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Das neue Netz: Live und mobil

Es war noch einmal eine große TV-Nacht, als am 8. November in den USA gewählt wurde. Und weil es ja mit einem überraschenden Ergebnis endete, war diese Fernsehnacht noch einmal ein Beleg dafür, warum Fernsehen weitaus mehr ist, als sich irgendwelche Dinge anzuschauen: Die Welt verfolgte live das wichtigste politische Ereignis der letzten vier Jahre – und das Fernsehen war das vielzitierte Lagerfeuer, um das herum sich alle versammelten.

Gut möglich ist aber ist ein anderes Szenario: Nämlich, dass im November 2020, wenn Donald Trump mutmaßlich um seine Wiederwahl kämpft, natürlich immer noch viele Menschen, vermutlich sogar: etliche Millionen, vor dem Fernseher sitzen. Vielleicht liegen sie aber auch mit dem Smartphone im Bett und schauen sich einen Livestream an. Oder sie konstruieren gleich ihre eigene Live-Social-Mobil-Wahlparty.

Und das alles aus einem einzigen Grund: Die Welt geht gerade live. 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche.

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Smartphone an, streamen: Ein inzwischen alltäglich gewordenes Bild. (Foto: Jakubetz)

Live-Bewegtbilder im Netz – das klingt auf den ersten Blick neu. Tatsächlich aber sind sie ein Thema, seit es die Webcam gibt. Und die gibt es bekanntlich schon lange, erst als Kugel mit USB-Anschluss, später dann immer häufiger als Standard-Ausrüstung an jedem Rechner.

Aber was machen mit einer Webcam? Das Problem waren nicht nur die fehlenden Bandbreiten und Kanäle, sondern auch die Tatsache, dass Laptops oder PC´s nur sehr eingeschränkt mobil sind. Und was will man schon mit einer Kamera, mit der man de facto nur eines kann: sich selbst live streamen, wie man vor einem Rechner sitzt? Eine Zeit lang funktionierte sogar das ein kleines bisschen. Mit Google Hangouts konnte man zumindest eine Art Gespräch von mehreren Menschen an verschiedenen Rechnern zeigen. Aber so wirklich prickelnd? Ach, nö…

Wie so oft ändert das Smartphone mal wieder alles: Jeder kann plötzlich live sein

Es war während der SXSW-Konferenz im Winter 2015, als plötzlich alle Digital-Welt von einer App namens „Meerkat“ sprach. Die App hat sich zwischenzeitlich sein lange überholt. Aber „damals“, also vor knapp zwei Jahren, markierte sie den Eintritt des Livestreamings in den Massenmarkt. Man musste nichts mehr können, nicht installieren, kein besonderes Equipment haben – wie immer also, wenn Dinge plötzlich massenmarktfähig werden. Smartphone und halbwegs schnelle Netz genügen, schon ist man live von nahezu jedem Ort der Welt.

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(Screenshot Digiday/JW Player)

Was „Meerkat“ fehlte, hatten andere:  Publikum. Twitter reagierte früher, Facebook etwas später. Mit „Periscope“ bzw. „Facebook Live“ brachten sie endgültig zusammen, was zusammen gehörte: Technologie plus Publikum.  Inzwischen sind Livestreams so eine Art neues Fernsehen geworden, nur anders. Spontaner, mobiler, schneller. Und natürlich auch das: ungeschliffener, authentischer, unberechenbar.  Wer heute einen Livestream einschaltet, weiß im Regelfall nicht, was auf ihn zukommt. Aber das haben wir ja spätestens Anfang der 90er gelernt, als es nicht mehr vier oder fünf, sondern ein Vielfaches an TV-Programmen gab: Man schaltet ein und dann eben auch wieder weg, wenn´s nicht gefällt.

Die Welt geht live

Und weil das so ist, gibt es auch kein Programm mehr. Oder wenigstens den Ansatz einer Struktur. Klar, man kann Events planen und man kann immer und immer wieder ankündigen, an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit live zu sein. Trotzdem hat sich das Wesen des „Fernsehens“ im Netz endgültig verändert. Das lineare Programm ist nur noch ein Teil dieses Sammelbegriffs.  Alles andere ist: spontan, manchmal unerwartet, nie am Fernseher, dafür aber fast immer auf dem Smartphone stattfindend.

(Video: Donald Trump geht wählen. Live. Drei Stunden lang).

Kaum vorstellbar, dass es in Zukunft auch nur noch ein halbwegs bedeutsames Ereignis geben wird, das nicht von irgendeinem Livestream begleitet wird.

Spätestens bei der nächsten US-Wahl wird die Welt nicht mehr so sein wie jetzt. Obwohl sie das, streng genommen, schon jetzt nicht mehr ist.

(Hinweis für Kurzentschlossene: Am Montag findet in Würzburg der Mobile Media Day statt. Kann sein, dass von da aus auch gestreamt wird…)

Von Christian Jakubetz am 13. November 2016 um 7:25 Uhr

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