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Ignoriert das Filter-Monster!

Noch nie war es so einfach, nur das zu lesen und zu sehen und zu hören, was man wirklich will. Und noch nie war es so einfach, dabei zum hoffnungslosen Ignoranten zu werden. Nicht alles, was beim Thema Personalisierung technisch möglich ist, ist auch sinnvoll…

26935008313_7ac73cfe47_k Personalisierung
Leben in der Blase: Je mehr Personalisierung, desto größer das potentielle Risiko, alle anderen Seiten des Lebens auszublenden…(Foto: Jakubetz)

Wenn Sie bislang mit Ihrer BR24-App nur bekommen wollen, was Sie wirklich interessieren könnte und dafür deutlich weniger von dem, was Sie vermutlich nicht so spannend finden – dann können Sie das heute schon so einstellen. Mit ein paar wenigen Klicks und mit einer mehr oder weniger gründlichen Pflege von Tags. Das vorausgesetzt, sollten Sie innerhalb kürzester Zeit im Besitz einer App sein, die es in dieser Form nur für einen einzigen Menschen gibt; nämlich Sie. Personalisierung nennt sich das.

Der Begriff ist Programm: Man muss davon ausgehen, dass es zwar nach wie vor eine ganze Menge Dinge gibt, die vom immer noch existenten „allgemeinen Interesse“ sind. Daneben gibt es aber auch Themen, die nur einen kleinen, sehr kleinen und manchmal sogar nur winzigen Teil von Nutzern interessiert. Das mit dem „winzig“ kann aber im Journalismus schlecht ein Ausschlusskriterium sein, weil es sonst beispielsweise ein Ressort wie das Feuilleton schon längst nicht mehr geben dürfte.

Auf der anderen Seite gibt es ja doch noch ein paar andere Seiten, über die man sich unterhalten sollte, wenn wir heute von künstlicher Intelligenz und Personalisierung sprechen. Beides hängt zusammen, beides hat auch eine potentiell andere Seite: Um personalisieren und künstliche Intelligenz einsetzen zu können, muss man den Nutzer kennen. Gut kennen, vermutlich sogar sehr gut.

Personalisierung hat auch ein paar Schattenseiten…

Spätestens da beginnt die Sache mit der Zweischneidigkeit. Eine Personalisierung, wie Sie sie momentan in der BR24 App vornehmen, ist eine kontrollierbare Angelegenheit. Sie entscheiden, sonst niemand.  Wenn Sie einen Text aus einer bestimmten Region oder zu einem bestimmten Thema bekommen, dann wissen Sie wenigstens warum.

Wenn künstliche Intelligenz ins Spiel kommt, meistens in Form von Algorithmen, wissen Sie gar nichts mehr. Sie wissen nicht, was der Algorithmus über Sie weiß. Und Sie haben im Regelfall auch keinen blassen Dunst, nach welchen Kriterien der Algorithmus entscheidet, was gut für Sie sein könnte. Wenn es ein gut programmierter  Algorithmus ist, dürften die Entscheidungen im Regelfall für Sie passend sein.

Ein schlechter Algorithmus macht dagegen Nonsens. Der Autor dieses Textes hatte beispielsweise bei Facebook bereits Vorschläge für Dating-Seiten, für „Seniorbook“ und für eine Einrichtung, bei der er seinen Schulabschluss hätte nachholen können. Tatsächlich bin ich verheiratet, stecke noch nicht im Seniorenalter und habe einen halbwegs passablen Schulabschluss.

Das sind dann die eher lustigen Auswirkungen eines „schlechten“ Algorithmus. Aber was, wenn der Algorithmus mal richtigen Unfug macht?

Filterblasen können schnell zur Verblödungsblase werden

Und dann ist da ja noch die Sache mit der Filter Bubble. Vor ein paar Jahren war das noch als akademische Debatte unter Medienwissenschaftern. Heute wirft jeder, der den Begriff schon mal gehört hat, mit ihm um sich. Vermutlich deswegen, weil wir tatsächlich die Auswirkungen dieses Phänomens in den sozialen Netzwerken jeden Tag zu spüren bekommen. Und zwar so, dass sich jeder mittlerweile seine eigene Wirklichkeit bauen kann, wenn er das will (manchmal passiert das sogar, obwohl man das nicht will).

Wer in der Filter Bubble steckt, wer sich tatsächlich vollständig der Personalisierung ausliefert, fühlt sich wohl und verblödet potentiell dennoch. Weil man immer wieder nur bestätigt bekommt, was man ohnehin zu wissen glaubt. Fühlt sich angenehm an, ist aber dauerhaft ein bisschen problematisch.

Was fehlt, ist neben der anderen Sichtweise der Überraschungseffekt: Manchmal passieren halt auch in Niederbayern interessante Sachen, was man vielleicht gar nicht so glauben möchte, wenn man aus Oberbayern oder Mittelfranken kommt. Wäre man sehr strikt mit der Personalisierung, würde man das nicht mitbekommen, weil die Ratio durchaus zurecht davon ausgeht, dass man sich als Mittelfranke für Themen aus Niederbayern eher weniger interessiert.

So ist das mit allen Themen, weswegen man an dieser Stelle gerne den freundlichen Rat gibt, bei aller Filterbubblerei die Augen nicht völlig vor anderem zu verschließen, weil man sonst in seiner hübschen Blase ein ziemlich einseitiges Bild der Welt gewinnt. Was ziemlich schade wäre, weil die Welt erstens nicht so einseitig ist und weil zweitens oft die Dinge, die man so gar nicht erwartet hatte, die richtigen Großartigen sind.

Man kann in Sinnlosigkeit auch ertrinken

Der Mix macht es aus. Man kann ertrinken in einer Flut sinnloser Nachrichten, in einem Meer von irgendwelchem Social-Media-Quatsch und einer täglichen Kommunikationswelle. Man kann aber auch seine Filter so scharf justieren, dass außer Starrsinn nichts mehr übrig bleibt (für weitere Details fragen Sie bitte einen Anhänger populistischer Weltsichten ihrer Wahl).

Was bleibt, ist am Ende eine einigermaßen banale Erkenntnis. Immer mal wieder reinschauen in Sachen und Seiten und Sendungen, die man ansonsten eigentlich eher nicht schauen würde. Den Algorithmus ausschalten, das gute alte Surfen reaktivieren. Filterblasen-Monster wie Facebook einen Tag konsequent ignorieren. Die Filter aufmachen und schauen was passiert, wenn alles auf Durchlässigkeit gestellt ist. Die eigene Filterblase mit voller Absicht kaputt machen.

Keine Sorge, in die kehren Sie irgendwann so oder so zurück, weil das kein technisches Phänomen ist, sondern in der menschlichen Natur liegt. Aber selbst in einer Filterblase lebt es sich deutlich angenehmer, wenn man weiß, dass da draußen auch noch irgendwas anderes ist.

Von Christian Jakubetz am 5. März 2017 um 2:11 Uhr

2 KOMMENTARE

  1. avatar Jens Arne Männig sagt:

    Könnte ein nächster Blogbeitrag vielleicht einmal die Informationsfilter diskutieren, die Medienunternehmen und Journalisten ihren Lesern, Zuhörern und Zuschauern oktoyieren? Oder anders gefragt: Warum lebt es sich in der Filterblase professioneller Gatekeeper bequemer als in der eigenen?

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