beitragsbild_renoverung

Medienwandel, Baby!

Man spürt das Tempo, in dem dieser Medienwandel vonstatten geht, ab und am eigenen Leib. Sogar in einem öffentlich-rechtlichen Haus, von dem ganz böse Zungen gelegentlich behaupten, der Begriff Tempo passe so ganz und gar nicht dazu. Tatsächlich aber bemerkt man dann am Ende eines solchen Jahres, dass es beispielsweise von der BR24-App bereits eine zweite Version gibt. Wo man doch gefühlt der Meinung war, die erste Version sei gerade eben erst auf den Markt gekommen.

4827496705_7b0a99eab3_b Medienwandel
Wir renovieren dann mal fröhlich weiter: Der Medienwandel hält uns für unabsehbare Zeit auf Trab. (Foto: Jakubetz)

Aber es gibt natürlich auch ziemlich viele andere Dinge, die inzwischen existieren. Hier laufen gelegentlich Menschen rum, die einen leichten Hauch des Hipstertums verbreiten und die Social Media sehr viel cooler finden als Fernsehen oder Radio. Überhaupt tummelt man sich nicht nur hier, sondern überall da, wo man was mit Medien macht, mit einer Selbstverständlichkeit in diesem (sozialen) Netz, dass man meinen könnte, im BR habe es nie etwas anderes gegeben.

Das also muss dieser Medienwandel sein, von dem immer alle sprechen. Der 2016 mal wieder spektakulär unspektakulär verlaufen ist. Die Dinge ändern sich weiter in einem Tempo, das konstant hoch ist. Man nimmt es mittlerweile routiniert zur Kenntnis, dass man mal eben eine Technologie wie 360-Grad-Videos in das eigene Repertoire aufgenommen hat und dass man mit Facebook irgendwas live überträgt. Klar, es gibt immer noch Radio und Fernsehen und daran wird sich auf ziemlich lange Zeit auch nichts ändern. Aber wenn man sich anschaut, was es sonst so alles noch gibt und geben muss – wo ist eigentlich diese kuschelige Medienwelt hin, in der wir uns noch vor wenigen Jahren bewegt haben?

Der Medienwandel am Ziel: Digitaler Journalismus ist endlich eigenständig

Da war es zum Beispiel lange Zeit so, dass Journalismus im Netz kaum unterscheidbar war vom Journalismus auf den altbekannten Kanälen. TV-Beiträge konnte man dann eben auch im Netz schauen, Radiobeiträge wanderten in irgendwelche Podcastreihe und (Tele-)Texte waren dann eben auch auf Bildschirmen lesbar.

Womöglich ist das die wichtigste Erkenntnis, die wir aus dem abgelaufenen Medienwandel-Jahr 2016 mitnehmen: Digitaler Journalismus ist (endlich) zu einer eigenständigen Variante geworden – und nicht mehr nur die bloße Reproduktion analoger Gewohnheiten. Wir erzählen unsere Geschichten inzwischen über etliche Kanäle hinweg. Und wir erzählen sie auf jedem Kanal anders. So, wie es dem Kanal entspricht und so wie wir das Publikum dort vermutlich am besten erreichen. Wie das im Einzelnen aussieht, ist, wie so vieles, natürlich noch völlig unklar. Nur so viel wissen wir inzwischen sicher: Mit Copy&Paste-Journalismus langweilen wir höchstens noch zu Tode. Eine Nachrichten-App ist nunmal etwas anderes als Twitter und das wiederum ist nicht im Ansatz zu vergleichen mit Snapchat. Medienwandel, Baby!

