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Die Geschichte einer Fake News

Erst einmal die nackte Zahl: Soziale Netzwerke besuchen ist das, was die Deutschen im Netz am liebsten machen. Mehr als die Hälfte geben das als ihre Hauptbeschäftigung an. Was nicht weiter verwunderlich ist, weil die exorbitanten Zahlen von Facebook und all den anderen ja irgendwo auch herkommen müssen.

Infografik: Das machen die Deutschen im Netz | Statista
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Wenn man sich ein bisschen mit Medien beschäftigt, dann weiß man auch, dass soziale Netzwerke schon lange nicht mehr nur diese lustigen Dinger sind, bei denen man Katzenvideos und Urlaubsbilder postet und sich ansonsten vergewissert, ob noch alle Freunde am Leben sind. Im Gegenteil: Nichts hat unseren Blick auf die Welt so verändert wie diese Plattformen, leider nicht immer zum Guten.

Im (sozialen) Netz wird leider auch: gelogen und betrogen, dass sich die Balken biegen. Manchmal clever und manchmal strunzdumm, leider macht das im Ergebnis sehr häufig keinen echten Unterschied. Aktuell kursiert bei Facebook ein Fake, der so derart schlecht gemacht ist, dass selbst der wütendste Wutbürger sofort erkennen müsste, dass es sich dabei um nichts anderes als einen Fake handeln kann:

Fake News Facebook

Das also soll Renate Künast über den Fall der mutmaßlich von einem Flüchtling ermordeten Studentin in Freiburg gesagt haben. Suggeriert wird mit der Texttafel, dass sie das wahlweise gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt haben soll oder dass die Kollegen der SZ dieses Foto samt Text selbst in Umlauf gebracht haben. Und weil man halt gerne mal glaubt, was man glauben will, fällt natürlich auch nicht auf, dass angesichts dieser Rechtschreibung entweder Frau Künast oder die SZ oder beide zusammen komplett betrunken gewesen sein müssten.

Als Verschwörungstheoretiker könnte man selbstverständlich auch das für möglich halten, weil man als Verschwörungstheoretiker ja immer alles für möglich halten kann (das macht die Sache mit den Verschwörungstheorien ja auch so angenehm, zumindest für Verschwörungstheoretiker). Also hat sich der Chefredakteur von süddeutsche.de, Stefan Plöchinger, an Facebook gewendet, damit das, was sehr offensichtlich eine Fake News ist, wieder verschwendet.

Da gäbe es an sich nichts zu deuteln, könnte man meinen. Renate Künast hat den Satz nie gesagt, die SZ hat das nie gepostet. Bei Facebook sehen sie das trotzdem als völlig ok an:

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Auch andere hatten den Post mit dem vermeintlichen Künast-SZ-Zitat gemeldet, Facebook reagierte immer gleich:

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Das ist schon fast wieder lustig: Natürlich sind plumpe Fälschungen kein Verstoß gegen Gemeinschaftsstandards, ganz im Gegensatz beispielsweise zu nackten weiblichen Brüsten. Und natürlich bleibt Facebook angesichts solcher hübscher Fälschungen eine „sichere und einladende Umgebung“, schon klar.

Wie absurd ist es eigentlich, von „Lügenpresse“ zu sprechen, während man sich gleichzeitig an Fake News ergötzt?

Möglicherweise wundern Sie sich jetzt, warum Sie auf einem Blog des BR eine Geschichte über die SZ und Facebook finden. Die Antwort ist einfach: Weil es in der kruden Logik von Wutbürgern, Verschwörungstheoretikern und Propagandisten keine klassisch-etablierten Journalisten mehr gibt, die nicht Lug und Betrug begehen. Begriffe wie „Lügenpresse“, „Lückenpresse“ und all der andere Kram werden inzwischen bedenkenlos durch die Gegend gebrüllt, während man sich gleichzeitig auf eine „Wahrheit“, ein Weltbild beruft, dass mühelos gefaked und manipuliert werden kann.

Und weil es Zufall ist, dass bei dieser Geschichte die Kollegen der SZ als vermeintliche Urheber gekennzeichnet worden sind. Es wäre im Photoshp-Zeitalter gar kein Problem gewesen, ein BR24-Logo auf dieses vermeintliche Künast-Zitat zu legen. Sollten Sie übrigens jemals in die Versuchung kommen, eine Ihnen mindestens merkwürdig vorkommende angebliche BR24-Meldung zu teilen, fragen Sie gerne in der Redaktion nach. Im Regelfall bekommen Sie sehr schnell eine Antwort.

Nun könnte man immer noch entspannt lächeln, angesichts der erkennbaren Plumpheit der Fake News. Das Lachen vergeht einem aber spätestens dann, wenn man sieht, dass diese Fake News tausende Mal geteilt, geliked und auch kommentiert wurde. Weil man dann eine Ahnung bekommt, was soziale Nachrichten im schlimmsten Fall anrichten können: Sie können eine Propaganda-Maschine werden, in denen mit bewussten Fälschungen nicht einfach nur Meinungen vertreten, sondern bewusst gelogen und manipuliert werden kann. Das Absurde daran: Medien müssen sich, völlig zurecht übrigens, jederzeit einem Faktencheck stellen, transparent ihre Quellen nachweisen und natürlich (alter Journalisten-Grundsatz) immer auch die Gegenseite hören.

Und hier?

Muss jemand nicht mal die Grundzüge der Rechtschreibung beherrschen, um tausendfache Verbreitung zu erreichen.

Unterschätzen sollte man die zersetzende Wirkung von solchen Fake News nicht. Wer in seiner Filterblase lebt, in der alles ausgeblendet wird, was eventuell stören könnte, glaubt solche Dinge nur allzu leicht. Weil man sie glauben will. Da passt es dann auch schön ins Weltbild, dass man so etwas glauben muss – weil einen die Anderen, die Mächtigen, die Politiker und die Journalisten grundsätzlich nur anlügen.

Der Unterschied zwischen Meinungsfreiheit und Fake News

Weswegen es die Debatte ja schon gibt: Soll, muss man Facebook und die anderen regulieren? Wo sind die Grenzen der Meinungsfreiheit erreicht?

Dabei geht es in solchen Fällen nicht um Meinungsfreiheit. Auch der Verweis darauf, dass in den USA, der Heimat der meisten Netzwerke, der Begriff Meinungsfreiheit sehr viel großzügiger als bei uns ausgelegt wird, zieht nicht. Weil es einen Unterschied zwischen Meinungsfreiheit und Fake News gibt: Das eine ist eine Meinung, das andere ist eine Lüge. Beide haben nichts miteinander zu tun.

Von dem her muss man soziale Netzwerke auch nicht sonderlich regulieren, theoretisch kann jeder fast alles sagen, was er will, und wenn es noch so unerträglicher Blödsinn ist.

Nur eines darf er nicht: fälschen, tricksen, gaunern. Sollte sogar einem amerikanischen Großkonzern einleuchten.

Von Christian Jakubetz am 6. Dezember 2016 um 10:14 Uhr

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