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Postfaktisch in die Zukunft…

Herzlichen Glückwunsch, liebes 2016: Jetzt hast Du uns den Begriff „postfaktisch“ als das „Wort des Jahres“ beschert. Wenn man wissen will, wie dieses beinahe beendete Jahr so war, dieses Wort sagt viel darüber aus. Insofern: Gute Wahl!

 

Zunächst aber erst einmal ein Stoßseufzer aus der Sicht eines Journalisten: Diese postfaktische Welt ist wirklich verwirrender geworden. Und anstrengender auch. Nein, nicht weil man uns Journalisten zunehmend lieber unterstellt, an ungefähr allem schuld zu sein (neuerdings glaubt sogar ein ziemlich erfolgloser Münchner Fußballverein, an seinem chronischen Misserfolg seien eigentlich nur die Lügenkampagnen der Medien schuld). Sondern weil es einfach wahr ist. Bei dem ganzen Kram, der uns in sozialen Netzwerken und nicht nur da permanent um die Ohren fliegt, ist es nicht so ganz einfach, den Überblick zu bewahren.

Folgt man der gefühlten Wahrheit, sind es sensationell aufregende Zeiten: Noch nie gab es so viele eigentlich unvorstellbare Dinge. Ständig wird jemand enteignet, verprügelt, entmachtet, belogen und betrogen. Das kann ja eigentlich gar nicht sein, denkt sich dann der vernunftbegabte Mensch. Nur um kurz darauf festzustellen, dass in den USA demnächst Donald Trump Präsident sein wird.

Postfaktisch stellt uns vor völlig neue Herausforderungen

Wenn man nicht nur einfach Nachrichten macht, wie es bei der Redaktion von BR24 naturgemäß der Fall ist, sondern sich ebenso naturgemäß viel in den sozialen Netzwerken tummelt, muss man sich so viel wie noch nie mit etwas beschäftigen, was zwar grundsätzlich journalistischer Standard ist, aber noch nie so oft so nötig war: fact checking. Würde man alles ungeprüft raushauen, was uns momentan angetragen wird, Ihre und unsere Timelines würden sich, glauben Sie das bitte unbesehen, drastisch verdüstern.

Es ist also tatsächlich so komplex wie noch nie: Regelmäßig tauchen Geschichten auf, bei denen man geneigt wäre, sie einfach nur als Unfug abzutun. Ein schönes Beispiel aus den letzten Tagen: ein gefälschtes Zitat von Renate Künast. Das eigentlich schnell als Fälschung erkennbar gewesen wäre, hätte man auch nur ein bisschen hingeschaut und nachgedacht.

Aber das nutzt natürlich nichts, wenn alle (Social-)Welt darüber redet. Und einfach nur mal eben hinschreiben, dass das Unfug sei? Nutzt ebenfalls nix. Man muss schon argumentieren, nachfassen, Fakten checken. Und immer und immer wieder mit Menschen debattieren und versuchen, sie mit diesen Fakten zu überzeugen. Wobei, seien wir ehrlich, auch das natürlich nur eingeschränkt möglich ist. Wenn jemand unbedingt glauben will, dass die ganze Welt eine Verschwörung ist, wird es das tun. Das ist ja das Schöne an Verschwörungstheorien: Man kann de facto alles als eine solche abtun. Kein Weltbild ist so abwegig, als dass man es nicht glauben könnte. Solange man nur weiß, dass es immer die anderen sind, die einem gerade im Zug der Verschwörung völligen Bullshit erzählen wollen.

500 Kommentare pro Schicht…

Rund 500 Kommentare pro Schicht – auf diese Zahl schätzt Gudrun Riedl, Vize-Chefin von BR24, die Menge an Meinungsäußerungen, mit denen sich ihre Kollegen beschäftigen müssen, wenn sie sich um die Social-Media-Accounts von BR24 kümmern (das Allermeiste davon betrifft natürlich Facebook). Von diesen 500 sind die meisten völlig in Ordnung, viele davon sogar anregend und gelegentlich auch mal in neue Themen für die Redaktion mündend. Aber das ändert nichts daran, dass sie erst mal gelesen und auch beantwortet werden müssen.

