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Bringen sich Netzwerke um die Zukunft?

Soziale Netzwerke und seine Nutzer: Kein Verhältnis ist so widersprüchlich wie dieses. Sie können grandios sein und trotzdem immer mehr das Schlechteste am Menschen herausbringen. 2017 wird das Jahr, in dem sich einiges ändern wird. Und muss. Weil Netzwerke in der Form, wie wir sie inzwischen kennen, immer mehr zu eher unerfreulichen Orten werden.

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Netzwerke: Vom Katzenbilderverein zur Herausforderung für die Gesellschaft. (Foto/Screenshot: BR).

Die Tage gab es mal einen interessanten Blogpost. Jörgen Camrath hat darin ein paar Social-Media-Experten gefragt, was sie sich vom Social-Media-Jahr 2017 erwarten. Man kann die einzelnen Antworten plausibel finden oder auch nicht, aber eines ist interessant: Von 13 Befragten hat kein einziger irgendwas geäußert, was man als wirklich zuversichtlich bezeichnen könnte. Stattdessen ein paar Schlagworte aus dem Antworten: Fake News, digitaler Wahlkampf (mit einer dominierenden AfD), Propaganda, Hygiene, Hilflosigkeit, Panik.

Netzwerke sind zu unangenehmen Orten geworden

So weit ist es also inzwischen gekommen mit diesem sozialen Kram. Ein ziemlich erstaunlicher Wandel, wenn man daran denkt, dass Social Media noch bis vor kurzem als die große Chance und Herausforderung für Medienhäuser geschildert worden ist. Und auch User mussten sich keine großen Gedanken über Facebook und den ganzen anderen lustigen Quatsch machen: Man postete Katzenbilder und nachdenkliche Sprüche, die zu Herzen gingen (Ironiemodus aus) und gratulierte sich gegenseitig zum Geburtstag. Hätte man damals jemandem gesagt, dass die lustige Katzenbilderbude mal zu einer echten Herausforderung für die ganze Gesellschaft werden könnte, man hätte schallend gelacht.

Aber heute? Ein künftiger US-Präsident nutzt Twitter hauptsächlich dazu, um andere zu beschimpfen, sich selbst zu präsentieren und Politik auf eine Länge zu verkürzen, von der man bisher dachte, dass sie auf eine solche Länge schlichtweg nicht zu verkürzen sei. Die AfD rutscht öfter auf Mäusen aus, nutzt aber ansonsten soziale Netzwerke ziemlich geschickt zur Provokation und Propaganda zugleich, auch wenn sie sich meistens nicht mehr richtig daran erinnern mag. Kommentieren ist zum Risiko geworden, weil man sich schnell mal wüsten Beschimpfungen ausgesetzt sieht, wenn das denn mal reicht. Da können schnell auch mal Beleidigungen draus werden.

Gesetze? Wirklich ändern können nur die Netzwerke selbst etwas.

Kein Wunder also, wenn auch Experten bei ihrer Einschätzung der Lage eher zu gemäßigtem Vokabular greifen. Zumal auch die Netzwerke selber nicht sehr viel dazu tun, die Stimmung wieder ein bisschen aufzuhellen. Die Fälle beispielsweise, in denen Facebook zwar schnell wegen ein paar nackten Brüsten eingreift, Pöbeleien und Beleidigungen aber keineswegs als gegen die Gemeinschaftsstandards verstoßend einordnet und sich auch bei nachgewiesenen Fake News reichlich Zeit lässt, ehe sie gelöscht werden, die sind Legende.

Wenigstens erstaunlich: der Umgang von Facebook und anderen mit ihrem eigenen Geschäftsmodell. Natürlich, Zuckerberg und Freunde haben momentan alle Macht der Welt. So viel Macht, dass sie sich sogar AGB´s ausdenken können, bei denen man zusammenzucken würde, würde man sie mal richtig lesen (Im Kern steht drin, dass man sich der Plattform ausliefert und ansonsten nicht sehr viel zu bestellen hat), Und klar kann man sich auch eine ganz einfache Frage stellen: Wo soll man schon hin, außer zu Facebook oder den ganzen anderen, die dummerweise zu einem beträchtlichen Teil ja wieder Facebook gehören – siehe WhatsApp, siehe Instagram.

