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Die Lehren aus 2016

Die Zeiten für uns Journalisten waren auch schon mal einfacher.  Keine Sorge, es folgt jetzt nicht das soundsovielte Lamento über das postfaktische Zeitalter als solches. Oder über Trump und die Amerikaner. Oder die populistischen Schreihälse, von denen es ja auch in Europa, Deutschland und sogar manchmal in Bayern genügend viele gibt. Oder darüber, dass es in diesem Jahr immer häufiger zu der absurden Situation gekommen ist, dass man sich um möglichst viele verifizierbare Fakten bemüht  – und dann kommt jemand, kotzt mitten in der Raum, brüllt irgendwas von „Lüge“ und man man muss den ganzen Mist nicht nur wegräumen, sondern sich auch noch dafür entschuldigen, dass jemand reinkommt und in den Raum…nun gut, lassen wir das.

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Tatsache jedenfalls ist, dass auch wir Journalisten aus der digitalen Ecke über vergleichsweise lange Zeit gedacht haben, man müsste jetzt erst mal diese ganze neue Technik in den Griff bekommen.  Diese ganze Zeug mit Apps und mit mobilen Anwendungen. Mit sozialen Netzwerken und den potentiell unendlich vielen Spielarten, die es mittlerweile alleine für das Thema Video gibt. Vermutlich haben wir auch geglaubt, man müsste überhaupt mal diesem ganzen Journalismus einen ordentlichen Neuanstrich verpassen. Weil man jetzt nicht mehr einfach nur schaut oder hört oder liest, sondern immer online ist und eine unfassbar hohe Zahl von Nachrichten mit sich in der Hosentasche trägt.

Klar, natürlich haben wir uns auch in diesem Jahr Gedanken gemacht, wie man es hinbekommt, diese Flut wenigstens so halbwegs in den Griff zu bekommen. Wie man es schafft, dorthin zu kommen, wo sich Nutzer schon jetzt zunehmend mehr aufhalten. Mobile Geräte, soziale Netzwerke – oder, idealerweise, beides in Kombination. Das war und ist natürlich eine gewaltige technische Herausforderung. Aber ein auch eine inhaltliche. Weil es unsinnig ist zu glauben, es könnte ausreichen, Inhalte aus der analogen Welt mit copy and paste in die digitale Welt transformieren zu können. Zumindest so viel also lässt sich festhalten: 2016 war ganz sicher das Jahr, in dem wir uns an so viel Neuem wie noch nie probiert haben. Nicht alles davon wird Bestand haben. Klar ist aber auch: So wie es vorher war, wird es nie wieder werden.

Dazu gehört auch, dass wir gerade auf den digitalen Plattformen und in den sozialen Netzwerken ungefähr alles nochmal überdenken müssen. Vor allem das journalistische Selbstverständnis, das inzwischen viel mehr der Rolle eines Moderators gleichkommt. Das ist ein enormer Unterschied zu früher (™): Da reichte es aus, Informationen zu beschaffen und sie ab und an auch einzuordnen und zu kommentieren. Inzwischen sollten wir: reden, reden, reden. Immer wieder. Erklären, diskutieren – und ja, auch das: Die Bereitschaft mitbringen, uns zu korrigieren und auch das dann transparent zu ändern.  Vielleicht hilft es ja im Zeitalter der Lügenpresse-Krakeeler, wenn man sich selbst und anderen eingesteht: Journalisten sind der Information und der Wahrheit verpflichtet. Aber Journalisten machen eben manchmal auch Fehler. Das macht uns noch lange nicht zu Lügnern.

Die Schattenseiten von Echtzeit-Journalismus

Aber ausgerechnet ein Wandel, den wir ansonsten eigentlich großartig finden müssten, macht uns diese Sache mit den Fehlern leider manchmal schwer. Weil soziales Netz, mobile Reporting und Echtzeit-Journalismus eben auch bedeuten, dass uns kaum Zeit bleibt, Dinge abzuwägen und zu verifizieren.  Es ist natürlich nur zu menschlich, dass man Dinge sofort wissen will, wenn etwas passiert ist. Aber immer steht dieser Wunsch in einem eklatanten Gegensatz zu dem, was man als journalistische Sorgfaltspflicht verstehen müsste. Und auch das haben wir in diesem Jahr mehr als einmal und durchaus schmerzlich gelernt: Die Dinge sind selten so, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

Weswegen sich festhalten lässt: 2016 war zudem das Jahr, in dem wir uns so intensiv wie noch nie zuvor mit Fragen beschäftigt haben, die sich uns Jahrzehnte lang nicht gestellt haben. Dazu gehört auch, dass man sich natürlich immer wieder fragen muss, ob der eigene Blick auf die Welt auch der richtige ist. Altes Bonmot: Zu jeder Form des Gesprächs gehört die Möglichkeit, dass der Andere recht haben könnte. Das war vermutlich noch nie so richtig wie heute.

Der Unterschied zwischen Journalismus und Propaganda

Trotzdem, es gibt eine ganze Reihe von guten Gründen, warum Journalisten im digitalen Zeitalter zuversichtlich sein dürfen. Der Wichtigste: Sie werden möglicherweise mehr denn je gebraucht. Das klingt vielleicht widersinnig in einem Zeitalter, in dem sie gefühlt immer unwichtiger werden. Schließlich kann ja inzwischen jeder alles publizieren. Und in den USA wird in ein paar Wochen jemand Präsident sein, der seine Tiraden bevorzugt über Twitter loslässt. Dennoch, wer halbwegs genau hinschaut, der sieht speziell in den Breitbart-Tagen, dass es einen Unterschied gibt. Das eine nennt sich Propaganda – und das andere Journalismus.

Im Netz, auch das haben wir spätestens in diesem Jahr kapiert, prallt beides aufeinander. Nicht immer einfach auseinanderzuhalten, zugegeben.  Zumal viele Propagandisten ihr Geschäft leider verdammt gut beherrschen. Und weil sie, besser als viele andere, verstanden haben, wie sie sich die unfassbaren Möglichkeiten der Vernetzung zunutze machen.

Das mit der Technik haben wir 2016 schon ziemlich gut hinbekommen. Mit einem App-Relaunch, vielen neuen Videoformaten und Social-Media-Präsenzen. Alles andere, vor allem die Sache mit den Inhalten, den Interaktionen, dem ständigen Dialog und natürlich auch mit dem Hinterfragen der eigenen Positionen: Das wird 2017 eine gewaltige Herausforderung.

Von Christian Jakubetz am 22. Dezember 2016 um 12:14 Uhr

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