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Wir nennen es Journalismus

Die alten Philosphen haben das schon vor hunderten Jahren gewusst: Nichts existiere, außer ein paar Atome und das Leere. Der Rest? Einfach nur Meinung. Das ist ebenso schlau wie folgenreich: Glaubt man dieser Theorie – und nicht sehr viel spricht dagegen – dann ist sie eine prima Grundlage für das, was momentan als Fake News durch die Gegend geistert. Der Begriff, den Donald Trump und andere Populisten zum Totschlagwort gemacht haben…

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Der Factfox wurde bei einem dpa-Hackathon von einem BR-Team entworfen.

Das Prinzip ist ganz einfach: Man stellt alles in Frage und nennt es Fake News, bis der Begriff Wahrheit entwertet worden ist. Wie dreist man sein, wie weit man gehen kann, zeigt der US-Präsident jeden Tag. Das Neueste ist, dass „dishonest Media“ angeblich nicht oder viel zu wenig über Anschläge des IS berichtet haben. Das ist nicht nur nachweislich falsch, sondern auch noch einigermaßen perfide: Medien als heimliche Unterstützer des IS-Terrors, das muss man auch erst einmal hinbekommen…

Journalisten als Lügendetektor

Die Kollegen der New York Times (und einige andere) haben clever daran reagiert: Sie haben auf Trumps Liste der 78 angeblich verschwiegenen Anschläge (darunter Berlin und Nizza) einfach eine exakte Liste ihrer Beiträge zum Thema entgegen gehalten. In diesem Fall war der Faktencheck leicht zu machen: Ein Blick ins Archiv genügt. Zumal man bei diesem Thema auch so eine Art Grundglaubwürdigkeit auf seiner Seite hat. Nicht mal die verschworensten Verschwörungstheoretiker kämen ernsthaft auf die Idee, dass ernstzunehmende Journalisten in Deutschland und den USA mit dem IS sympathisieren und deshalb die Anschläge einfach mal verschweigen.

Leider ist das in vielen anderen Fällen nicht ganz so einfach. Weil Wahrheit unbestrittenermaßen gerne mal zwei oder drei oder noch mehr Seiten hat und die Welt nur sehr selten schwarz oder weiß ist. Eher ist sie öde grau.

Journalisten werden also zunehmend zu den Gatewatchern, wenn sie schon nicht mehr Gatekeeper sind. In krasseren Fällen könnte man auch sagen: zu Lügendetektoren. Nämlich immer dann, wenn die gezielte und dauerhafte Lüge zum politischen Stilmittel wird. (Nebenher gesagt klingt übrigens „postfaktisch“ nahezu schon wieder nett; vielleicht wäre es ein Anfang, wenn man eine Lüge wieder als das bezeichnen würde, was es ist: eine Lüge nämlich.)

Neu: BR-Verifikation und ein Factfox

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BR-Informationsdirektor Thomas Hinrichs.

Der BR reagiert darauf.  Darauf, dass die Zeiten vorbei sind, in denen ab und an mal ein paar faktische Unsauberkeiten irgendwo durchgerutscht sind, die man dann irgendwann mal wieder richtig stellen konnte. Und darauf, dass die neue digitale Freiheit, dass jeder irgendwas irgendwo publizieren kann, auch ein paar Schattenseiten hat.

Beispielsweise die, dass es noch nie so einfach war, Unwahrheiten in die Welt zu setzen, die dann auch noch geglaubt werden. Die Idee dahinter ist eine simple: Man untergräbt solange das Vertrauen darin, dass die Erde eine Kugel ist, bis man es zumindest für denkbar hält, dass sie eben doch eine Scheibe sein könnte. Wenn´s so viele sagen und es dann auch noch in Facebook steht, wird schon irgendwas dran sein.

Zu der Idee, ein Factchecking-Team zu implementieren, gehört auch etwas anderes: nämlich einer Browser-Erweiterung namens „Factfox“, mit der anhand einer dahinter liegenden Datenbank vergleichsweise schnell gecheckt werden kann, ob an einer Geschichte etwas dran ist.

Oder ob es sich dabei nicht doch wieder um postfaktisch frei erfundenes Alternativfaktentum handelt.  (siehe dazu: Gudrun Riedl, Vizechefin von BR24, erklärt im Video, wie dieser Factfox funktionieren soll).

Das alles ist im Übrigen gar nicht so neu, wie es sich anhört. Schauen, was stimmt, sagen was ist, Lügen als Lügen enttarnen, das gibt es schon lange und nennt sich Journalismus.

Aber so nötig wie heute war dieser Journalismus schon lange nicht mehr.

Von Christian Jakubetz am 9. Februar 2017 um 2:10 Uhr

1 KOMMENTAR

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