Willkommen in der Netzwelt…

Vor kurzem habe ich festgestellt, dass es in meiner Umgebung noch ein paar analoge Dinge gibt. Ich habe mich beispielsweise immer noch nicht zum Kauf einer Smartwatch entscheiden können, auch wenn der Entschluss mittlerweile bedenklich wankt. Bei Büchern und Zeitschriften bin ich weiter eisern. Klar habe ich meinen Kindle und meine ganzen Print-Abos kann ich ggf. auch digital lesen. Irgendwas hält mich allerdings davon ab, alles auf die Digital-Ausgaben umzustellen. Es gibt ja schließlich doch noch ein Leben außerhalb der Netzwelt. Ein bisschen zumindest.

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Aber ansonsten? Für Fernsehen, Radio und Musik habe ich eine reichliche Auswahl an Digital-Anwendungen im Gepäck, für meinen Alltag auch. Sogar die Müllabfuhr erinnert mich inzwischen automatisiert daran, wann was vor die Tür muss. Geordert habe ich zudem Amazons „Echo“, einen volldigitalen Assistenten für ein besseres Zuhause. Und zudem nutze ich immer öfter die Google-App, weil so ein digitaler Assistent nicht nur was Nettes ist. Er ist inzwischen sogar halbwegs intelligent und manchmal macht er das Leben echt ein bisschen leichter.

Kurz gesagt: Selbst wenn man weder Super-Nerd noch Geek ist, das Leben wird digitaler. Von Tag zu Tag.  Und Vorsicht vor Trugschlüssen: Keineswegs geht es dabei nur darum, dass man jetzt auch Zeitungen im Netz lesen kann oder Fernsehen auch „on demand“ nutzen kann. Es gibt ungefähr keinen Bereich mehr im Leben, der nicht gerade durchdigitalisiert wird. Autos sollen künftig möglichst alleine und intelligent gesteuert werden. Tracker, Smartwatches und andere wearables sind ein Vorgeschmack darauf, dass Menschen künftig umgeben sind von digitalen Assistenten.

Ein Paradies also? Man muss kein Pessimist sein, um jetzt schon zu bemerken: Nichts im Leben ist derart zweischneidig wie das Thema Digitalisierung. Für jede großartige Neuerung fällt einem sofort auch ein „Ja, aber…“ ein. Googles Assistent wird immer intelligenter und Amazon weiß, dass im Kühlschrank die Milch zur Neige geht? Schön, aber…

Für jeden guten Grund gibt es einen guten Grund dagegen

Das vorerst unauflösbare Paradox lautet also: Um uns optimal digital helfen und assistieren zu lassen, müssen andere so viel wie möglich über uns wissen. Das leuchtet auf den ersten Blick ein, weckt aber beim zweiten Hinschauen Misstrauen: Was macht eigentlich derjenige, dem wir unsere Daten da anvertrauen, mit diesen ganzen Informationen? Bei Unternehmen wie Facebook oder Google täuscht der Eindruck sicher nicht, wenn man glaubt, dass nicht alles so verwendet wird, wie wir es gerne hätten. Oder besser gesagt: wie wir in Deutschland glauben, dass man damit umgehen müsste. In den USA herrschen nun mal ganz andere Vorstellungen von Privatsphäre und Datenschutz.

Von diesen paradoxen Vorstellungen haben wir einige, wenn es um unser jetziges und künftiges digitales Leben geht. Man findet es großartig, dass es in diesem Internet so viele Dinge (vermeintlich) kostenlos gibt, beklagen uns dann aber, wenn wir irgendwann mal damit konfrontiert werden, dass man für alles einen Preis bezahlt. Und wenn es „nur“ Daten sind. Wir sind begeistert, dass es eine ungeahnte Vielfalt von irgendwelchen Angeboten im Netz gibt. Am Ende kaufen wir dann aber doch alle bei Amazon ein, googeln mit Google, facebooken mit Facebook und whatsappen mit Whatsapp. Dass Amazon, Facebook, Google und Whatsapp über eine Marktmacht in der Netzwelt verfügen, die jeder halbwegs begabte Wirtschaftswissenschaftler als ungesund bezeichnet, finden wir empörend, weswegen wir gerne mal Bücher oder TV-Dokus darüber konsumieren, wie sehr diese Unternehmen ihre Macht missbrauchen. Gelegentlich kommt es dann sogar zu halbherzigen Boykottveranstaltungen, deren größtes Problem es ist, dass sie vom jeweils zu boykottierenden Großunternehmen gar nicht bemerkt werden.

Am Thema „Big Data“ kommen wir so oder so nicht vorbei. Weil uns große Datenmengen natürlich in die Lage versetzen, Dinge wirklich beurteilen zu können – und nicht einfach einem Bauchgefühl folgen zu müssen. Mit „Big Data“ werden Verkehrsmeldungen und Prognosen zuverlässiger denn je. Große Datenmengen brauchen wir in ungefähr allen Bereichen des Lebens, um präzise Aussagen treffen zu können.