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Wie checken wir Fakten im Zeitalter des Postfaktischen? BR24-Vizechefin Gudrun Riedl beim dpa-Hackathon in Berlin. (Foto: Freund/dpa).

Und das mit dem Antworten ist nicht immer so einfach, wie man sich das vielleicht vorstellt. Bevor man als Redaktion irgendeine Entscheidung oder eine Aussage trifft, müssen also erstmal Fakten gecheckt werden.

Das ist so leicht gesagt, aber in der Praxis schwer getan. Weil schon die kurze Zahl der Kommentare so hoch ist, dass man ein ganzes Team an Rechercheuren beschäftigen müsste. Und zum anderen deswegen, weil immer wieder auch mal Themen und Behauptungen dabei sind, die sich eben nicht so leicht mit einem „ja“ oder „nein“ beantworten lassen.

Dahinter steckt allerdings Arbeit, sehr viel Arbeit. Das kann man schon mal machen, nicht aber immer. Zumal in Zeiten der Verschwörungstheorien noch viele andere Behauptungen kursieren, bei denen man es sich zu einfach machen würde, würde man sie einfach nur ignorieren.

Mit dem Factfox checken, was Sache ist

Wobei: ein Phänomen dieser Theorien und Behauptungen ist ja, dass sie an den unterschiedlichsten Stellen im Netz immer wieder mal aufploppen. Was also liegt näher, quasi eine Datenbank aufzusetzen, in denen die gängigsten Theorien und die passenden Fakten und Antworten darauf trat liegen – und die man demnach immer wieder verwenden kann, zumindest als Grundlage.

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von links: Andre Nikolski (Leipziger Volkszeitung), Sami Boussaid (BR/SEP), Miriam Mogge (BR/SEP), Gudrun Riedl (BR24), Dirk Hübner (Mecom), Lukas Will (Mainpost) | Bild: BR & Factfox Team

Beim dpa-Hackathon in Berlin wurde der Prototyp einer Browser-Extension entwickelt, der genau diese Funktionen erfüllt. Im Team: BR24-Vize-Chefin Gudrun Riedl (Idee & Redaktion),  Sami Boussaid (BR-SEP/Softwareentwicklung und Plattformen / Programmierung), Miriam Mogge (BR-SEP Produktentwicklung), Lukas Will (Volontär Mainpost), Andre Nikolski (Leipziger Volkszeitung), Dirk Hübner (Mecom).

Factfox kann dabei mit nur einem Mausklick direkt im Browserfenster aktiviert und abgefragt werden. Das war dem Team wichtig: Es geht darum, den Umgang mit diesem digitalen Helfer so einfach wie möglich zu gestalten. Gleichzeitig soll gerade die Dynamik der Sozialen Medien und ihrer Nutzer dabei helfen, den Austausch fruchtbarer zu machen.

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Alltag in der BR24-Redaktion…

In der Praxis heißt das: Man öffnet den „Factfox“ und checkt, ob zu einem bestimmten Thema Einträge vorliegen. Idealerweise ist in der Datenbank dann beides gespeichert: Die Behauptung – und die richtige, faktenbasierte Antwort darauf. Das bedeutet natürlich nicht, dass man immer diese eine, vorgefertigte Antwort nehmen soll. Aber man hat schnell und verlässlich Fakten und Daten zu Hoaxes da, die man sich ansonsten mühevoll zusammensuchen müsste (wenn das überhaupt mal eben nebenbei in einer Nachrichtenschicht möglich ist).

„Factfox“ wäre allerdings auch ein Tool, das so offen wie möglich sein sollte. Das so vielseitig und schnell wie möglich erweitert und ggf. auch diskutiert werden soll. Schließlich böte ja genau das schon wieder fast an für neue Verschwörungstheorien: Wer legt eigentlich fest, was als Wahrheit und als Fakt zu gelten hat?

Von Christian Jakubetz am 9. Dezember 2016 um 8:41 Uhr

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