Wie wohl fühlen wir uns in einem solchen Umfeld?

Man kann die Frage aber auch umgekehrt stellen: Wie wohl fühlt man sich eigentlich in einem Laden, der zwar nackte Brüste irgendwie bääh findet, aber keine großen Probleme mit Pöbeleien und Beleidigungen aller Art hat? Will man sich wirklich dauerhaft Dreck jeder Art aussetzen, nur weil man in den USA findet, dass man den Begriff der Meinungsfreiheit etwas weiter fassen müsse als im konservativ-langweiligen Europa?

Die größte Gefahr für Facebook heißt also nicht Heiko Maas, sind nicht irgendwelche Justizverwalter in irgendwelchen Regierungen. Und Zensur ist es auch nicht, ebenso wenig wie der Versuch, Facebook (und andere) zu einem Medienanbieter zu deklarieren und damit in die Fänge einer Regulation zu holen. Das größte Risiko sind stattdessen: die Nutzer selbst. Die sich vielleicht irgendwann mal nicht mehr wohl fühlen an einem Ort, der unbehaglich geworden ist. Die keine große Lust darauf haben, bei jedem Post zu überlegen, ob das nun stimmt oder ob nicht doch einfach nur eine Kampagne oder ein Bot dahinter steckt.

Und auch das könnte eine Erkenntnis dieses Social-Media-Jahres sein:  Soziale Netzwerke haben mit Realität ungefähr so viel zu tun wie Donald Trump mit einer halbwegs vernünftigen Frisur. Man kann natürlich lange über irgendwas debattieren und streiten und man kann sich gute und auch weniger gute Argumente um die Ohren hauen. Man kann dort mit Leuten befreundet sein oder auch nicht. Man kann sich halbwegs ordentlich benehmen oder es auch bleiben lassen. Aber am Ende fehlt immer eine Komponente und sie ist die entscheidende: Menschen. Echte Menschen. Wenn man es unmittelbar mit solchen zu tun hat, dann fallen Pöbeleien und Beleidigungen gleich viel schwerer. Man bekommt eine Ahnung davon, ob man es mit einem echten Freund zu tun hat oder doch nur mit jemandem, der mal eben ein bisschen Aufmerksamkeit braucht, egal von wem.

Ein Plädoyer gegen soziale Netzwerke? Wie könnte man, welch ein Unsinn. Aber: ein Plädoyer gegen Netzwerke in ihrem jetzigen Zustand. Ein Zustand, in dem man viele Dinge hinnehmen muss, die man im echten Leben nie und nimmer hinnehme würde. In denen Dinge toleriert werden, die schlichtweg nicht zu tolerieren sind.

Am Ende übrigens hat man es selbst in der Hand, wie man mit diesen sozialen Netzwerken umgeht. Ob man sie sich wirklich zur bevorzugten Newsquelle macht. Ob man ernsthaft alles oder auch nur das meiste dessen glauben will, was dort auftaucht.

Und vor allem eines: Man muss, bevor man sich dem Algorithmus ausliefert, vor allem begreifen, dass man sich dann gerne das bestätigen lässt, was man ohnehin schon zu wissen glaubt.

Funktioniert das, dann haben Netzwerke eine Zukunft. Wenn sie sich weiter als trübe Tümpel gefallen, dann brauchen wir gar keine Regulation mehr. Weil sich in trüben Tümpeln auf Dauer niemand wohl fühlt, der halbwegs bei Verstand ist.

Von Christian Jakubetz am 11. Januar 2017 um 5:30 Uhr

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