Möchtest du das wirklich lesen?

Für die folgenden Überlegungen muss der Autor erst mal etwas vorausschicken: Ich zähle selbst nicht mehr zu den Allerjüngsten und bin mit einer Art des Medienkonsums groß geworden, mit dem man den jüngeren Kollegen (also den in etwa 30jährigen, darunter wollen wir ja erst gar nicht mehr anfangen) wahlweise Staunen oder spöttisches Lachen entlocken könnte. Alles andere allerdings nicht, weil mein Medienkonsum wirklich aus einer fernen Zeit kommt. So mit gedruckten Zeitungen und mit versammelter Familie um 20 Uhr vor dem Fernseher und der „Tagesschau“ (Kein Handy! Kein Internet! Doch, liebe Kinder, solche Zeiten gab es mal!).

Foto: Christian Jakubetz
Foto: Christian Jakubetz

Keine Sorge, das wird jetzt keiner dieser öden Früher-War-Alles-Besser-Texte, von denen es ohnehin schon viel zu viele gibt. Die Sache mit dem Alter und der Sozialisation war nur wichtig, weil gerade schon wieder völlig neue Formen des Nachrichtenkonsums auftauchen, die auch deutlich anders sind als das, was wir gerade erst bei der App von BR24 gelauncht haben.

Im Wesentlich geht es darum: Nicht mehr ein mehr oder weniger strukturiertes Nachrichtenangebot  aus den üblichen Bestandteilen wird präsentiert. Stattdessen wird der User in eine Art Chat verwickelt, in dessen Verlauf er sich entscheiden kann, ob er mehr über das Thema wissen will, was genau ihn dabei interessiert – oder ob ihm die Geschichte am Ende dann doch eher gleichgültig ist. Den Dialog übernehmen dabei natürlich nicht Journalisten, das wäre für keine Redaktion der Welt zu leisten. Stattdessen machen Chat-Bots die Arbeit – und die sind in den letzten Jahren ja auch immer schlauer geworden.

QuartzApp1-1In der Praxis sieht das dann so aus wie bei der US-App „Quarz“: Die App verwickelt den User in einen Chat, den er beliebig fortführen und natürlich auch beenden kann. Insofern ist es folgerichtig, dass die Art-Macher auch weniger von einer klassischen Nachrichten-App sprechen: “a conversation about the news — sort of like texting”, heißt es dort.

Gelauncht wurde die App jetzt zunächst nur für iOS. Sie ist erhältlich für das iPhone – und für die Apple Watch. Das ist insofern interessant, weil sich nebenher auch noch zeigen könnte, ob sich diese Form des Nachrichten-Konsums auf einer Smartwatch etablieren könnte.

Dabei ist das Thema „Nachrichten-Chat-Apps“ auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Europa nicht völlig neu. Die BBC experimentiert schon seit rund einem Jahr mit solchen Applikationen – und hat dabei so gute Erfahrungen gemacht, dass sie auf diese Art künftig nicht nur Nachrichten, sondern ganze Dokumentationen erzählen will. Erste Plattformen für diesen Versuch sind „WhatsApp“ und „Viber“.

Hype oder Zukunft?

Womit wir mal wieder bei der Frage angekommen sind, die sich momentan mindestens einmal pro Jahr stellt: Haben wir es mit einem kleinen Hype zu tun oder sehen wir gerade die Zukunft? Um auf die Sache mit dem Alter zurückzukommen: Menschen wie ich und vermutlich beinahe der ganze Rest meiner Generation sind so geprägt, dass wir noch in anderen Kategorien denken. Klar, personalisierte Nachrichten wie bei der BR24-App, das leuchtet ein. Und mobile Information, natürlich – wir alle tragen unser Smartphone nahezu rund um die Uhr mit uns herum und im Netz sind wir sowieso immer und überall.

Aber wollen wir uns erst mühsam durch einen Chat – oder besser gesagt: dessen Simulation – arbeiten, um an den Kern der Nachrichten zu kommen? Ist es nicht genau unsere Erwartungshaltung an Journalisten oder Redaktionen, dass sie sich ein paar Gedanken machen und uns vernünftige Angebote machen, anstatt uns permanent zu fragen: Interessiert Dich das wirklich? Ein bisschen kommt man sich dabei vor wie bei diesen Sprachcomputern in Telefon-Warteschleifen: Wenn Sie sich über unsere Tarife informieren wollen, wählen sie bitte jetzt die 2…

Auf der der anderen Seite: Wenn die halbe Welt mittlerweile mit Messengern kommuniziert, warum sollte man dann die Form und Präsentation von Nachrichten nicht mittelfristig diesem Trend anpassen? Wenn fast eine Milliarde Menschen WhatsApp nutzt und der Facebook-Messenger demnächst in nahezu jede Webseite integriert werden kann, darf man sich diesem Trend der digitalen Kommunikation verweigern?

Meinungen gerne an beta@br24.de, hier in den Kommentaren und natürlich in unseren Social-Media-Auftritten.

 

 

 

Von Christian Jakubetz am 8. März 2016 um 9:45 Uhr

1 KOMMENTAR

  1. avatar Peter Jebsen sagt:

    Ich stehe Quartz komplett neutral gegenüber. Persönlich halte ich die simulierte Chat-Ansprache für überflüssig; aber wenn sie irgendjemanden, der sonst per WhatsApp oder Snapchat Selfies austauscht, dazu bringt, sich auch mal durch das Artikel-Potpourri von Quartz durchzuklicken, fände ich das durchaus positiv.

    Wie erfolgreich Quartz auf lange Sicht sein wird, dürfte primär von der Treffsicherheit des Personalisierungsalgorithmus abhängen. Sollte die mal besser als die von anderen Aggregatoren/Kuratoren sein, lasse ich mich zur Not auch anchatten.

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