren ein paar Nerds ein paar ulkige Sachen eingefallen sind, die man jetzt unbedingt auf den Markt drängen will. Der überwältigende Erfolg von sozialen Netzwerken zeigt ja unter anderem genau das:  Es gibt dieses Bedürfnis nach Kommunikation. Und ja, manchmal sogar mit Journalisten.

In seinen guten Momenten sollte Journalismus in den nächsten Jahren vielmehr zu einem im wahrsten Sinne des Worten sozialen Netzwerk werden. Nicht zu einem, dass sich die Daten seiner Nutzer zieht und dann weiterverkauft oder sonstwie nutzt. Sondern zu einem, in dem es in erster Linie um die Sache geht, die im Falle des BR beispielsweise „Bayern und die Welt“ heißen würde. Und anderswo eben anders.

360 Grad, VR: Mehr als Spielzeuge

Dazu gehört auch, dass wir uns diese neuen technischen Möglichkeiten, von denen es gerade unglaublich viele gibt, zunutze machen. 360 Grad-Videos beispielsweise. Oder Anwendungen der Virtual Reality. Das war lange Zeit ein Spielzeug für den Journalismus, ein teures noch dazu. Mehr und mehr kristallisieren sich aber jetzt Dinge heraus, die immer passieren, wenn Technologien serienreif werden. 360-Grad-Videos beispielsweise können wir inzwischen mit vergleichsweise günstigen und einfach zu handhabenden Kameras herstellen. Und spätestens, seit ein Massenkanal wie Facebook 360 Grad fest in seine Ausspielmöglichkeiten integriert hat, muss man sich auch keine großen Gedanken mehr machen, ob und wie sich User solche hübschen Dinge anschauen können.

360-Grad-Videos im Journalismus – das heißt auch: mehr Authentizität, mehr Realität. Wer im wahrsten Sinne des Wortes das ganze Bild sieht, bekommt andere Eindrücke. Und er muss sich weitaus weniger sorgen, dass man ihm irgendwas vorenthalten könnte. Was in einer Zeit, in der man Journalismus gerne mal unter irgendwelche merkwürdigen Generalverdächtigungen stellt, eine gute Sache sein kann. Sieht man mal davon ab, dass in 360 Grad auch echte Erlebniswelten möglich sein können. Digitale Reportagen in 360 Grad: Als Journalist muss man bei dem Gedanken an solche Optionen genauso ins Schwärmen kommen wie als User. (Ein spannendes Interview mit dem 360-Grad-Spezialisten Martin Heller hat Nina Landhofer für B5aktuell gemacht).

Erlebniswelten können inzwischen auch in virtuellen Realitäten entstehen. Auch hier gilt: Natürlich kann Virtual Reality ein nettes Spielzeug sein. VR ist aber auch eine riesige Chance für den Journalismus. Eine Chance, neue Erzählformen zu etablieren. Eine Chance, Dinge zu erklären und zu zeigen, die man vorher nur schwer oder gar nicht zeigen konnte. Wenn jetzt noch jemandem einfällt, wie man eine Brille entwickelt, die etwas formschöner und auch nicht ganz so schwer ist wie die bisher gängigen Modelle…

Der Weg ist also klar. Journalisten sind digitale Storyteller. Ob im großen oder kleinen. Ob für 10 Sekunden in einem Snapchat-Schnipsel, in einer Minute Livestream oder als Begleiter durch virtuelle Welten. Das ist, genau betrachtet, weitaus mehr als das, was wir in der Digitalisierung bisher erlebt haben. Bislang ging es sehr häufig darum, Darstellungsformen aus analogen Kanälen irgendwie in die digitale Welt zu transformieren. Texte, Bilder und Videos gibt es schließlich gefühlt schon seit Anbeginn der Zeit.

Jetzt aber – fangen wir gerade erst an, ein wirkliches digitales Narrativ zu entwickeln. Journalismus im digitalen Zeitalter: Der Urknall dafür war spätestens jetzt.

 

Von Christian Jakubetz am 18. September 2016 um 9:09 Uhr

1 KOMMENTAR

  1. avatar Christian sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    Das hier ist der letzte Versuch bevor ich höhere Stellen beim BR einschalte. (z.B. das Nicht-Reagieren entspricht nicht den BR internen Vorgaben und wird von mir beanstandet.)

    Konkrete Fragen mit der Bitte um eine konkrete (!!) Antwort:

    – Ist die Windows Phone App noch in Entwicklung?

    Wenn Ja:
    – Wann ist der Release aktuell geplant?
    – Wann ist die Beta verfügbar?
    – Wird die App den selben Funktionsumfang wie die iOS und Android Version haben?
    – Welchen Grund hat die enorme Verzögerung von über 6 Monaten? (Vor einem Jahr wurde sie App mit einem Horizont von „bis zu“ 6 Monaten angekündigt.) Danach war es „Sommer“. Der herbst beginnt in 2 Tagen. Sie haben also noch zwei Tage Zeit.

    Wenn Nein:
    – Warum wurde die Einstellung nicht bekannt gegeben?
    – Welche gleichwertige (!) Zugangsmöglichkeit bieten Sie Windows Phone Nutzern? Eine Diskriminierung aufgrund des Betriebssystems ist bei gebühren finanzierten Angeboten nicht hinnehmbar.

    Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.

    Aufgrund der mehrmalig nicht erfolgten Rückmeldung erwarte ich Ihre Antwort nun innerhalb von 2 Tagen.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Christian

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