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Fake News, das schleichende Gift

Fake News sind das schlimmste schleichende Gift, das man sich in einer funktionierenden Gesellschaft vorstellen kann. Wie schlimm, das zeigen neue Zahlen: Wir sind demnach auf dem besten Weg, ein Volk von Paranoikern zu werden…

Man sollte nicht alles glauben, was in sozialen Netzwerken steht. Sagen fast 90 Prozent der Deutschen. Genau genommen sagen sie das gar nicht so, aber in der Konsequenz läuft es genau darauf raus: 87 Prozent der Deutschen glauben, dass dort Fake News verbreitet werden. Und nicht nur das: Sie glauben, dass dies gezielt passiert.

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Journalisten, solche in klassischen Medien zumal, können sich demnach entspannt zurück lehnen: Fake News, das ist ein Problem, das immer die anderen haben, vermutlich vor allem Facebook.

Dumm nur: Zwar schneiden klassische Medien in der Frage nach Fake News und damit verbunden auch nach der Glaubwürdigkeit zwar deutlich besser ab. Aber die Zahl muss man sich dennoch vor Augen führen: 39 Prozent der Deutschen glauben, dass in klassischen Medien ebenfalls gezielt Falschmeldungen verbreitet werden.

Das ist erst mal ein Schlag mitten rein ins Gesicht. Mehr als jeder Dritte glaubt das?

Der Journalist in uns denkt sich erstmal: Kann nicht sein. Oder es sind alles Paranoiker. Wenn 90 Prozent an Fakes in sozialen Netzwerken plus fast 40 Prozent an Fakes klassischen Medien glauben, glaubt dann überhaupt irgendjemand noch irgendwas?Fühlen wir alle uns nur noch verfolgt, bespitzelt, belogen und betrogen?

Auf der anderen Seite: Das nennt man dann wohl doch eine handfeste Vertrauenskrise. Natürlich hat es die Verschwörungstheoretiker schon immer gegeben, die in ungefähr allem eine groß angelegte Lüge vermutet haben. Dass Journalisten Fehler machen, geschenkt, auch das hat es schon immer gegeben (merkwürdig, dass man das betonen muss; wäre es nicht so, wären Journalisten die einzig fehlerlosen Menschen auf der Welt).

Die Vertrauenskrise bekommt durch Fake News eine völlig neue Dimension

Aber dass Journalisten gezielt Falschmeldungen verbreiten sollen, das ist eine neue Dimension. Vor allem dann, wenn es nicht mehr nur ein paar Spinner sind, die sich das vorstellen können. Auch das hat es schon immer gegeben: Menschen, die sich alles mögliche vorstellen können und sei es noch so absurd. Aber weil man zugunsten der Menschheit im Allgemeinen und der Deutschen im Speziellen annehmen sollte, dass Deutschland nicht zu knapp 40 Prozent aus Spinnern besteht, ist das eine Sache, wie man sie bisher in einer halbwegs funktionierenden Demokratie noch nicht kennengelernt hat. Und eine, die nicht nur Journalisten besorgen sollte. Sondern auch noch Politiker und selbst all diejenigen, die das ernsthaft glauben…

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Maschine defekt: Knapp 40 Prozent aller Deutschen können sich vorstellen, dass Journalisten gezielt Fake News verbreiten. (Foto: Jakubetz)

Weil es ja so ist: Angenommen, Journalisten würden tatsächlich gezielt Falschmeldungen verbreiten  – das würde konsequent weitergedacht bedeuten, dass wir in einem Land leben, in dem die Lüge nicht nur salonfähig, sondern Teil des Systems ist. Das kennt man bisher aus Demokratien ja eher nicht, so dass Deutschland demnach auch keine echte Demokratie, sondern wenigstens eine Autokratie, wenn nicht sogar schlimmeres wäre. Wäre es so, man müsste sich sehr, sehr ernste Sorgen machen, selbst als bekennender Journalistenhasser.

Politiker und andere irgendwie in diesem Land engagierte Menschen müssten sich demnach auch erheblich sorgen (und dem naheliegenden Reflex widerstehen, mit dem Finger auf Journalisten zu zeigen). Schließlich würde das systematische Verbreiten von Fake News ja auch bedeuten, dass noch jemand dazu gehört, der Interesse an einer solchen Verbreitung hat. Also, Politiker beispielsweise.  Wäre dann also nicht auch unsere Politik und beinahe der Rest der Gesellschaft ein Haufen gerissener Lügner und Fälscher?

Selbst wenn man so argumentieren würde, dass die Rede bei solchen Umfragen ja nur von Journalisten ist und wenn man unterstellen würde, dass dem auch tatsächlich sei: Dann müssten sie sich gleich noch sehr viel mehr Sorgen machen, weil Journalisten dann nicht die vierte, sondern eigentlich die einzige Macht im Staat wären. Gut, in den USA glaubt Donald Trump das schon länger, weswegen er Journalisten mal eben zu „Feinden des Volks“ erklärt hat. Aber der ist ja nur US-Präsident.

Beweisen lässt sich nichts – aber es reicht ja schon ein dumpfes Bauchgefühl

Natürlich sind all diese Überlegungen rein hypothetisch und an manchen Stellen auch einfach nur Nonsens. Zudem: Würde man diese beinahe 40 Prozent fragen, woher sie das eigentlich so genau wissen und wie sie überhaupt darauf kommen, die meisten würden irgendwas von einem Bauchgefühl erzählen. Schon alleine deswegen, weil es handfeste Belege für gezielte Fake News in klassischen Medien eher weniger gibt.

Aber das macht die ganze Angelegenheit womöglich noch schlimmer: Denkt man diese Zahlen zu Ende, dann bedeutet das nicht weniger, als dass fast 40 Prozent der Deutschen mit einem unguten Bauchgefühl dasitzen und es immerhin für möglich halten, es könnte so sein, dass sie Tag für Tag von irgendjemandem belogen werden. Da wird es dann schwierig, nur noch von Verschwörungstheoretikern oder rechtslastigen Minderheiten zu sprechen. Bei 40 Prozent müssen auch eine ganze Menge Brückentagsdeutsche dabei sein; ganz normale Menschen halt, die meinen, am Ende sei doch fast alles Lug und Trug.

Das zersetzt den Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält. Weil Misstrauen das Schlimmste ist, was einer Gesellschaft passieren kann. In diesem Zusammenhang: Der BR-Intendant Ulrich Wilhelm fordert, dass bei der Verbreitung von Fake News auch mal Strafen fällig werden, die richtig schmerzen – und das aus gutem Grund, wie man an diesen Zahlen sieht.

Ist diese Sache mit den Fake News also einfach nur eine Krise des Journalismus und ein bisschen auch eine der Politik? Das wäre fast die angenehmste Variante, ist aber leider nicht so.

Was dabei herauskommt, wenn am Ende niemand mehr irgendjemand etwas glaubt sieht man in den USA. Tag für Tag für Tag.

Von Christian Jakubetz am 6. März 2017 um 4:38 Uhr

1 KOMMENTAR

  1. […] News“:  „Ich war das nicht“ – Manipulationen und andere Lügen (Kölner Stadtanzeiger, BR 24-Blog, […]

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