25951853892_8e20f87e80_k

Hey, wir müssen reden!

Heute Morgen wach geworden – und hey, Donald Trump hat niemanden beleidigt, bedroht und auch keine Terroranschläge in Skandinavien erfunden (zumindest, soweit man das bisher übersehen kann, außerdem ist der Tag ja noch lang). Das gibt die Gelegenheit, mal ein paar Minuten halbwegs in Ruhe nachdenken zu können, ohne dass man gleich wieder auf die neuesten Beleidigungen und Terroranschläge reagieren müsste.

25951853892_8e20f87e80_k Journalismus
Uralt-Telefon oder digitales Gerät? Ganz egal, Hauptsache reden! (Foto: Jakubetz)

Bevor Sie sich wundern, dass es jetzt hier schon wieder um einen fragwürdigen Präsidenten in irgendwo ganz weit weg geht: Das hat nicht nur mit der interessanten These zu tun, dass Trump den Journalismus ungewollt wiederbelebt. Sondern eher damit, dass wir in diesem Jahr auch in Deutschland und Bayern wählen werden und die Debatten über das, was Politik und Gesellschaft und Journalismus im Jahr 2017 eigentlich ausmachen, auch hier landen werden. Selbst wenn hierzulande kein Kandidat mit Vorliebe zu merkwürdigen Frisuren und orangefarbenem Selbstbräuner in Sicht ist: Man kann ja schlecht so tun, als versammelten sich in den USA eine ungewöhnliche hohe Zahl von merkwürdigen Leuten mit kruden politischen Ansichten, die insbesondere Medien und Journalisten doof finden.

Was also tun, damit wir hier in Zukunft noch halbwegs miteinander auskommen und uns nicht wie drüben in zwei Lager spalten lassen, die hauptsächlich brüllend und schimpfend miteinander kommunizieren?

Vertrauen ist alles

Von „Oasis“ gab es mal ein Album mit dem schönen Titel „Don´t believe the truth“. Das klingt angesichts heutiger Verhältnisse prophetisch: Man kann ja inzwischen nicht mal mehr die Wahrheit glauben, weil man niemandem mehr irgendwas glauben kann. Keinem Präsidenten, Politikern generell  und Journalisten sowieso nicht, was damit begründbar ist, dass diese beiden Spezies ohnehin gemeinsame Sache machen.  Konsequent zu Ende gedacht, kann man auch die Mondlandung als nicht existent bezeichnen und daran glauben, dass Elvis als Lastwagenfahrer in Memphis lebt (es gibt dummerweise sogar Menschen, die das tun).

Man kann also durchaus so leben, dass man an gar nix glaubt, nicht mal an die Wahrheit.

Das Dumme ist nur (und hier passt bitte gut auf, liebe Verschwörungstheoretiker): An irgendwas muss man glauben, da bleibt einem leider nichts anderes übrig. Um etwas glauben zu können, muss man wiederum eine Art Grundvertrauen in irgendwas haben. Beispielsweise darin, dass sich weder Politiker noch Journalisten sowas wie die Mondlandung oder den Tod von Elvis ausgedacht haben, nur um euch ein bissel zu ärgern. Und darin, dass Journalisten selbstverständlich sehr fragwürdige Menschen sind, aber ganz so übel, wie sie von Donald Trump dargestellt werden, sind sie dann doch nicht. Die meisten sind ganz ok und nehmen ihren Job so ernst wie jeder andere auch. Dazu gehört, dass man sich weder Geschichten ausdenkt noch schlampig recherchiert und auch, dass man sich keineswegs als Befehlsempfänger von irgendjemandem versteht.

Zugegeben, dass man derart selbstverständliche Dinge ausdrücklich aufschreiben muss, hätte man vor dem Beginn des postfaktischen Zeitalters (also irgendwann vor ein paar Wochen) auch nicht gedacht. Natürlich haben Journalisten schon immer Fehler gemacht. So wie Politiker auch und Bäckereifachverkäuferinnen auch. Nur, dass uns damals (also irgendwann vor ein paar Wochen) nur sehr, sehr bösartige Menschen unterstellt hätten, dass dahinter mindestens Absicht, wenn nicht sogar eine Verschwörung steckt.

Natürlich wird das jetzt keine Publikumsbeschimpfung, zumal Journalisten für  übertrieben viel Selbstherrlichkeit jetzt auch gerade keinen Anlass haben. Natürlich müssen wir als Journalisten und sonstige Medienmenschen fragen, ob wir tatsächlich genug kommuniziert, transparent erklärt und auch debattiert haben, warum wir die Dinge so machen wie wir so machen. Desweiteren ist die Frage vermutlich ich berechtigt, ob wir es nun nicht kuschelig schön in der Komfortzone einer vierten Gewalt im Staat eingerichtet haben, die schon alleine deswegen gebraucht wird, weil sie gebraucht wird.

