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Wie man Fake News entlarvt

Existiert eigentlich der Klimawandel? Hat es bei Donald Trumps Inaugoration aufgehört zu regnen, als der neue Präsident die Bühne betrat? Ist Deutschland ein verwahrlostes, verelendetes Land, voll mit marodierenden Banden krimineller Flüchtlinge? Sind Fake News nicht eigentlich auch nur alternative Fakten? Und waren es nun bei Trumps Amtseinführung mehr Leute oder eher bei Obama?

Bis vor kurzem (genauer gesagt: bis vor einer Woche) hätte es auf solche Fragen eindeutige Antworten gegeben. Mehr oder weniger zumindest.

Jetzt ist eindeutig eindeutig zweideutig.

Noch nie haben so viele Menschen mit einem solchen Enthusiasmus eine Amtseinführung gesehen.

Als Trump zu sprechen begann, stoppte sogar der Regen augenblicklich.

Deutschland ist ein Lande am Rande des Zusammenbruchs.

Und Klimawandel, hey, was soll das sein?

„Alternative Fakten“, so nennt man das in den USA des Jahres 2017. „Neusprech“ hieß es in Orwells 1984 und es ist kein Zufall, dass ausgerechnet dieses fast 70 Jahre alte Buch in den Amazon-Beststellerlisten in den USA in dieser Woche ganz oben stand. Man schafft neue Realitäten, indem man einfach behauptet, es sei so und nicht anders. „Punktaus“, um im Duktus des Weißen Hauses zu bleiben.

USA: Amazon-Charts der vergangenen Woche. Fake News 1984
USA: Amazon-Charts der vergangenen Woche

Wer macht 2017 in Deutschland den Trump?

Populismus und das Verdrehen zu Fakten zu „alternativen Fakten“ – das gehörte schon immer zusammen und sei es noch so absurd.  Absehbar ist schon jetzt: Die Trump-Methode ist weder neu noch sonderlich exklusiv. Man kann darauf warten, dass auch in Deutschland in den kommenden Monaten „Mausrutscher“ oder andere alternative Fakten salonfähig werden.

Ist ja auch verlockend, wie man solche Geschichten über die Bande sozialer Medien spielen kann: Keine lästigen Journalisten, die womöglich Fakten checken. Keine kritische Öffentlichkeit, die unangenehme Fragen stellt oder sogar irgendwelche Diskussionen einfordert. Stattdessen sorgen Algorithmen zuverlässig dafür, dass alles dort ankommt, wo es hin soll. Das ist das Klima, in dem Verschwörungstheorien so blühen wie Nagelpilz.

Warum auch nicht, zumindest aus Sicht von Populisten gedacht? Mittlerweile sind Dinge möglich geworden, die man vor Jahresfrist noch für unmöglich gehalten hätte. Vor allem das Diskreditieren von politisch Andersdenkenden und von Medien aller Art sind  so billig zu haben wie noch nie.

Man nennt das confirmation bias: Das erstaunliche und wissenschaftlich schon lange belegte Phänomen, dass wir in Debatten vor allem auf das hören, was uns das bestätigt, was wir schon lange zu wissen glauben. Für dieses Phänomen sind soziale Netzwerke in der Politik das vermeintlich ideale Mittel: Man kann einfach Dinge in die Runde werfen , ohne dass man sie erklären oder begründen müsste. Das beherrscht – leider – niemand so gut wie der gnadenlose Populist aus dem Weißen Haus, dem die Schmalspur-Populisten in Deutschland in diesem Jahr zumindest ein kleines bisschen nachahmen wollen.

Fake News gehören zur populistischen Standardausrüstung

Die Lüge gehört zur politischen Standardausrüstung des Populisten. Populisten argumentieren nicht, sie drehen sich die Welt so lange so hin, bis sie zu ihren Vorstellungen passt. Populisten ersetzen Plausibilität durch Lautstärke und brüllen schon mal so lang, bis sie recht bekommen (von dem her sind die vielen Vergleiche mit unerzogenen Kindern, denen sich Trump gerade ausgesetzt sieht, gar nicht mal falsch; leider bringt man unerzogene Kinder sehr viel leichter wieder zur Räson).

Was hilft: Man muss Lüge wieder Lüge nennen, sowohl wir Journalisten sollten das tun wie auch alle anderen, die sich irgendwie in sozialen Netzen tummeln (und wer macht das heutzutage nicht mehr?). Fake News, das klingt irgendwie verniedlichend.  Es wäre außerdem eine Idee, nicht mehr unbesehen jeden Unfug zu glauben, der durch das Netz geistert; im obigen Video finden Sie ein paar sehr einfache Möglichkeiten, mit denen man vielleicht noch nicht die Wahrheit herausfindet, aber zumindest einen Eindruck bekommt, ob etwas plausibel ist.