Selbst in unserem ureigensten Geschäft mit den Bewegtbildern ändert sich gerade ungefähr alles. BR-intern haben wir im Frühjahr mal ein bisschen getüftelt an neuen Formen für Videos, die beispielsweise in sozialen Netzen inzwischen nichts mehr zu tun haben mit dem, was wir aus dem Fernsehen noch kennen. An den Videos erkennt man möglicherweise am besten, wie sehr sich die Dinge gedreht haben: Es gibt inzwischen fast keinen Journalismus, keinen Kanal mehr, in dem Bewegtbild nicht eine zentrale Rolle spielen würde. Das können kurze Schnipsel von 30 Sekunden genauso wie stundenlange Livestreams sein. Nur eines ist so ziemlich das verkehrteste, was man im Netz der bewegten Bilder machen kann: „gebaute“ Beiträge mit all den Dingen, die man im TV vielleicht braucht, die aber im Netz komplett überflüssig sind. Niemand braucht Hochglanz im Netz. dafür: Schnelligkeit, Verständlichkeit, Authentizität. Schlechte Nachrichten für Menschen, die einen Beitrag erstmal cutten und postproduzieren wollen, schon klar. Und gute Nachrichten für alle, die wissen, wie  man mit einem Smartphone umgeht.

Die Welt ist endgültig mobil geworden

Apropos Smartphone: 2016 war dann auch das Jahr, in dem die Medienwelt endgültig mobil geworden ist. Zum ersten Mal überhaupt ist das Smartphone in diesem Jahr zu dem Gerät geworden, über das am häufigsten das Netz genutzt wird. Das bringt eine ganze Menge große und manchmal auch kleine Änderungen mit sich. Für Medien bedeutet das vor allem, dass Angebote für Smartphones mindestens genauso wichtig geworden sind wie die „Tagesschau“ oder die gedruckte Ausgabe der Zeitung. Klingt immer noch ungewohnt, zugegeben. Trotzdem:  Früher war die „Tagesschau“ im TV Pflicht, wenn man wissen wollte, ob der Planet wohl auch morgen noch steht. Heute kann man natürlich immer noch die Nachrichten des BR oder der „Tagesschau“ nutzen, aber immer häufiger reicht ein kurzer Blick auf das Handy.

Dabei entsteht gerade ein neuer Nachrichten-Journalismus, dessen  ganze Funktionsweise wir wahrscheinlich erst in ein paar Jahren komplett verstehen werden. Momentan ist das ja immer noch so: Nachrichten berichten über etwas, was bereits stattgefunden hat. Gleichgültig, ob vor 15 Minuten oder vor 15 Stunden: Das Prinzip ist, über vergangene Dinge zu berichten.

In diesem neuen, mobilen Netz ist diese Form des Nachrichten-Journalismus auch weiterhin eine Option. Eine von mehreren allerdings nur. Die wichtigste neue Variante wird eine Art Echtzeit-Parallelwelt, die die Dinge in (Beinahe-)Echtzeit abbildet. Für Journalisten und Nutzer ist es schon jetzt immer häufiger möglich, sich mitten rein zu begeben in ein Geschehen.

Dabei geht es nicht nur um Livestreams oder um Liveblogs oder andere potentielle Live-Tools wie Twitter. Sondern auch darum, dass Menschen vermutlich in des Wortes Sinne mitgenommen werden können an einen Ort, zu einem Geschehen. 360-Grad-Videos spielen dabei eine immer größere Rolle. Richtig interessant wird das, wenn man 360 Grad und Livestreaming miteinander verbindet.

Zukunftsmusik? Kaum. Die Hardware dafür existiert, die Bandbreiten werden immer größer und zuverlässiger. Und am wichtigsten:  Auch für Nutzer ist 360 Grad inzwischen zu einem Standard geworden (dazu später dann noch mehr).

Das aber erfordert vor allem für Journalisten eine komplettes Umdenken. Weil sie plötzlich virtuelle Livewelten errichten können, weil sie sich auf einmal mit Livesituationen und den richtigen Umgang damit beschäftigen müssen. Und, ja klar: auch mit völlig neuen Geräten, Programmen und Zuschauerwünschen. Dazu gehört im Übrigen auch die permanente Interaktion mit Nutzern. Livejournalismus, das bedeutet grundlegend anderes als das, was wir bisher aus Radio und Fernsehen kennen.  Nicht nur einfache Übertragung – jedes Livetool hat stattdessen einen Rückkanal. Live gehen bedeutet also auch: Engagement mit potentiell unendlich vielen Menschen.

