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Videos: Das Ende der Kurzknackigkeit

Videos bei Facebook, das ist so eine Sache. Seit irgendjemand rausgefunden hat (und das auch von Facebook bestätigt wurde), dass Videos im großen Algorithmus-Würfelspiel bessere Chancen haben als andere Inhalte, wird die Timeline des durchschnittlichen Users geflutet von Videos. Manchmal kommt man sich vor wie bei YouTube mit etwas mehr Text. Und gelegentlich fragt man sich schon auch mal, welchen Sinn ein Video machen soll. Außer den, dass der dort vorgetragene Inhalt mühelos auch in zwei Zeilen Text gepasst hätte, man aber aus algorithmischen Gründen ein Video gebraucht hat.

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Videos bei Facebook: Künftig spielt die Lö nie nur noch eine untergeordnete Rolle.

Aber so ist das nun mal im Zeitalter des Algorithmus. Irgendjemand bevorzugt aus manchmal mehr und manchmal weniger naheliegenden Gründen irgendwas – und schon machen es ungefähr alle. Das führt zu einer gewissen Monotonie. Vor allem, seit Facebook das Autoplay bei Videos aktiviert hat und man seitdem schnellstens zusehen sollte, dass man sich über unsinnige Videos wegscrollt. Aber klar, wenn man schon ein wenige Sekunden laufendes Video als „View“ gutschreiben darf, dann liegt die Versuchung nahe, mehr Video zu machen.

Videos: Bisher blanker Zahlen-Fetischismus

Aber was sagt es über die Nutzung eines Videos aus, wenn es einfach losläuft, ob man nun will oder nicht? Und wenn es dann auch noch nach wenigen Sekunden abgebrochen wird? Nicht viel, natürlich. Ungefähr so viel wie die erstaunlicherweise immer noch gezählten Pageviews, die letztendlich auch nur verraten, dass jemand eine Seite geklickt hat. (Interessant übrigens nebenher, wie sehr sich Geschichte auch im digitalen Zeitalter immer wieder wiederholt).

Natürlich haben sie auch bei Facebook inzwischen verstanden, dass der Effekt bei Veränderungen des Algorithmus immer der gleiche ist: Macht es einer, machen es bald alle. Mit dem ebenfalls nachvollziehbare Effekt, dass der ursprünglich gewünschte Effekt ziemlich absäuft. Klar, man wird nicht nur Videoplattform, wenn man plötzlich alles als Video einstellt, was sich irgendwie zu einem Video bauen lässt (theoretisch also: alles).

Weswegen es jetzt ein paar Änderungen gibt, die in den kommenden Wochen ausgerollt werden. Das Unternehmen selbst schreibt dazu folgendes:

Today, we’re announcing a change to the way we rank videos in News Feed to adjust the value we give to how much of a video is watched. One of the signals we look at is “percent completion” — the percent of each video you watch — to help us understand which videos you enjoyed. If you watch most or all of a video, that tells us that you found the video to be compelling — and we know that completing a longer video is a bigger commitment than completing a shorter one.

Wenn man das zum einen aus dem Englischen und zum anderen aus dem PR-Sprech übersetzt, dann hat das ein paar zu erwartende Auswirkungen:

  • Bessere Chancen auch für längere Videos: Bisher wurde bei der Frage, wann ein Video abgebrochen wurde,  die Gesamtzeit des Videos nur nach einem Wert berücksichtigt. Nämlich den, wie viel Prozent eines Videos geschaut wurden. Simples Beispiel: Der BR hat im vergangenen Jahr nach dem Tod des Musikers Roger Cicero das Komplett-Video seines letzten Auftritts im BR online gestellt. Dieses Video dauerte 18 Minuten. Kaum anzunehmen, dass eine Mehrheit diese 18 Minuten komplett schaute (das war auch nicht das primäre Ziel). Wenn jemand also von diesem Video sagen wir 90 Sekunden geschaut hat, dann waren das nach der bisherigen Prozentrechnung des Algorithmus nicht mal 10 Prozent. Schaut sich hingegen jemand 90 Sekunden von einem Zwei-Minüter an, dann wären das fast 80 Prozent. Nach der bisherigen Logik wäre das also „besser“ gewesen. Aber das ist natürlich eine unsinnige Rechnung. Weswegen Facebook künftig bei diesem Beispiel auch in Betracht ziehen würde, dass es bei einem 18-Minüter kaum realistisch ist, dass sich eine Mehrheit fast 80 Prozent dieses Videos ansieht. Oder anders gesagt: Es ist viel einfacher, 80 Prozent von drei Minuten als von 18 zu bekommen. Unter dem Strich sollte das künftig bedeuten, dass lange Videos nicht mehr einfach benachteiligt sind, weil sie lang sind.
  • Kurz ist nicht automatisch gut: Umgekehrt ist es dann also fortan ein Trugschluss zu glauben, je kürzer ein Video sei, desto besser seien auch seine Erfolgsaussichten.

Was also tatsächlich künftig zählt ist: Gefällt den Usern ein Video oder nicht? Für Journalisten und auch Nutzer keine schlechte Nachricht. Weil man sich als Journalist künftig wieder trauen kann, auch Beiträge online zu stellen, die länger als 45 Sekunden sind. Und weil man als Nutzer eindeutig mehr Chancen hat auf Beiträge, die nicht einfach nur danach ausgerichtet sind, aufgrund ihrer Kurzknackigkeit eingestellt zu werden.

Kurzum: Mehr Journalismus, weniger plakative Animationen im Sinne von „Trump für Dummys“.

Von Christian Jakubetz am 5. Februar 2017 um 7:09 Uhr

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