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2017, das Jahr des Bullshit

Fake News, Populismus, Hatespeech: Man muss kein Pessimist und auch nicht technophob sein, um das Netz an manchen Stellen für einen zunehmend unwirtlichen Ort zu halten. Und für einen zudem, der genau solchen Dingen auch noch Vorschub leistet. Was den Ausblick auf das kommende Jahr tendenziell unangenehm macht. Es stehen schließlich Bundestagswahlen auf dem Programm. Kaum anzunehmen, dass wir es 2017 mit einem Jahr der normalen Wahlkämpfe und Debatten zu tun haben werden. Im Gegenteil: Es wartet das Jahr des Bullshit.

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Zuletzt hatte es Renate Künast erwischt. Rund drei Tage dauerte es, bis ein frei erfundenes Zitat von ihr bei Facebook gelöscht wurde. Drei Tage sind im Netz eine verdammt lange Zeit. In drei Tagen kann sich eine Erfindung zu einer gefühlten Wahrheit verfestigen. Und was in diesen digitalen Zeiten besonders tückisch ist: Nicht mal mehr ein handfestes Dementi nützt noch viel. Steht ja nicht ganz umsonst da, oder? Und irgendwas wird schon dran sein, sonst würden sie es ja bei Facebook (und anderswo) erst gar nicht bringen.

Klingt hoffnungslos naiv, sagen Sie? So denkt doch niemand? Doch, so denken leider ziemlich viele. Weswegen sich Erfinder von Fake News sich ja auch so leicht tun. Man wirft einfach mal was rein ins Netz, irgendjemand glaubt´s dann schon. Und verbreitet es weiter, mal aus Kalkül, mal aus glattem Unwissen. Weil das so wunderbar funktioniert, ist auch nicht in Sicht, dass sich daran im kommenden Jahr irgendwas ändern wird.

Im Gegenteil: 2017 wird das Jahr der Bundestagswahl in Deutschland sein. Aber auch das Jahr der Wahlen in anderen wichtigen europäischen Ländern, u.a. in Frankreich.  Länder, die gefestigte Demokratien sind und von denen man über Jahrzehnte dachte, sie seien nicht so leicht zu unterminieren.

Jetzt aber ist es so leicht wie noch nie geworden, Verunsicherung und  Zwietracht zu säen. Noch nie war es so leicht, Menschen gezielt zu desinformieren.

Auf uns kommt so viel Bullshit wie noch nie zu

Es ist keine sehr gewagte Prognose: Im kommenden Jahr werden wir es mit so viel Bullshit wie noch nie zu tun haben. Mit vermutlich unzähligen gefälschten Nachrichten, mit dreisten Lügen und dem Versuch,  mit platten Provokationen Aufmerksamkeit zu bekommen. Populismus hat es schon immer gegeben. Doch noch nie hatte er so willfährige Instrumente zur Verfügung wie jetzt. Propagandisten früherer Jahrzehnte hätten das als ein Fest empfunden.

Vorbilder, schlechte natürlich, gibt es mittlerweile genügend zu besichtigen: Die Debatten um den Brexit und, das vor allem, die Präsidentenwahl in den USA. Unbestritten ist heute, dass die Brexit-Befürworter mit eine ganzen Reihe von gezielten Falschaussagen operiert haben. Und dass auch der künftige US-Präsident nicht bei jedem Faktencheck gut aussehen würde, bestreiten vermutlich nicht mal seine Anhänger ernsthaft…

Wenn Populisten die Überhand gewinnen, läuft irgendwas schief in einem Staat. Allerdings: Dann hat auch der Journalismus versagt, zumindest die seriöseren Teile. Natürlich kann man darüber lamentieren, vor allem als Journalist. Die Frage bleibt trotzdem: Was genau haben wir falsch gemacht, dass eine nicht unbeträchtliche Menge von Menschen mit Argumenten und Fakten nicht mehr zu erreichen sind und stattdessen reihenweise billigem Bullshit aufsitzen?

Leider kann man Fake News nicht einfach per Dekret aus der Welt schaffen

Fake News also einfach verbieten? Das klingt auf den ersten Blick nach einer guten und der einzig vernünftigen Idee. Aber sie geht am eigentlichen Problem vorbei (daneben gibt es noch ein paar andere Gründe, die dagegen sprechen). Man kann Propaganda und subtile Manipulationen mit kreativen Interpretationen der Wahrheit nicht einfach verbieten. Zumal die meisten, die gezielt solche Dinge tun, sehr viel cleverer sind als die Künast-Fälscher. Das Künast-Zitat war so plump gemacht wie die frühen Anfänge der Phishing-Mails, in denen man, begleitet von aberwitziger Rechtschreibung und Grammatik aufgefordert wurde, seine Kontodaten preiszugeben.

Was man machen kann: den Verstand einschalten, wenn man im Netz unterwegs ist. Immer wieder daran denken, dass gerade hinter Postings im sozialen Netz handfeste Interessen stecken könnten. Im Kopf haben, dass vieles von dem, was da schwadroniert wird, nicht mal einen ordentlichen Faktencheck durchlaufen hat.

Was wir Journalisten machen können: reden, immer wieder reden. Raus aus den Glashäusern, rein ins Getümmel. Keine Zweifel daran lassen, dass wir zwar natürlich Fehler machen, für uns aber soziale Netze immer noch ein Platz der Information und der Diskussion sind.  Der man sich stellen muss, die jederzeit auch eine gewisse Härte haben dürfen – aber die nichts zu tun haben mit Beleidigungen, Pöbeleien und all dem anderen Kram, der in den verganenen Monaten soziale Netze immer zu einem potentiellen unangenehmen Ort gemacht haben.

Das alles auch aus einem anderen Grund: Gerade die Populisten haben die Funktionsweisen des Netzes nur zu gut verstanden. Was man von vielen etablierten politischen Parteien und leider auch Medien nicht behaupten kann.

Höchste Zeit, daran etwas zu ändern.

Von Christian Jakubetz am 28. Dezember 2016 um 4:38 Uhr

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