So geht Medienwandel. Eat your words.

Live und ungeschnitten: Die Chancen und die Gefahren

Es ist also für beide Seiten anscheinend viel versprechend: Nie wieder irgend etwas verpassen, wenn auf der Welt etwas passiert. Ein Smartphone, eine App und ein halbwegs stabiles Netz: Wie wenig es doch ist, was man heute braucht, um live zu gehen, vergleicht man das mal mit dem gemessen daran monströsen Aufwand, den man braucht, um im TV live zu gehen. Ausgerechnet das Jahr 2016 hat uns aber auch gezeigt, wie schmal der Grat ist, auf dem man sich da bewegt. Terroranschläge, Amokläufe – das gehört eben auch zu den Dingen, die man live zeigen könnte, wenn man das denn wollte.

Die Frage hat sich in diesem Jahr erstmals so richtig gestellt. In Zukunft wird es vermutlich noch sehr viel häufiger heißen: Was darf man zeigen und wo sind die Grenzen? Wo endet die Information und wo beginnt der Voyeurismus? Und macht man sich gerade im Falle des (islamistischen) Terrors nicht ungewollt zum Helfershelfer, wenn man die Bilder in die Welt trägt, die die Terroristen dringend brauchen, um ihr schmutziges Handwerk zu erledigen?

Auf der anderen Seite spüren wir ja schon jetzt, wie klein der Handlungsspielraum für eine Entscheidung geworden ist: Als im Sommer der Putsch in der Türkei begann, mussten sich ARD und ZDF hinterher viel Kritik gefallen lassen, weil man vermeintlich nicht schnell genug reagiert und das Programm unterbrochen habe.  Es wäre ja auch ein Wunder, wenn dieses sich rasant beschleunigende Tempo des digitalen Nachrichtenjournalismus nicht auch den Druck auf die klassischen Medien erhöhen würde.

Virtuelle 360-Grad-Welten: Hype oder Zukunft?

img_1172
Virtual Reality: Spannend, aber immer noch etwas umständlich…(Foto: Jakubetz)

Dazu kommt, dass der Journalismus inzwischen eine weitere Möglichkeit hinzu bekommt, die Dinge noch authentischer als bisher darzustellen: 360 Grad heißt das Schlagwort, dass in diesem Jahr nicht nur uns im BR einigermaßen elektrisiert hat. Bisher, zugegeben, hatte das Thema so ein bisschen was gimmickhaftes an sich. Kann man schon machen, ist lustig, spielt man gerne etwas mit – aber sonst, als ernsthaftes Mittel zum Geschichten erzählen?

Inzwischen ist das Thema so in der BR-Realität angekommen, dass die App eine eigene Rubrik für 360-Grad-Videos bekommen hat. Das müssen nicht immer die langen, großen Geschichten sein. Sondern auch gerne mal Dokumente, Einblicke in die (bayerische) Lebenswirklichkeit. Die dann so intensiv sind, wie es „normale“ Videos eher nicht erlauben. Das niedergebrannte Straubinger Rathaus beispielsweise, das in den letzten Tagen traurige Bekanntheit erlangte – man kann sich das ganze Drama viel besser verinnerlichen, wenn man eine solche 360-Grad-Perspektive gesehen hat (als gebürtigem Straubinger blutet mir da übrigens wirklich das Herz, aber das nur nebenbei).

Auf der anderen Seite: Natürlich ist es immer noch eine Möglichkeit, dass wir Journalisten mal wieder einem Hype erliegen. Klar, 360 Grad anzuschauen, das ist um so viel leichter und komfortabler als noch vor einem Jahr. Browser können 360 Grad ohne irgendwelche Plug-Ins darstellen, Apps wie YouTube, Facebook und eben auch BR 24 ebenfalls. Das ist immer die wichtigste Voraussetzung dafür, wenn etwas einen Massenmarkt erobert soll: Es muss einfach zu bedienen sein und am besten auch nicht teuer (am allerbesten: kostenlos).

