Medientage: Unser neues Leben im Netz

Medientage München: Das heißt mal wieder für drei Tage Nachdenken über die eigene Branche. Über ihre Zukunft. Und mehr und mehr auch: über den Nutzer und unser Verhältnis zueinander. „Mobile & Me – Wie das Ich die Medien steuert“, heißt das Kongress-Motto, was für ein Projekt wie BR24 naturgemäß besonders spannend ist. Aus gegebenem Anlass also: ein paar grundsätzliche Erwägungen, wie das alles künftig so werden könnte…

2015- Medientage -muenchen
Besucher und Teilnehmer der Medientage München 2015 | Bild: BR/Julia Müller, Philipp Kimmelzwinger

Halten wir also zunächst einmal in altbayerischer Diktion fest: Schwer ist leicht was. Es klänge ja so wunderbar einfach, der Nutzer will einfach noch auf anderen Kanälen ein bisschen bedient und angesprochen werden und alles ist gut. Wenn er dann auch noch mit einem Tweet in einer Sendung oder sonstwo erwähnt wird, dann ist er ungefähr so glücklich wie jene Leserbriefschreiber aus vergangenen Zeiten, der sich erst hinsetzte, sich die Mühe machte, auf mehreren Seiten seine Sicht der Dinge darzulegen, um sich dann den Ausschnitt aus der Zeitung aufzubewahren, der seine vier Zeilen dokumentiert, die ihm die Redaktion übrig gelassen hat. Mit dem freundlichen Hinweis, dass sich die Redaktion natürlich erlaube, Leserbriefe ganz nach Gusto zu kürzen. Weil wir gerade bei den Leserbriefen sind: Sie sind möglicherweise der beste Beleg dafür, dass sich in den letzten Jahren etwas geändert haben könnte. Früher haben Menschen Leserbriefe geschrieben, heute machen sie gleich einen eigenen Blog auf. Oder sie posten kurzerhand bei Facebook und bei Twitter. Man ahnt also, dass es mit Leserbriefen oder kurzem Vorlesen von Tweets in einer Sendung alleine nicht mehr getan ist.

Der Nutzer merkt schnell, wie ernst wir es meinen

So richtig amüsant wird es immer dann, wenn Menschen, deren Beruf eigentlich die Kommunikation sein sollte, marktschreierisch verkünden: Folge uns bei Twitter! Werde unser Freund bei Facebook! Sieht man davon ab, dass sich niemand qua Aufforderung zu Freundschaften verpflichten lassen will, ist der dahinter liegende Gedanke grundfalsch: Niemand will mit Medien oder Marken befreundet sein. Man liest seine Zeitung ganz gerne und vielleicht trinkt man abends gerne eine Cola oder bevorzugt ein bestimmtes Waschmittel. Ich kann Medientage mögen, aber befreundet bin ich mit ihnen deshalb nicht.

Also, wer käme ernsthaft auf die Idee, mit seinem Waschmittel befreundet sein zu wollen? Mit Persil will man weder plaudern noch andere Dinge tun, die echten Freunden vorbehalten sind. Wenn Menschen sich also auf Interaktion mit Medien und Marken einlassen, dann suchen sie Themen, nicht Freunde. Man könnte auch sagen: Sie wollen ernst genommen werden – und sie bemerken sehr schnell, ob da jemand nur müde Werbebotschaften los wird, Daten einsammeln will oder Facebook zur Linkschleuder umbaut. Das Erstaunen allerdings, das bei vielen einsetzt, weil ein soziales Netzwerk oder überhaupt die digitale Kommunikation nicht funktionieren, das ist zumeist echt. Da ist man schon mal so nett, dass man mit den Menschen redet und dann sowas…undankbares Volk!

Der Intendant und der Professor

br_nachtsicht

Anlässlich der am 25.10. beginnenden Medientage in München geht es in einer Extraausgabe von „nacht:sicht“ um das Thema „Die Zukunft des Fernsehens“. Doch wie sieht in Zeiten der digitalen Revolution diese Zukunft aus? Darüber diskutiert Gastgeber Andreas Bönte mit BR-Intendant Ulrich Wilhelm und Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Universität Tübingen.

Aktuelle Nachrichten können längst jederzeit und überall mit dem Smartphone abgerufen, politische Geschehnisse in sozialen Netzwerken binnen kürzester Zeit von jedermann geteilt und kommentiert werden. Was bedeutet das für die Rolle der Medien und ihre Glaubwürdigkeit? Wie können Zuschauer zwischen Qualitätsjournalismus und interessengeleiteten Meldungen im Internet unterscheiden? Und welche Herausforderungen ergeben sich in diesem Spannungsfeld für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und seine Bedeutung für die demokratische Gesellschaft? Diese und andere Aspekte sind Thema der Diskussionsrunde.

