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Elite? Schuld an allem!

Journalisten und etablierte Medien sind (mit)schuld daran, dass der Ton in sozialen Netzwerken immer gröber wird. Schreibt das Monatsmagazin „Cicero“ in seiner neuesten Ausgabe – und macht damit mal wieder das ganz große Faß auf: Ist es nicht die Elite, die neuerdings irgendwie an allem schuld ist?

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Immer die Falschen im Bild? Journalismus muss sich neuerdings der Elite-Debatte stellen. (Foto: Jakubetz)

Die Elite hat also versagt. Die eine, offenbar allumfassende Elite, die man überall findet. In der Politik, in der Schule, auf dem Fußballplatz und natürlich und vor allem bei den Medien. Die Medien und die Elite, ist das nicht schön? So einfach und so eindeutig? Vielseitig verwendbar zudem, sogar als Kampfbegriff. Irgendwas nervt und ärgert Sie? Einfach mal die Elite dafür verantwortlich machen und schon hat man für nahezu alles einen Konsens.

Schon klar, ganz so einfach ist das alles nicht. Weil, bitte notieren, verehrte Populisten, im Leben nie etwas so ganz einfach ist. So ganz einfach kommen weder wir Journalisten noch sonstwer aus diesem Elite-Kreis aus dieser Nummer raus. Unbestritten ist, dass ausgerechnet Journalisten nicht gerade zu den kommunikationsfreudigsten Menschen gehören, zumindest dann nicht, wenn sie sich mit der Kritik an ihre eigenen Arbeit auseinandersetzen müssen. In den total analogen Zeiten (also mithin in grauer, sehr grauer Vorzeit) war ernsthafter und vor allem täglicher Dialog mit dem Kunden eher nicht vorgesehen. Und auch die digitale Kommunikation ließe sich an der einen oder anderen Stelle noch verbessern.

Da wird der Vorwurf, man sei abgehoben und weit vom echten Leben entfernt, schnell mal laut.

Der Zusammenhang zwischen Populismus und Elite-Debatte

Trotzdem: Die Debatte über die (Medien-)Eliten werden in erster Linie von Populisten angefeuert, denen es nicht darum geht, dass Medien irgendwie besser oder volksnäher werden. Es gibt einen nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen Populismus und dem Elite-Totschlagargument: Populismus funktioniert nicht, ohne einen gemeinsamen Feind auszumachen. Und der kann, weil Populismus naturgemäß eine breite Masse anspricht, ja nur die Elite sein. Wir da unten, ihr da oben – das hat schon immer passabel gut funktioniert.

Das alles nimmt inzwischen bizarre Formen an: Der Milliardär Trump, der ganz gewiss das Mitglied einer Elite ist, gibt den Robin Hood der Armen und Vergessenen. Der ehemalige Präsident des EU-Parlaments wird als frisches Gesicht und irgendwie Anti-Establishment wahrgenommen; ganz so, als gäbe es einen Job, der sehr viel weniger politische Elite verkörpern könnte als der des EU-Parlamentspräsidenten.

Tatsächlich ist der Begriff „Elite“ inzwischen einer geworden, der von Populisten aller Art nicht als Unterscheidung von unten und irgendwie oben verwendet wird. Sondern in einem eher unangenehmen Sinn: Wer nicht zu uns gehört, wer nicht unserer Meinung ist – der ist eben Elite. Was aus Sicht eines Populisten ziemlich praktisch ist, weil man sich mit Fakten erst gar nicht auseinandersetzen muss. Es reicht völlig aus, jemanden als „Elite“ zu beschimpfen, schon hat sich die ganze Angelegenheit beinahe erledigt. Du Elite, du!

Es gibt übrigens, kleiner Einschub am Rande, hübsche Ansätze, bei denen sich Journalisten zwar mit ihrer Arbeit und ihren selbstredend vorhandenen Fehlern auseinandersetzen; beispielsweise neuerdings bei Reporter-Slams (die Kollegen vom WDR berichten hier über die neueste Ausgabe in Köln).

Der Unterschied zu den Populisten

Kaum etwas ist übrigens weniger elitär als ein Journalismus, der sich den ganzen Tag dem Nutzer stellt und der im Zweifelsfall auch kein Problem damit hat, Probleme und Fehler einzuräumen. Einer, der Fact-Checking zum essentiellen Bestandteil seines Selbstverständnisses macht.

Und einer, der versucht, auf so vielen Kanälen wie möglich erreichbar zu sein; vom klassischen TV- und Radioprogramm bis hin zu Apps oder sozialen Netzwerken. Das ist womöglich der größte Unterschied zu den Elite-Schreihälsen: Wir würden tatsächlich gerne mit Ihnen reden, in sozialen Netzwerken oder wo auch immer. Das Schreien und Pöbeln überlassen wir gerne anderen.

Von Christian Jakubetz am 26. Februar 2017 um 4:48 Uhr

2 KOMMENTARE

  1. avatar Ulf J. Froitzheim sagt:

    Elite ist das Kampfwort derer, die unter Minderwertigkeitskomplexen leiden. Sie neiden Klügeren insgeheim deren intellektuelle Überlegenheit. Der Witz daran ist, dass das Einkommen der für elitär Gehaltenen oft unterhalb dessen liegt, was eine bräsige Drumpfbacke mit bauernschlauen Deals auf die Seite schafft.

    • avatar Christian Jakubetz sagt:

      Naja, schlimmer daran finde ich, dass man mit dem Begriff „Elite“ mittlerweile alles und jeden einigermaßen diskreditieren kann.

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