Fake News haben das Potential, eine ganze Gesellschaft zu zerstören (um nichts anderes geht es Populisten ja auch meistens). Die Wahl in Deutschland 2017 ist also nicht einfach eine Wahl zwischen links, rechts oder irgendwas in der Mitte. Sie ist die Wahl zwischen einer bei allen Schwächen funktionierenden Demokratie und den Wahrheitsverbiegern und Gesellschaftsveränderern. Sie ist auch die Wahl zwischen (ebenfalls bei allen Schwächen) funktionierenden Medien oder den Punktaus-Verlautbarungen.

Den Teufel an den Wand gemalt, Hirngespinste, sagen Sie?  Trump ist noch nicht mal zwei Wochen Präsident und hat aus den USA bereits ein anderes Land gemacht. Vielleicht schaut der eine oder andere ja mal rüber nach Washington, bevor er den Populisten hier nach dem Mund redet und irgendwas von System-Medien brüllt.

Von Christian Jakubetz am 28. Januar 2017 um 6:50 Uhr

1 KOMMENTAR

  1. avatar Clemens Lotze sagt:

    Ich begrüße es immer wieder, dass solche Artikel in den Öffentlich-Rechtlichen möglich sind – gerade auch in Bundesländern, die eher für andere Ansichten bekannt sind.
    Doch erscheint mir hier eine etwas einseitige Sichtweise die Realität der letzten Jahrzehnte zu vernebeln.
    Beim mehrmaligen lesen haben sich mir folgende Fragen aufgedrängt:

    Es gab einmal (viele Jahre her!!!) eine Zeit, da konnte man die politische Gesinnung des Nachbarn an der Zeitung oder des Magazins ablesen, welches er abonniert hatte. Die Redakteure hatten stets aktuelle Fakten so gedeutet, wie es ihrer Leserschaft genehm war. Dafür hat man – durchaus im Einverständnis und Schulterschluss mit den entsprechenden Politikern – auch mal einer Zahl nicht jene Priorität zukommen lassen, die sie verdient hätte. Und wenn die Politik Statistiken nicht ausweisen konnte, dann war dies O.K. wenn es der eigenen Ideologie entgegen kam.
    Wo waren in dieser Zeit „die vielen kritischen Journalisten, die Fakten checken“?
    War dieses Verdrehen von Fakten Populismus?
    Ist geschickte Bildauswahl bzw. Blickwinkel auf Demonstrationen je nach eigener Ideologie schon Populismus?
    War der Kampf einiger Blätter gegen Politiker wie z.B. Franz-Josef Strauß salonfähig? War und ist es die Aufgabe von Journalisten sich in die Politik derart einzumischen?
    Welchen Namen geben wir der ehemals angepriesenen Informationsvielfalt durch die privaten Medien? Dschungelcamp? DSDS? GZSZ?…….
    Welche Schmalspur-Journalisten haben mit ihrer Berichterstattung den Fake überhaupt erst zu zu einer News gemacht?
    Und bitte, was ist daran so schlimm, wenn ein mehrheitlich und demokratischer Politiker genau Das nach der Wahl macht, was er vorher versprochen hat?

    Die Zeiten haben sich geändert! Jeder kann mit jedem kommunizieren. Der Redakteur hat die Macht als Gatekeeper verloren. Umso mehr sollte er sich gerade in den nächsten Wochen auf seine eigentlichen Aufgaben besinnen! Fakten checken, bevor sie verbereitet werden. Ein verfrühter, ideologische Freudentaumel in den letzten Tagen über eine angebliches Urteil zu einem Parteiverbot wäre nie passiert, wenn die Redakteure nach den Aussagen im obigen Artikel gehandelt hätten. Doch es kam anders, weil Journalisten eben auch nur noch Menschen sind. Sie lassen sich wie viele Menschen von den sozialen Medien treiben statt sich auf ihre wahren Werte ihres früheren Berufsethos zu besinnen. Dass sie dabei die Demokratie, deren wichtiger Bestandteil sie einmal waren, zerstören, ist ihnen egal. Oder erinnern wir uns über einen Aufschrei wegen einer „Lüge“ der Presse in der Presse? Oder war die Veröffentlichung sogar gewollter „Populismus“?
    Wenn die Presse es nicht schafft in den nächsten Wochen strategisch eine radikale Veränderung zu vollziehen wird sie ihre Existenzberechtigung verlieren.
    Dabei muss berücksichtigt werden, dass sich die Bürger in der Bundesrepublik – anders als in Amerika – glücklicherweise auf eine starke und ausgleichende Präsenz der Öffentlich-Rechtlichen verlassen kann.
    Dieses Jahr wird das Schicksalsjahr für viele Medien werden.

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