Auf der anderen Seite entsteht genau da wieder dieser Zwiespalt: Man darf es natürlich als ausgesprochen praktisch empfinden, wenn mich mein Google-Assistent präzise kennt und genau weiß, mit welchem Ratschlag er mir jetzt weiterhelfen kann. Genau das ist es aber auch, was man ziemlich scary finden kann.

Und mittendrin: das Smartphone, die Fernbedienung der Netzwelt

netzwelt2In den letzten beinahe zehn Jahren hat sich allerdings noch etwas entscheidend verändert: Wir haben ein kleines Gerät an die Hand bekommen, von dem wir eine ganze Zeit lang irrtümlich dachten, es sei ein Telefon, mit dem man surfen kann. Inzwischen ist das Smartphone (das wir in Deutschland ulkigerweise immer noch „Handy“ nennen) die Fernbedienung des Lebens. Das zentrale Gerät, das auf jeden Aspekt unseres Lebens seine Auswirkungen hat (telefonieren tun wir damit ja nur noch eher selten).

Der banalste und trotzdem wichtigste Aspekt dieses kleinen Taschenmonstrums: Wir sind nicht einfach nur immer erreichbar. Wenn es das bloß wäre. So ein Telefon kann man ausschalten  und dann ist man eben nicht mehr erreichbar. Aber unsere Abhängigkeit beginnt ja schon weit vor dem Telefonieren. Kommunikation, beispielsweise: Das ist mit dem Smartphone etwas ganz anderes als mit einem Telefon. Mit einem Telefon – und überhaupt in analogen Zeiten – hatte Kommunikation einen Anfang und ein Ende, was in manchen Fällen übrigens auch heute noch durchaus wünschenswert wäre. In der Netzwelt? Nie und nimmer.

Das Smartphone hingegen – kein Anfang und auch kein Ende. Ein Messenger beispielsweise erfordert inzwischen nicht mal mehr das, was wir früher als simple Anstandsregeln verbucht hätten. Man sagt „Servus“ und am Ende nochmal „Servus“, zumindest wenn man in Bayern ist. Der Messenger hat all das pulverisiert. Inzwischen antwortet man halt einfach nicht mehr, wenn man der Meinung ist, dass sich die Unterhaltung bis hierhin erst mal erledigt hat. Und weil wir ja ohnehin immer alle erreichbar sind, gibt´s auch keine Begrüßung mehr und manchmal nicht mal mehr halbwegs vernünftig ausgeschriebene Sätze und Orte (jetzt, wo ich das gerade schreibe, komme ich mir unfassbar alt und kulturpessimistisch vor).

Das ändert dann übrigens auch die Art, wie wir Nachrichten konsumieren, ganz massiv. Zumindest dann, wenn wir vom Smartphone reden. Man taucht einfach mal eben ein in den Nachrichtenstrom. Dieser Strom hat natürlich, man ahnt es, auch keinen Anfang und kein Ende. Warum auch? Im echten Leben hören Nachrichten ja auch nicht einfach mal so auf. Wenn man also so will, dann ist das Smartphone unsere  ständige Verbindung mit der Welt. Und wer wollte die schon so einfach mal kappen?

Dummerweise führt das immer häufiger aber auch so weit, dass dieses Fenster sogar dann offen bleibt, wenn man es eigentlich besser schließen würde. Dass heute jemand angestrengt irgendwas ins Smartphone tippt, während er dir in einer Unterhaltung gegenüber sitzt – geschenkt. In Konferenzen, Meetings, im Unterricht.

Wissen mit der Wissensmaschine Smartphone

Was wissen wir eigentlich noch? Also, so ganz sicher? Im Netz gibt es unzählig vieles, was zumindest vorgaukelt, Wissen zu sein. Und gleichzeitig verdoppelt sich das Wissen der Menschheit inzwischen alle Naslang. Was für ein dramatischer Drift also: Der Mensch weiß immer mehr, so viel, dass selbst das größte Superhirn nicht mehr in der Lage ist, dieses Wissen alleine zu durchdringen. Gleichzeitig wachsen auch die Mengen an Inhalten im Netz immer weiter an. Die Aufgabe also: Nicht mehr selbst alles wissen, sondern stattdessen Zugang zu Wissen zubekommen. Und eine Idee davon haben, wie man verifizieren kann, ob es sich dabei wirklich um Fakten handelt. Oder doch nur um eine der virtuellen Stinkbomben, auf die man im Netz andauernd stößt. Das omnipräsente Smartphone ist also gleichzeitig auch die größte Wissensmaschine, mit der wir es jemals zu tun hatten. Einziger Nachteil dabei: Man muss wissen, wie man an Wissen kommt.

All das – und natürlich noch viel mehr – sind gute Gründe, dass wir die Informationen über diese digitale Welt, die zunehmend unseren Alltag bestimmt, auch in die BR24-App packen. In einer eigenen Rubrik. „Netzwelt“ heißt sie. Und sie ist ein täglich aktualisierter Überblick darüber, was wir wirklich wissen müssen, wenn wir Wissen haben wollen…

Von Christian Jakubetz am 14. Oktober 2016 um 11:11 Uhr

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