Anschauen? Hier!

Schaut man auf einen Zeitraum zurück, den wir jetzt der Einfachheit halber “früher” nennen, dann muss man wahrscheinlich als jemand, der sein Handwerk in grauen analogen Zeiten gelernt hat, sein komplettes Denken umstellen. Medien machen, das hieß ja früher ganz bewusst das genaue Gegenteil von dem, was wir heute darunter verstehen. Medien lebten von dem Habitus, die Welt zu erklären, immer ein bisschen lehrerhaft, was aber schön ins Bild passt: Vom Lehrer hat man ja in diesem “früher” auch nicht im Geringsten erwartet, dass er sich mit seinen Schülern und Studenten ausführlich unterhält und womöglich sich sogar von ihnen belehren lässt. In einem Journalismus-Lehrbuch aus den 80ern habe ich einen ebenso schönen wie bezeichnenden Satz gefunden: Das Schwierige für Journalisten, so hieß es da verräterisch, das Schwierige sei ja, dass man selbstredend die meisten Dinge besser wissen müsse als der Nicht-Journalist, nur raushängen lassen dürfe man das nicht (das stand da wörtlich natürlich nicht, aber sinngemäß).

Wir wissen es besser, wir erklären euch die Welt, wir hier vorne, ihr da hinten: So sind ganze Generationen von Journalisten aufgewachsen und manchmal bin ich nicht sicher, ob sie es nicht auch heute nicht so tun, so dünkelhaft, wie sich manchmal ja sogar noch junge Journalistenschüler aufführen. Ob sich die Idee bereits durchgesetzt hat, dass das Internet ein dialogisches Medium ist und Medien im Netz deshalb nur funktionieren können, wenn man sich auf einen echten Dialog einlässt, darf man mit gutem Gewissen bezweifeln. Es ist, zugegeben, nicht so ganz einfach, wenn man das Selbstverständnis eines ganzen Berufsstandes, das sich über hundert Jahre so aufgebaut hatte, plötzlich nicht nur infrage stellt, sondern vollständig umdrehen will.

Journalismus 2020 heißt auch: Leben in einer digitalen Community

Gehört hat man in jüngster Zeit ja allerhand darüber. Darüber, dass Journalisten zunehmend mehr Kuratoren und Aggregatoren sein sollten, und ja, auch das: Moderatoren in einer Welt, in der die reine Information schon alleine deswegen an Bedeutung verloren hat, weil es viel zu viel an ihr gibt. Das Bild, das wir von einer Informationsgesellschaft haben, wandelt sich also zwangsläufig. (Man muss sich nur mal den Spaß machen und sich die Titel der früheren Medientage mal so anschauen).

Die Informationsbeschaffung war früher ein ganz wesentlicher Bestandteil journalistischer Arbeit, morgen wird es nahezu umgekehrt sein. Statt noch mehr und noch und noch mehr Information zu beschaffen und uns dabei einen wahnwitzigen und unsinnigen Online-Wettkampf zu liefern, wer möglicherweise bei der letzten breaking news 30 Sekunden schneller als die anderen gewesen ist, kommt es darauf an, Informationen zu selektieren, sie zu bündeln, zu bewerten. Und sie in einem Kontext zur Debatte zu stellen. Debatte, das heißt aber eben auch, dass am anderen Ende des Kanals jemand sitzt, den man ernst nimmt, den man als ebenbürtigen Gesprächspartner akzeptiert. Von dem man sich ggf. auch mal erklären lässt, warum man mit der eigenen Meinung daneben lag. Ein Gespräch setzt immer die Annahme voraus, dass der andere Recht haben könnte, heißt es dazu gerne. Was unbestritten ist, aber mit dem ehemaligen Berufsbild etwas kollidiert: Wie soll derjenige, der sich doch von uns die Welt erklären lassen soll, auch noch recht haben?

Man könnte das alles beklagen und zwischendrin amüsiert beobachten, wie sich nicht ganz wenige Menschen den früheren status quo zurückwünschen. Und es ist ja auch gar kein ausschließlich Journalisten vorbehaltenes Phänomen, dass man der neuen Macht im Internet irgendwie misstraut oder sie zumindest nicht gerade freudig begrüßt. Der frühere FDP-Generalsekretär sprach  vor Jahren mal von der “Tyrannei der Massen”, was in seiner Wortwahl einigermaßen verräterisch ist. 