Auf diese Frage gibt es keine schnellen Antworten. Aber immerhin eine Idee, wie man was vergleichsweise schnell ändern kann: nämlich, in dem man dafür sorgt, dass man dieses Grundvertrauen in unsere Arbeit, das man nun mal braucht, wieder fördert.  Möglicherweise ist Vertrauen nämlich der größte Wert, den man in einer postfaktischen Gesellschaft überhaupt haben kann. Ohne Vertrauen ist alles nix; da können wir jeden Tag auch 25 Stunden rund um die Uhr senden und uns die Finger wundschreiben und tausendmal beteuern, dass wir es mit dieser Gesellschaft doch eigentlich gut meinen. Wir können noch so viele tolle Apps bauen und digitale Kanäle anzetteln – wenn Sie (ja, genau: Sie!) uns hoffnungslos misstrauen, bringt das nichts.

Also bitte, glauben Sie uns. Wenigstens ein bisschen. Und wenn Sie mal ernsthaft Anlass haben, an uns zu zweifeln, reden Sie mit uns. Beispielsweise in diesen sozialen Netzwerken, in denen man auch andere Sachen machen kann, als Leute anzupöbeln oder Katzenbilder zu posten.

Engagieren statt kommunizieren

Umgekehrt, logisch, wäre es auch für uns Journalisten eine ordentliche Idee, mehr zu reden. Engagement nennt man das neudeutsch jetzt so schön. Der Begriff ist deswegen schön, weil er in einer französischen Variante impliziert, dass man sich in der Kommunikation auch mal buchstäblich engagieren muss. Und das ist mehr als nur lustlose Standard-Antworten auf Fragen zu geben oder bei Kritik jeglicher Art pflichtschuldig zu antworten, man werde sie sich schon zu Herzen nehmen.

Auch im Jahr 20 der Massendigitalisierung ist das, zugegeben, für manche Journalisten eine komische Vorstellung. Nämlich die, dass wir als eine Art Moderatoren der digitalen Gesellschaft die Interaktion mit Nutzern quasi in die Jobbeschreibung gepackt bekommen. Reden, posten in sozialen Netzwerken als Teil des Jobs? Aber ja doch. Gerade in unserem manchmal etwas schwierigen Zeitalter.

Bisher, das sei zugestanden, ist die Korrekturkultur in deutschen Medien noch ausbaufähig. Wenn man mal eine Entschuldigung wegen eines falsch geschriebenen Namens entdeckt, dann hält man die entsprechende Redaktion beinahe schon für echte Transparenzweltmeister.

Weg von der reinen Info

Wir haben mal Information verkauft. Das war unser Kerngeschäft und auch durchaus begründet. Weil Informationen ganz, ganz früher Mangelware waren und Menschen danach lechzten, irgendwas zu erfahren. In einem Zeitalter der gezielten Desinformation ist Information zwar immer noch ein lohnenswerter Auftrag. Aber einer, der nur noch funktioniert, wenn man das ganze als Paket mit Analysen, Einordnungen und Hintergründen serviert.

Die reine Information ist heute zu einer eher wertlosen Sache geworden. Erstens, weil es ohnehin genug von dem Zeug gibt; zumindest das, was man für Information halten könnte.  Zweitens, weil Information ohne Kontext heute nicht mehr funktioniert. Das beginnt bei solchen Dingen wie Factchecking, was dringend nötig ist, wie Donald „Sweden“ Trump nahezu täglich beweist. Und es endet bei der Erklärung und der Einordnung, weil die Welt nun mal nicht einfacher wird.

Wir sind viele und immer und überall

Das gilt auch bei der Frage danach, wo genau wir denn nun überall kommunizieren sollen/müssen/dürfen. Die Frage ist natürlich verständlich, dummerweise nur leider nicht so pauschal zu beantworten. Streng genommen müsste man jetzt nämlich sagen: immer und überall. Weil man Menschen nun mal nicht vorschreiben kann, auf welchen Kanälen genau sie sich bewegen. Und weil es inzwischen eben dieses riesengroße Angebot nun mal gibt.

Das ist Gottseidank nur eine theoretische Annahme. Tatsächlich sorgt der Netzwerkeffekt zuverlässig dafür, dass es in der Praxis dann doch weitaus weniger Kanäle als „immer und überall“ sind, die für die Interaktion wirklich relevant sind. Es geht ja auch mehr um die Haltung dahinter. Diese Haltung, dass wir da miteinander sprechen, wo ein Gespräch potentiell in Gang kommen kann. Das wird inzwischen in den seltensten Fällen das gute, alte Telefon sein, obwohl das ja irgendwie schade ist. Trotzdem: Nur wer wirkliche Gesprächsbereitschaft signalisiert, darf erwarten, dass man mit ihm ins Gespräch kommen will.

Danke, Mr.President!

Für all das muss man Donald Trump ja dann beinahe schon wieder dankbar sein (aber nur beinahe). Weil er, wenn alles gut geht, tatsächlich ein paar Dinge reanimiert, von denen wir geglaubt haben, sie seien selbstverständlich, weswegen wir sie wahlweise einschlafen haben lassen oder sie plötzlich überflüssig finden. Wenn alles gut geht, kommt man eventuell dann doch wieder zu der gar nicht mal so dummen Schlussfolgerung, dass Medien und Politiker und eine debattierfreudige Gesellschaft zusammengehören.

Selbst dann, wenn sie sich mal gegenseitig gewaltig auf den Keks gehen.

Von Christian Jakubetz am 21. Februar 2017 um 6:42 Uhr

Kommentieren:

Kommentare werden vor der Freischaltung geprüft. Links sind nicht gestattet.
Mehr in den Kommentarrichtlinien.