Gehen wir fürs Erste also mal davon aus, dass 360 Grad eine spannende Technologie ist, die in diesem Jahr schon ein ganzes Stück vorwärts gekommen ist. Und bei der es noch jede Menge Potenzial für die kommenden Jahre gibt. In der Kombination mit dem Thema Live und Mobile bieten sich Journalisten jedenfalls künftig ganz andere Möglichkeiten einer wirklich authentischen Berichterstattung.

Willkommen in den künstlichen Filterblasen…

Wobei das mit der Authentizität ja so eine Sache geworden ist, wie man spätestens seit diesem Jahr weiß. Noch nie in der jüngeren (Medien-)Geschichte sind Begriffe wie Authentizität, Objektivität und Wahrheit so in Frage gestellt worden. In den USA wird demnächst jemand Präsident sein, den man mit ein paar Faktenchecks eigentlich schnell stellen könnte. Aber eben nur: eigentlich.

Bevor wir jetzt alle anfangen, mal wieder mit dem Finger auf die USA zu zeigen: Auch in Deutschland kennen wir ja das Phänomen, dass jeder seine eigene Wahrheit haben kann, wenn er das will, nur zu gut. Vor allem wir Journalisten, die vor der US-Wahl einen Präsidenten Trump mit ungefähr 130prozentiger Sicherheit ausgeschlossen hatten. Wir schlossen aber womöglich auch aus, dass rechter Populismus in Deutschland ernsthaft überlebensfähig sei.

Die Kollegen des Wall Street Journal jedenfalls machen das seit ein paar Wochen eindrucksvoll vor, was im beginnenden Zeitalter der Filterblasen Realität ist: Zwei nebeneinander her laufende Algorithmen zeigen, wie eine „demokratische“ und eine „republikanische“ Timeline bei Facebook aussehen könnten. Man muss sich nicht lange durchklicken, um festzustellen: Das sind zwei grundlegend verschiedene Welten.

screenshot-2016-11-30-20-21-39

Möglicherweise stehen uns also harte Zeiten bevor. Solche, in denen die täglichen Nachrichten in der „Tagesschau“ eben nicht mehr das sind, was sie mal waren. Nämlich die halbamtliche Verkündigung dessen, was der Tag alles gebracht hat. Stattdessen müssen wir uns an den Gedanken befürchten, dass das, was die einen als Wahrheit betrachten, von den anderen nicht nur in Zweifel gezogen, sondern als verlogene Kampagne bezeichnen will.

Das ist nämlich das eigentlich Grausame an Netzwerken wie Facebook: Jeder bekommt dort via Algorithmus sein perfekt konfektioniertes Weltbild serviert, in dem alles, was auch nur minimal stören könnte, ausgeblendet wird. Klar kann man über die ökonomische Bedrohung reden, die ein Gigant wie Facebook und der Medienwandel für den konventionellen Journalismus sind. Viel schlimmer aber ist, dass der Facebook-Algorithmus dem Journalismus seine Grundlage entzieht.

Welche das sein soll? Jeder vernünftig ausgebildete Journalist hat mal gehört: Du sollst auch die andere Seite hören. Genau diese grundvernünftige Idee verkehrt der Facebook-Algorithmus in sein absurdes Gegenteil:  Eine Gegenseite? Gibt es doch gar nicht!

2017 sind Bundestagswahlen. Die ersten in der Geschichte, in denen der Journalismus vor allem gegen die Traumwelten aus den Filterblasen wird kämpfen müssen. Schwer genug.

Von Christian Jakubetz am 30. November 2016 um 8:46 Uhr

Kommentieren:

Kommentare werden vor der Freischaltung geprüft. Links sind nicht gestattet.
Mehr in den Kommentarrichtlinien.