Bevor wir als Medienmacher jetzt hämisch in die Hände klatschen: Wo kämen wir denn hin, wenn künftig Nutzer auch noch mitreden wollen, wenn es um Medien geht? Das denken sich im stillen Kämmerlein vermutlich immer noch mehr Protagonisten als wie wir das wahrhaben wollen. Dumm nur, dass das Wehklagen nicht sehr viel nutzen wird. Von der frisch gewonnen Teilhabe werden Nutzer nicht mehr lassen wollen.

Tatsächlich schafft das Netz enorm viele neue Potentiale, die mit ein bisschen Facebook und Twitter nicht einmal im Ansatz ausgereizt sind. Jeder kann auf einmal gleichermaßen Sender wie Empfänger sein, jeder kann zum Klein- oder vielleicht sogar Großpublizisten werden. Ob das auch jeder will, steht wieder auf einem anderen Blatt. Aber vermutlich reicht schon alleine das Wissen darum, dass man könnte, wenn man denn wollte, um ein neues, geschärftes Bewusstsein für mehr Macht im Netz zu schaffen. Wie dem auch sei: Der Geist ist jetzt aus der Flasche und man weiß ja, dass sich solche Geister nicht wieder in die Enge ihrer vorherigen Behältnisse zurückdrängen lassen.

Im Schwarm entstehen manchmal leider auch weniger gute Sachen

Aber wahr ist ja leider auch, dass solche Debatten wie so häufig, wenn es um das Netz geht, wahlweise schwarz oder weiß geführt werden. Aus Sicht der einen ist es bedingungslos gut, wenn alle über alles debattieren, für die anderen handelt es sich wenigstens um den Untergang des Abendlandes. In leicht erhitzter Atmosphäre diskutiert es sich eben nicht so gut, was wie immer für beide Seiten gilt. Natürlich ist es komplett unsinnig, ein Kommunikationsmittel zur “Tyrannei” zu erklären, noch dazu, wo es sich generell für einen Demokraten verbieten sollte, Instrumente und Möglichkeiten der Meinungsäußerung als “Tyrannei” zu bezeichnen.

Es ist allerdings auf der anderen Seite leider wenigstens naiv zu glauben, dass aus einem Schwarm immer etwas entstehen muss, was mit Intelligenz zu tun hat. Manchmal entstehen in so einem Schwarm leider auch eher unschöne Dinge und dass es neben der Schwarmintelligenz auch so etwas wie eine Schwarmdummheit gibt, können nur sehr ausgeprägte Idealisten ernsthaft bestreiten. Man weiß das im Netz 2016 spätestens, seit es Pegida und andere besorgte Menschen gibt.

Aber kommen wir nochmal zurück auf die Frage, wie wir, die wir bisher das Publikations-Monopol inne hatten, damit umgehen sollen. Immerhin gehört das ja in nahezu allen Medienunternehmen zu den am meisten debattierten Fragen. Dabei wären die Antworten auf diese Fragen schnell zu finden, würde man die jetzigen Entwicklungen aus einem einfachen Blickwinkel sehen. Nämlich den, dass es sich bei alledem, was aktuell gerade passiert, um nichts anders handelt als zutiefst menschliche Handlungsweisen. Die Frage, warum man sich mit irgendjemanden unterhalten soll, beantwortet sich zunächst ja ganz einfach: weil mir der andere einen halbwegs guten Grund geben muss, der idealerweise über den der reinen Anwesenheit hinausgehen sollte.

Pure Anwesenheit bedeutet nichts im Facebook-Zeitalter, weil alle irgendwie und irgendwo anwesend sind, selbst solche, die eigentlich nicht richtig anwesend sind, sondern sich nur zur Party angemeldet haben, das tatsächliche Erscheinen dann aber verweigert haben. Wenn man sich dann die Interaktion vieler mit dem neuen digitalen Nutzer ansieht, dann staunt man: Wenn das alles ist, was Kommunikatoren an Kommunikation zu bieten haben, dann müsste der einen oder andere doch noch mal über seine Berufswahl nachdenken. Die Ergebnisse dieser Nicht-Strategien sind täglich und überall sichtbar. Ganz so, als stünde als Claim dieser Accounts irgendwo zu lesen: Gehen Sie weiter, es gibt hier absolut nichts zu sehen.

Kurz gesagt: Soziale Netzwerke sind natürlich sehr viel mehr als nur ein weiterer Vertriebskanal. Wer das übersieht, ignoriert eine ganz entscheidende Entwicklung, die im Gegensatz zu den ersten Schritten der Digitalisierung nicht einfach nur eine Verlagerung des Trägermediums und ein paar neue Erzählformen bedeutet. Tatsächlich verändert sich das Verhältnis zwischen Medium und Nutzer beinahe vollständig. Ein journalistisches Medium ist inzwischen vielmehr ein Moderator einer sich immer schneller bewegenden und möglicherweise auch zunehmend komplexen Gesellschaft. Das Thema “zusätzlicher Vertriebskanal” ist also ein eher unwichtiger Aspekt, wenn wir heute von einem zunehmend sozialeren Netz sprechen.

