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Warum Factchecking nicht reicht

Wir müssen nochmal über Schweden reden. Und über Bowling Green und das Massaker, das dort nie stattgefunden hat. Ebenso natürlich über das Brandenburger Tor, das zu nahezu jeder beliebigen Gelegenheit angestrahlt wird, nur nicht, wenn es in Deutschland einen Terroranschlag gegeben hat.  Kurz gesagt: über all die Dinge, die mit dem unschlagbaren  Begriff „Alternative Fakten“ belegt sind und von denen wir bisher glauben, dass man sie nur durch eines widerlegen kann: ständiges Factchecking und deutliches Hinweisen darauf, dass das alles ja gar nicht wahr ist.

Factchecking Twitter
Frau von Storch twittert mal wieder alternative Fakten.

Factchecking klingt also gut, erst einmal. Die amerikanischen Medien haben sich das verstärkt auf die Fahnen geschrieben, zumindest die seriösen. Auch in Deutschland wird das Faktenchecken gerade ein großes Thema, das eigene Beispiel BR sei hier aus Gründen der Billigkeit exemplarisch genannt.

Für Fakten kann man aber auch immun sein. Weil zu jeder Form von Fakten auch eine minimale Grundbereitschaft dazu gehört, Dinge glauben zu wollen. Wer nichts glauben will, glaubt nichts. Da können wir Fakten checken, wie wir wollen. Dass die Erde keine Scheibe ist, kann man nicht mal mit einem Weltall-Bild endgültig beweisen, weil das Bild ja auch eine Fälschung sein könnte…

Man muss sie also mit den eigenen Waffen schlagen, die Faktenverdreher dieser Welt. Nein, nicht falsch verstehen: keineswegs dadurch, dass man jetzt damit beginnt, verdrehte Fakten einfach nochmal zu verdrehen, in der stillen Hoffnung, dass es dann schon irgendwann mal passt.

Neben Factchecking zählt die Aufmerksamkeit

Populisten verstehen sich – zugegeben, zähneknirschendes Kompliment – auf eine Sache ganz besonders gut: Aufmerksamkeit zu gewinnen. Die Methoden mögen fragwürdig sein, aber ans Ziel kommen sie schon. Nicht nur mit dem kalkulierten Tabubruch, der hinterher mit einem Ausrutscher auf der Maus erklärt wird. Sondern mit einer gezielten Strategie, die vor allem in den sozialen Netzwerken stattfindet. Keine Partei beispielsweise hat bei Facebook so viele „Fans“ wie die AfD; mit gezielten Postings und personalisierten Kampagnen kann man da schon mal auf Reichweiten kommen, die denen der „Tagesschau“ nicht so ganz unähnlich sind.

Wundert sich gerade noch jemand darüber, warum es Populisten so erstaunlich gut schaffen, ganze Weltbilder ihrer Wahl zu implementieren?

Fakten checken, sie immer und immer wieder überprüfen und immer wieder dagegen halten, wenn Populisten sich gerade mal wieder die Wahrheit zu ihren Gunsten hindrehen – das ist das eine, was wir machen können. Weil es aber aus Gründen der Dauer-Resistenz nicht reichen wird, brauchen wir etwas anderes: Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit ist das Gut, das im Jahr 2017 entscheidend sein wird, ob wir mit unserer immer noch sehr freien, sehr demokratischen und alles in allem sogar sehr gut funktionierenden Gesellschaft weitermachen können. Oder ob wir auch vom Trump-Virus befallen werden, an dessen Ende keiner mehr etwas glaubt, nichts mehr sicher ist und eine Gesellschaft dann vor allem daraus besteht, dass man sich gegenseitig anbrüllt und sich wenigstens als Vollhorst bezeichnet.

Wie bekommt man Aufmerksamkeit? Nur durch Lautstärke nicht, nur durch möglichst plakative Inhalte auch nicht. Aufmerksamkeit bekommt man da, wo die Menschen sind. Da, wo sich auch die Populisten gütlich tun. Rein in den Social-Media-Dschungel, rein in den „Häuserkampf“ der sozialen Netzwerke, wie es der ORF-Kollege Armin Wolf mal genannt hat!

Von Christian Jakubetz am 27. Februar 2017 um 9:15 Uhr

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