beitragsbild_algorithmen

Algorithmen sind gut, aber…

Ok, Leute, das also war´s endgültig mit dem Journalismus. Und mit der Selbstbestimmtheit des Wählers auch. Künftig reicht es aus, Menschen anhand von mehr oder weniger Daten zu durchleuchten, ihr Verhalten halbwegs prognostizieren zu können  – und ihnen dann exakt die Inhalte zu liefern, die ihnen in ihr Weltbild passen. So hat es Trump gemacht, der alte Fuchs. Der braucht kein Fernsehen, keine New York Times und auch sonst keine Journalisten, heißt es mittlerweile allerorten. Der braucht Twitter und ein paar sinistre Gestalten, die ihm die passenden Algorithmen schreiben, schon wird man Präsident im mächtigsten Land der Erde.

Dass das in Deutschland noch nicht ganz so funktioniert, liegt – ja, an was eigentlich? Dass es dort weniger frei verfügbare Daten gibt? An digitaler Rückständigkeit Deutschlands? Oder daran, dass wir einfach noch gar nicht wissen, dass so etwas  auch bei uns passieren kann, wie wir spätestens bei der Bundestagswahl 2017 sehen werden?

Oder könnte das auch daran liegen, dass wir es in Deutschland allen Lügenpresse-Schreihälsen zum Trotz immer noch mit einem halbwegs funktionierenden Journalismus zu tun haben? Mit einem, den man natürlich immer und jederzeit kritisieren kann und kritisieren muss. Aber eben auch einem, der in seiner ganzen menschlichen Fehlerhaftigkeit immer noch so halbwegs das Beste aus seinen Möglichkeiten macht?

Und könnte es, so ganz nebenher, schlichtweg sein, dass das Phänomen Trump nicht mal eben mit ein, zwei Antworten erklärbar ist?

Psychometriker unterschätzen, dass der Mensch nunmal unberechenbar ist

Im (sozialen) Netz wird reichlich gepöbelt. Ach, und wenn es das alleine nur wäre. Es wird zudem mit Dreck geworfen, es wird gelogen und betrogen. Bots verbreiten gezielt Dinge, die mit“unwahr“ noch fein umschrieben sind.

Nebenher ranken sich schnell mal Legenden um das, was im Netz gerade passiert. Kann man mit ein bisschen Psychometrie die Menschen und ihr Verhalten so vermessen, dass sie sich bis hin zu kuriosen Wahlergebnissen lenken lassen? Ja, sagen die einen. Nein, das ist Unfug, entgegnet der Kollege Dennis Horn im WDR.

Dennis Horn zeigt übrigens noch eine ganze Reihe anderer Aspekte bei diesem Thema auf, so dass der Beitrag schon alleine deshalb unbedingt lesenswert ist. Und zudem hat er sich schon 2015 den Spaß erlaubt, sich anhand seines eigenen Facebook-Profils analysieren zu lassen. Das Ergebnis ist dann fast schon wieder beruhigend…

Ja, Algorithmen können mittlerweile schon eine ganze Menge. Aber nur dann, wenn die Daten korrekt sind. Und wenn man unterstellt, dass Menschen immer oder wenigstens meistens den gleichen Mustern folgen. Sobald auch nur minimale Abweichungen vorkommen, ist der Algorithmus ausgebremst. Meine Töchter beispielsweise, die bestellen regelmäßig Dinge über meinen Amazon-Account. Immer lustig, welche Produkte ich danach kaufen soll.

Schon klar, es ließe sich jetzt einwenden: Das sind ja auch Daten von zwei grundverschiedenen Personen. Aber natürlich höre ich ab und an Musik, die formal ganz und gar nicht zu mir passen dürfte.  Ich lese Bücher und Zeitungen jenseits dessen, was mir mein Algorithmus prophezeit.

Und nebenbei bemerkt habe ich einen Schulabschuss. Das nur mal festgehalten, nachdem mir mal bei Facebook eine Anzeige eingespielt worden ist mit der Empfehlung, genau einen solchen Abschluss irgendwann  nachzuholen.

Die Aufregung über das Big-Data-Thema hat allerdings auch mit dem Hang zu tun, den wir haben, wenn es um digitale Dinge geht: Wir kennen nur schwarz oder weiß. Die Kollegen von Bayern 2 haben sich mit einem der Autoren des Big-Data-Artikels unterhalten. Und wenn man genau hinsieht, dann stellt man schnell fest: Die haben nie gesagt, dass Trump nur wegen dieser Datensache Präsident wurde. Es ist einer von vielen Faktoren, mehr nicht.