Was ist das eigentlich noch:Öffentlichkeit?

Und vermutlich gehört zu den aktuellen Problemen mit diesem ganzen Digitalkram ja auch, dass wir oft genug noch von der Idee einer einzigen, alles und jeden umfassenden Öffentlichkeit ausgehen. Dieser Gedanke wird vor allem durch soziale Netzwerke ad absurdum geführt, weil sich dort mit jeder Gruppe, jeder Seite, jeder Liste immer kleinere Teilöffentlichkeiten bilden, die noch dazu inzwischen davon ausgehen, dass sie eine Information schon finden wird, wenn sie wichtig sein sollte. Selbst wenn man jetzt darauf verweist, dass Facebook mit seinen Milliarden Nutzern  sehr wohl eine gigantisch grob Öffentlichkeit ist: Das riesige Facebook-Netz zerfällt ja bei genauem Hinschauen auch in teilweise mikroskopisch kleine Echokammern.

Es ist also vielleicht doch nicht so einfach, wie es aussieht, diese Sache mit dem neuen Verhältnis zwischen uns und dem Nutzer zu begreifen. Das muss man aber, wenn man in diesem digitalen Dschungel überleben will. Auch das gehört ja zu den grundlegenden Veränderungen: dass wir uns mit unserem Gegenüber beschäftigen müssen. Das mussten wir früher nicht, auch wenn wir gerne und ausdauernd behauptet haben, es zu tun. Wir sprachen gerne von “dem Leser” oder “dem Zuschauer”, ohne ernsthaft zu wissen, um was und wen es sich bei diesem Fabelwesen hätte handeln können.

Die größte Zuschauerreaktion heißt inzwischen Facebook

Wenn wir ehrlich zu uns selber sind, müssen wir vermutlich sogar eingestehen, darüber gar nicht so unglücklich gewesen zu sein. Es hat uns nämlich das Leben einfacher gemacht, wenn wir seufzend sagen konnten, wie furchtbar schwer zu durchschauen Leser und Zuschauer seien. Und wir konnten beinahe ohne jeglichen Abgleich mit der Wirklichkeit Dinge tun oder auch lassen, mit der hübschen Begründung: Der will das so! Wie praktisch, dass er uns das Gegenteil erst gar nicht sagen konnte.

Vermutlich hängt übrigens ein beträchtlicher Teil dieses digitalen Erschreckens auch damit zusammen, dass uns der Nutzer inzwischen nicht nur sehr deutlich sagt, was er will. Und damit, dass das, was er uns sagt, nicht sehr viel mit dem zu tun hat mit dem, was wir über viele Jahre hinweg quasi in seinem Namen als seinen Willen postulierten. Davor hatten wir als mehr oder weniger große Feigenblätter so hübsche Einrichtungen wie eine Leserbriefredaktion oder eine Zuschauerredaktion, wo die Teilhabe des Nutzers verwaltet wurde. Die Zuschauerredaktion braucht man natürlich immer noch, aber mal ehrlich: Die größte Zuschauerredaktion heißt heute Facebook.

Keine Sorge, eine längere Auseinandersetzung mit dem totzitierten Satz “Man kann nicht nicht kommunizieren” erspare ich Ihnen.  Vielerorts hat man die Frage nach der Kommunikation mit Nutzern, nach der ständigen Präsenz von Medien in sozialen und mobilen Plattformen . Es ist  schlichtweg part of the job, mit Nutzern zu kommunizieren, nicht nur anlässlich der Medientage.

Und vielleicht ist das die ebenso simple wie wichtige Erkenntnis für die Gegenwart und die Zukunft: Noch viel wichtiger als jede Technologie ist die neue Aufgabe von Journalisten, von Medien und sogar von FDP-Generalsekretären: mit Menschen zu reden ist ebenso viel wert und ebenso bedeutsam wie sie zu informieren.

Medientage: So berichtet der BR

Der BR beteiligt sich am Branchentreff Medientage mit Veranstaltungen und Berichterstattung. Eine ausführliche Übersicht darüber gibt es hier.

Von Christian Jakubetz am 25. Oktober 2016 um 3:28 Uhr

1 KOMMENTAR

  1. […] Medientage: Unser neues Leben im Netz  (BR 24 1, BR […]

Kommentieren:

Kommentare werden vor der Freischaltung geprüft. Links sind nicht gestattet.
Mehr in den Kommentarrichtlinien.