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Nur manchmal beste Freunde

Für den nunmehr folgenden Text müssen wir Sie bitten, sich etwas Unvorstellbares vorzustellen: Was wäre, wenn der BR sich aus Facebook (und möglicherweise generell vom Thema soziale Netzwerke) verabschieden würde?

14121760391_e76917ab4f_k soziale Netzwerke
Die Welt trifft sich sozialen Netzwerken – vor allem natürlich bei Facebook. Ein Beinahe-Monopol mit allen Schattenseiten, die Beinahe-Monopole nun mal so an sich haben. (Foto: Jakubetz)

Bevor Spekulationen aufkommen: Der BR hat nicht vor, sich aus der der großen Welt  soziale Netzwerke zurückziehen. Das eint ihn mit ungefähr jedem anderen Medienhaus in Deutschland, Europa und vermutlich auch dem Rest der halbwegs freien Welt. Auch wenn nicht in jedem Haus die Begeisterung über das Facebook-Engagement überbordend groß ist und es inzwischen bei schlauen Medienmanagern zumindest den Gedanken gibt, dass man das Ganze doch mal überdenken sollte, wenn sich da nicht in absehbarer Zeit mal einiges ändert. Mit der Freiheit ist es in der halbwegs freien Welt manchmal eben doch so eine Sache.

Es sind übrigens keineswegs die Ewiggestrigen und Digitalverweigerer, die so denken. Sondern Menschen, die sich zurecht die Frage stellen, wie das alles eigentlich weitergehen soll, wenn es in dem ganzen Spiel einen gibt, der ungefähr alles absorbiert. Ist es wirklich eine gute Idee, wenn man diesen einen Giganten immer weiter und weiter füttert?

Natürlich, liebe Nutzer, hat das ganz viel mit Ihnen zu tun. Weil es ja, zugegeben, nicht unbedingt die Geschäftsidee eines Medienunternehmens sein kann, seine Inhalte bei einem anderen Medienhaus (und nichts anderes ist Facebook de facto mittlerweile) abzuliefern. Aber es gibt eben diesen Erwartungshaltung: Man findet alles, was man wissen muss, auch oder womöglich sogar vor allem bei Facebook. Was daraus entsteht, ist dann eine selbsterfüllende Prophezeiung, ein mediales perpetuum mobile: Die User sind bei Facebook, weil sie glauben, die Medien und deren Inhalte seien ja auch da. Und die Medien sind da, weil die Nutzer glauben, sie seien da oder müssten es zumindest sein.

So viel zu Freiheit und Freiwilligkeit: Natürlich stünde es jedem Medienhaus frei, sofort auf Facebook zu verzichten. Das aber wäre publizistisches Harakiri.

Nutzer handeln meistens gegen besseres Wissen – und ihre Überzeugungen

Wenn es um das Internet als solches und soziale Medien im Allgemeinen und Facebook im Speziellen geht, dann greift das, was Wissenschaftler kognitive Dissonanz nennen. Unzulässig überspitzt ausgedrückt: Wir wissen, dass ein Verhalten oder eine Sache nicht gut ist, machen sie aber dennoch.  Unter normalen Umständen wissen wir, dass Konkurrenz eine grundsätzlich gute Sache ist. Schon alleine deshalb, weil wir dann über Alternativen verfügen.

Im Netz ist das anders: Da fördern wir nach Leibeskräften de-facto-Monopole, Amazon beispielsweise oder eben auch Facebook – obwohl wir uns damit nahezu aller Alternativen berauben (da ist er wieder, der berüchtigte Netzwerkeffekt). Facebook ist so groß geworden, dass man an dem Laden kaum vorbeikommt, schon gar nicht, wenn man als Medium ja letztendlich davon lebt, mehr oder wenige viele Menschen zu erreichen.

Das Dumme ist nur: Die ganze Sache ist zu einem unfairen Spiel geworden. Unfair deswegen, weil es allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz nur einen gibt, der die Spielregeln diktiert. So macht man eigentlich keine Deals miteinander; es sei denn, die Ausgangslage ist ungleich verteilt. Oder man heißt Donald Trump, der unter einem guten Deal nur einen akzeptiert, dessen Regeln ausschließlich von ihm bestimmt werden.

Bevor Sie jetzt denken: Da lamentieren die Jungs bei den Medien jetzt aber mal heftig rum, täuschen Sie sich nicht. Auch Ihnen (ja, genau: Ihnen!) drücken Facebook und Freunde im Regelfall Allgemeine Geschäftsbedingungen rein, die man normalerweise nie im Leben unterschreiben würde. Es wäre übrigens, Pro-Tipp am Rande, gar keine schlechte Idee, so etwas mal genau zu lesen.

Wir sind zu Bütteln des Algorithmus geworden

Tatsächlich hat Facebook uns alle, also Medienmacher- und Nutzer gleichermaßen, zu Bütteln seines Algorithmus gemacht. Der Nutzer sieht, was der Algorithmus ihm erlaubt. Die Medienmacher wissen: Wirklich wahrgenommen werden sie nur mit populärem Stoff, weil der Algorithmus die unangenehme Begleiterscheinung hat, Populäres noch populärer zu machen. Das Nicht-ganz-so-Populäre fliegt dann mal eben raus oder geht zumindest gepflegt unter. Das ist zwar exakt das Gegenteil von der Idee eines seriösen Journalismus, der sich auch mal den sperrigen und nicht ganz so populären Themen widmen muss. Aber dafür interessiert sich ein Algorithmus – nachvollziehbarerweise – nicht. Facebook will keinen Journalismus machen, sondern Menschen möglichst lange auf seiner Seite halten.

Vergangenes Jahr übrigens wurde es dem Konzern zwischendrin mal zu bunt mit diesem ganzen Medienkram. Eine kleine Änderung im Newsfeed, schon waren die klassischen „Seiten“ deutlich runtergestuft. Die Klagen der Medien hielten sich in Grenzen;  vermutlich auch deswegen, weil man als Inhalteanbieter bei Facebook ja keinerlei Rechte im juristischen Sinne hat.

Das ist nicht sehr fein, wie ihr mit uns umgeht, sagen deswegen inzwischen einige Medienmacher. Diese Klage kann man nachvollziehen, selbst wenn man, was ja vorkommen soll, Medien nicht allzu wohl gesonnen ist. Natürlich lässt sich der Standpunkt vertreten, dass Facebook Medien eine Menge an potentieller Reichweite bietet. Auf der anderen Seite: Facebook, nur mal angenommen, ganz ohne journalistische Inhalte, nur mit Katzen- und Urlaubsbildern?

Das würde vermutlich nicht mal Mark Zuckerberg sehr attraktiv finden.

Von Christian Jakubetz am 24. Februar 2017 um 11:01 Uhr

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