Was man mit Algorithmen machen kann. Und was nicht.

Ein Algorithmus ist erst mal nichts anderes als eine Technik. Da hatte er schon recht, der Blogger und Politik-Berater Martin Fuchs, der auf dem CSU-Netzkongress in seiner Keynote aufzeigen sollte, wie sich politische und andere Kommunikation im digitalen Zeitalter verändern.

Natürlich sind Algorithmen erst einmal eine sinnvolle Sache. Weil sie in der Lage sind, unser Verhalten vorherzusagen, unsere Wünsche und Interessen zu erkennen. Das ist per se nichts Schlechtes.

Die Frage ist: Was macht man daraus? Noch wichtiger: Nutzer müssen wissen, dass ihnen Algorithmen im Netz an allen Ecken und Enden begegnen. Und dass sie neben allen potentiellen positiven Möglichkeiten eben auch die Eigenschaften haben, den Menschen in allem zu bestärken, was er ohnehin tut. Wer sich seine Musikauswahl von einem Algorithmus zusammenstellen lässt, wird das hören, was er immer hört. Wer sich seine Nachrichten so filtern lässt, wird lesen, was er lesen will. Weil alles, was stören könnte, ausgeblendet wird.

Mehr Medienkompetenz soll her. Aber wie?

Jetzt sollen wir also alle mehr Medienkompetenz bekommen, schon klar. Damit wir ein paar ganz essentielle Dinge begreifen, bevor wir weiter debattieren. Solche Dinge wie beispielsweise, dass man natürlich soziale Netzwerke prima dazu nutzen kann, um Menschen in seinem Sinne zu instrumentalisieren. In einem sozialen Netzwerk kann ich erstmal ungefähr alles behaupten, ohne dass solche Behauptungen einem Faktencheck unterzogen werden.

Medienkompetenz  also. Das klingt natürlich auf den ersten Blick einleuchtend und vernünftig. Aber wer hat die, wer soll die vermitteln? Dazu müsste man ziemlich schnell ziemlich viele Lehrer mit diesem Thema befassen. Weil man von ihnen ja nur schwerlich erwarten kann, dass sie mit einem hochkomplexen und noch dazu ziemlich neuen Thema bereits für sind. Und man müsste sich schnellstens mit einem passenden Rahmen auseinander setzen. Medienkompetenz in sozialen Netzwerken beispielsweise taucht bislang eher selten in den Lehrplänen auf, obwohl das dringend notwenig wäre.

Es wäre allerdings unsinnig, das Medienkompetenz-Thema ausschließlich auf die Schulen abwälzen zu wollen. Weil es aktuell einer ganzen Gesellschaft an grundlegender Medienkompetenz fehlt. Zwar ahnen vergleichsweise viele Nutzer, dass sie dem, was sie in den Netzwerken finden, nur bedingt vertrauen sollten. Aber was genau wissen sie eigentlich über die Funktionsweise von Algorithmen? Und ahnen sie überhaupt, dass ein beträchtlicher Teil ihres digital erzeugten Weltbilds durch Weglassen und gezieltem Filtern entsteht?

Der Unterschied zwischen Algorithmen und Fake News

Im Übrigen schmeißen wir in der aktuellen Debatte gerne mal ein paar Dinge durcheinander, die nicht zusammengehören. Natürlich können Algorithmen und Fake News gemeinsam eine ganze Menge verheerender Dinge anrichten. Trotzdem hat das eine mit dem anderen nichts zu tun.

Fake News (nebenbei: was für ein beschönigender Begriff!), das sind Lügen, Propaganda, Manipulation, Agitationen. Bei Fake News geht es nicht um die Festigung bestehender Weltbilder, sondern darum, dass Fakten wahlweise verdreht oder Dinge komplett erfunden werden. Wenn man also etwas unternehmen will gegen den Müll in den sozialen Netzwerken, dann ist das der erste Ansatz: Man muss die sozialen Netzwerke in die Pflicht nehmen.

Im Falle des gefälschten Künast-Zitats hat es Tage gedauert, bis Facebook reagierte und der Fake verschwand. Bis dahin hatten sowohl Renate Künast als auch die als angebliche Quelle genannte „Süddeutsche Zeitung“ immer wieder insistiert, dass es sich um eine plumpe Fälschung handelt.

Von Christian Jakubetz am 13. Dezember 2016 um 7:39 Uhr

Kommentieren:

Kommentare werden vor der Freischaltung geprüft. Links sind nicht gestattet.
Mehr in den Kommentarrichtlinien.