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Schöner tot schlagen mit Fake News

Was bringt das (Medien-)Jahr 2017? Glaubt man einer nicht ganz kleinen Zahl von internationalen Medienmachern, dann wird das Jahr vor allem eines: anstrengend – und von Umwälzungen geprägt, die von der alten Medienwelt ungefähr nichts mehr übrig lassen.

Einmal im Jahr veröffentlicht das Reuters Institute for the Study of Journalism sein „Digital News Project“ – eine Studie, in der die zu erwartenden Trends eines Jahres zusammengefasst werden. Keine Kaffeesatz-Leserei, kein PR-Sprech und keine überschäumenden Erwartungen, die sich am Ende schneller auflösen als ein Startup in der New Economy. Stattdessen:  Viele Gespräche und Fragen an Menschen, die aus der Praxis kommen und weder der Schönfärberei noch des übertriebenen Pessimismus verdächtig sind (schon klar, ein kleines Quantum Pessimismus gehört zur Grundausstattung des Journalisten, schon alleine deswegen, um beispielsweise nach US-Wahlen nicht allzu überrascht zu sein).

Für 2017 erwartet das Reuters Institute allerdings Dinge, die mit journalismusspezifischem Pessimismus alleine unzureichend erklärt sind. Und auch keineswegs nur Dinge, die uns Journalisten von Berufs wegen interessieren sollten, für den Rest der Menschheit und damit den überwiegenden Rest der Menschheit ziemlich egal sind. Im Gegenteil: Die Erwartungshaltung ist nicht weniger, als dass sich zum ersten Mal seit Ewigkeiten Journalismus und Medien so verändern, dass es heftige Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben wird.

Es sind vor allem zwei Dinge, die unsere Welt 2017 auf den Kopf stellen werden: Fake News und Algorithmen. Das eine, weil man mit dieser Thematik das Vertrauen in ungefähr alles untergraben kann. Das andere, weil sie neben vielen segensreichen Eigenschaften auch eine haben, die ausgesprochen unangenehm ist: Sie lassen uns das glauben, was wir ohnehin schon zu glauben wissen.

Fake News ist das neue Totschlagargument

In dieser Woche hat der President elect Donald Trump eine Pressekonferenz gegeben, die man wahlweise als Farce, Klamauk oder auch als bedrohliche Vorschau auf das, was demnächst auf die Welt zukommt sehen kann. Trump verteilte Fragen nach Gutsherrenart, blaffte Journalisten übel an und zeigte vor allem eines: Mit dem Totschlagbegriff Fake News kann man jede Debatte über alles abwürgen. Warum debattieren und erklären, wenn doch ohnehin alles nur eine Fälschung ist? Man muss, was aus der Sicht des argumentativen Totschlägers eine praktische Sache ist, nicht mal  mehr erklären, warum das alle Fake sein soll.

Dabei ist dieser Begriff der Fake News, die es ja zweifelsohne gibt, ein schleichendes Gift für jede Gesellschaft. Man kann buchstäblich den Glauben an alles verlieren, wenn man sich bei nix mehr sicher sein kann und überall Verschwörungen, den russischen Geheimdienst oder wenigstens die GEZ-Systempresse vermuten muss. Wer aber an nichts mehr glaubt, ist irgendwann paranoid. Wer jetzt den Rückschluss zieht, bei Trump oder auch dem einen oder anderen in bekannten deutschen rechtspopulistischen Vereinigungen erkenne man Paranoia wenigstens im Anfangsstadium, liegt vermutlich nicht verkehrt.

Das Thema Fake News hat also noch ein paar Dimensionen mehr als nur die Frage danach, wie man sie erkennt und verhindert. Am Ende – Vorsicht, Pathos! – geht es bei dieser Frage um nicht weniger als den Kitt, der eine demokratische Gesellschaft auch im digitalen Zeitalter zusammenhält. Man lebt als Gesellschaft schließlich auch davon, dass es ein paar Werte und Überzeugungen gibt, die man miteinander teilt. Wittert man hinter jeder Straßenecke Aliens, dann wird das zunehmend schwieriger. Bis nichts mehr übrig bleibt, was man an Gemeinsamkeiten hat.

Das eine hat mit dem anderen zwingend zu tun

Ausgerechnet das zweite im Reuters-Report benannte Thema hat mit der Gefahr der Fake News einiges zu tun- auch wenn das auf den ersten Blick kaum zu erkennen ist. Tatsächlich aber können sich in dieser Konstellation Fake News und Algorithmen zu einer toxischen Mischung zusammenschließen. Wer also Verschwörungstheorien gerne mal nachhängt und populistische Fake- oder wenigstens Halbfake-News in seiner Timeline hat, der bekommt durch die Macht des Algorithmus zuverlässig immer mehr von dem Quark geliefert. Ein Redakteur des „Spiegel“ hat diesen Selbstversuch vor einigen Monaten mal unternommen. Mit einer zweiten Identität baute er sich eine Timeline und einen Algorithmus auf, der tief in die Welt des Rechtspopulismus eintauchte. Innerhalb weniger Tage, so der Kollege im „Spiegel“, habe sich seine Timeline zunehmend verdüstert. Das ist die fatale Wirkung, wenn eine an sich sinnvolle Technologie Bullshit von Menschenhand potenziert.

Und das alles zusammen? Gepaart mit Populisten, die diese aus ihrer Sicht unendlichen Möglichkeiten der Agitation, der permanenten Verunsicherung und des Infragestellung von ungefähr allem erkannt haben? Ein digitaler Albtraum, den man sich in dieser Form noch vor wenigen Jahren kaum hätte vorstellen können.

Dieser Albtraum hat das Potential, auch die Grundlagen des Journalismus zu zerstören. Weil, auch das prophezeit das Institut für 2017, immer mehr Politiker dem schlechten Beispiel Trump folgen werden. Weil sie Politik via Twitter und Facebook machen, ihre sehr eigenen Wahrheiten verbreiten und unabhängigen Journalismus diskreditieren, schon alleine deswegen, weil er unabhängig ist.

Von Christian Jakubetz am 15. Januar 2017 um 10:01 Uhr

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